Öffentlicher Dienst steht still

Heilbronn lahmgelegt: "So einen großen Streik hatten wir noch nie"

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Verdi streikt mit Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes auf dem Heilbronner Kiliansplatz.
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Auf dem Kiliansplatz schrillen die Trillerpfeifen. Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in der Region streiken ganztägig - dazu hat die Gewerkschaft verdi aufgerufen.

"Wie schön, dass du heut streiken bist. Wir hätten dich sonst sehr vermisst!" So schallt es am Vormittag über den Heilbronner Kiliansplatz. Dort haben sich Beschäftigte aus dem öffentlichen Dienst versammelt. Sie fordern sechs Prozent mehr Lohn - und streiken ganztägig in der Region.

"Wir sind was wert!", rufen sie dem Verdi-Landesbezirksleiter Martin Gross entgegen. Gross sagt: "Fachkräfte werden knapp, dann steigt der Preis. Und dieser Preis ist euer Gehalt!" Der öffentliche Dienst sei bei Befristungen Spitzenreiter. "Die gehören abgeschafft!" Dann wird Gross erneut von Trillerpfeifen übertönt.

Bilder aus Heilbronn: Streik im öffentlichen Dienst

Was die Streikenden wollen

echo24.de hat sich unter den Streikenden umgehört. Tina Mildner ist eine von vier Krankenschwestern, die im Klinikum am Plattenwald arbeiten. Mildner erklärt: "Wir haben zu viel Verantwortung für zu wenig Geld." In der Nachtschicht seien zwei Schwestern für 72 Patienten verantwortlich. Edith Parker sagt: "Es geht uns nicht nur ums Geld." Vor allem gehe es um die Menschen. Von vielen ihrer Patienten hätten sie Zuspruch für den Streik erfahren. Parker: "Natürlich haben manche auch Angst, dass sie mit der Notbesetzung schlecht gepflegt werden."

Die Kunden der Telekom kommen durch den Streik der Angestellten nicht so schnell in Bedrängnis, sie kriegen heute nur keinen Termin für beispielsweise einen Neuanschluss. Ein 49-jähriger Mann, der mit seinen Telekom-Kollegen von Buchenwald im Odenwald nach Heilbronn gekommen ist, sagt: "Mir geht es um sichere Arbeitsplätze." Das Personal werde abgebaut, nur wenige, die in Rente gehen oder ausscheiden, würden ersetzt. "Die Auszubildenden müssen übernommen werden."

Die Azubis, die bei der Bundeswehr in Neckarzimmern im ersten und zweiten Lehrjahr sind, wissen: "Beim Ausbildungsgehalt sind andere schon schlechter dran als wir." Sie hätten aber nur 29 Tage Urlaub. "30 wären natürlich besser", sagt ein 21-Jähriger, der eine Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme bei der Bundeswehr macht.

Wer heute mit dem Bus fahren darf

Abseits der Kundgebung auf dem Kiliansplatz, auf der Allee, ist es am Vormittag ziemlich ruhig - besonders an den Bushaltestellen, wo sonst die Heilbronner Stadtbusse im Minutentakt halten. Ein großes rotes Verdi-Plakat hängt an der Haltestelle und informiert über den Streik. Die ältere Frau, die auf der Wartebank vor dem Plakat sitzt und auf den Bus wartet, hat es offensichtlich nicht gelesen.

Außer den Busfahrern, die ein paar Schritte weiter auf das Ende der Kundgebung warten, um die Streikenden wieder nach Hause, raus aus der Stadt in die Region zu fahren, ist niemand mehr da. Einer der Männer geht auf die Frau zu, um sie zu informieren. Thomas Keim, ein anderer Busfahrer, sagt: "Ungefähr zehn Leute waren heute da und haben auf den Bus gewartet."

Dass die meisten statt dem Bus das Auto genommen haben, hätte man auf den Straßen gespürt. Keim hat die Streikenden aus Richtung Flein nach Heilbronn gebracht: "Um neun Uhr war auf der Neckartalstraße alles dicht, um die Uhrzeit ist der Verkehr sonst schon durch." Sein Kollege Viktor Jonas sagt: "So einen großen Streik hatten wir noch nie." Und Sergej Auerhof berichtet: "Bei uns rufen ständig Leute an und wollen wissen, ob wir auch streiken." Er scherzt, der Azubi müsse einen riesen Bizeps haben - nur, weil er ununterbrochen den Telefonhörer abnehme.

Muss das sein?

Anna Smirnova wartet gegenüber auf der Allee auf den Bus 31 von Sontheim. Sie fährt immer bis zum Europaplatz, weil sie dort International Business studiert. Vom Streik hat sie nichts gewusst ... und muss dann eben zur Hochschule laufen.

Elisabeth Bartel sagt: "Die sollen streiken. Früher musste man ruhig sein. Heutzutage muss man sich wehren." Die Abstätterin sitzt am Heilbronner Rathaus an der Bushaltestelle und wartet - nicht vergebens. "Mein Bus nach Abstatt fährt." Was, wenn sie heute auf einen Stadtbus angewiesen wäre? Bartel: "Das wäre traurig." Sie komme gerade vom Arzt, der Termin stehe schon seit drei Wochen.

Auch für die Abiturientinnen Lea Melke und Elena Neuwert vom Mönchsee-Gymnasium ist der Streik kein Problem. Sie werden nach der Schule von Mama abgeholt. "Für die, die sich nicht fahren lassen können, ist das aber ein Problem." Zwei Mitschüler hätten deshalb nicht am Unterricht teilgenommen.

Von Lisa Reiff

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