Tod in Künzelsau leider kein Einzelfall

Suizid im Alter ein generelles Problem! "Er hat nichts gesagt - und sich dann erhängt"

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Symbolbild.
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Ein älteres Ehepaar nimmt sich in Künzelsau das Leben. Viele sind geschockt. Doch der erweiterte Suizid ist leider kein Einzelfall.

Dieser eine Fall ist Pfarrer Dr. Jürgen Weber besonders in Erinnerung geblieben. Ein älterer Herr hatte sich erhängt. Seine Familie konnte sich später nur an einen Satz erinnern, der auf einen Suizid des Seniors hingedeutet hätte. "Dann tut es halt einen Schlag", hatte er gesagt. Dass dieser Schlag sein Leben beenden würde - daran hatte niemand gedacht. Suizid im Alter ist ein Tabuthema. Doch dass das Problem auch in der Region viel größer ist, als die meisten denken, wurde letzte Woche schmerzlich bewusst.

"Diese Generation fragt selten nach Hilfe", erklärt Weber, Leiter der ökumenischen Telefonseelsorge in Heilbronn. Der erweiterte Suizid des Seniorenehepaars aus Künzelsau macht auch ihn betroffen. Überraschend ist dieser Fall aber nicht gewesen. Weber: "Der Öffentlichkeit ist das nicht bewusst, aber Suizid im Alter ist ein großes Thema bei Selbsttötungen."

Jeder zweite Suizidtote ist 60 oder älter

2015 nahmen sich laut statistischem Bundesamt 4.537 Menschen das Leben, die mindestens 60 Jahre alt waren. Fast jeder zweite Suizidtote stammte damit aus dieser Bevölkerungsgruppe. Doch der selbst gewählte Tod von Senioren wird nach wie vor unterschätzt. Das sieht auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend so. Lösungen fallen aber schwer.

Vor allem, weil die Selbstmordgedanken bei Senioren nur selten nach außen sichtbar werden. "Ältere Menschen tragen das mit sich aus", sagt Weber. "Sie verrennen sich in ihre Ängste und sehen dann keine Perspektive mehr. Ihre Familien wollen sie vor einer etwaigen Last sogar meist noch bewahren." Die Ängste vor einer möglichen schrecklichen Situation, gar nicht die Situation selbst, sind es häufig die zum Tod führen. Angst vor dem Alleinsein, vor Altersarmut, möglichen Krankheiten. Angst vor einem Verlust der Selbstbestimmung.

Senioren nehmen ihr Leben selbst in die Hand - indem sie es beenden

Dann nehmen die Senioren ihr Leben lieber selbst in die Hand. Auch wenn das heißt, dass sie es beenden. Doch es ist ihre Entscheidung. "Für die Ängste und Gedanken dieser Menschen muss man Verständnis haben", erklärt Weber. Es nütze nichts, diese auch noch zu verachten. Stattdessen könnten Angehörige offen das Gespräch suchen. Ehrlich nachfragen sei vielleicht der Schlüssel, um versteckte Depressionen zu entdecken, bevor es zu spät ist.

Weber: "Senioren senden oft verschlüsselte Botschaften. Sie sprechen nicht direkt aus, wenn es ein Problem gibt. Das hat diese Generation nicht gelernt." Stattdessen will sie selbstbestimmt bleiben bis zum Schluss. Manchmal, wie in Künzelsau, sogar gemeinsam. "Selbsttötende Senioren nehmen ihr vermeintliches Schicksal in die Hand. Leider ist es sehr schwer, sie davon abzuhalten."

Information: Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, ist die Telefonseelsorge anonym, kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar. Telefon: 0800/1110 111.

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