Die Tat ist ein Spiegelbild der heutigen Gesellschaft

Messer-Angriff in Heilbronner Innenstadt: Urteil ist gefallen!

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Der 70-jährige Heilbronner muss für fünf Jahre hinter Gitter.
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Der Verurteilte ist nicht nur Täter, sondern ein Stück weit auch Opfer.

Es war eine Tat, die auch die Richter am Heilbronner Landgericht ins Grübeln brachte: Ein bislang unbescholtener 70-Jähriger gerät in einen Blutrausch, sticht auf drei ihm fremde, junge Männer an der Heilbronner Kilianskirche ein und erklärt die Tat im Anschluss gegenüber der Polizei als ein Zeichen gegen Merkels Asylpolitik. Und das, obwohl er bislang weder rechtsradikal noch in irgendeiner Form politisch aufgefallen ist.

Fünf Jahre Haft für Messerstecher in Heilbronner Innenstadt

Heute verurteilte das Landgericht Heilbronn den Russlanddeutschen wegen versuchten Mordes in drei Fällen - jeweils in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung - zu fünf Jahren Haft. Eine Strafe, die angesichts dessen, was passiert ist, zunächst milde erscheint. Schließlich ist bei einem versuchten Mord auch eine lebenslange Freiheitsstrafe denkbar. Und es hätte schlimm ausgehen können: Hätten die Opfer nicht reflexartig reagiert und schützend den Arm vor ihren Körper gehalten - wer weiß, ob sie heute noch leben würden.

Vorsitzender Richter Roland Kleinschroth erklärt während seiner Urteilsverkündung: "Sie haben sich an die arglosen Opfer, die Ihnen den Rücken zugedreht hatten, angeschlichen, da Sie wussten, dass Sie ihnen körperlich unterlegen sind." Damit ist das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt. Den möglichen Tod der Opfer nahm der in Kasachstan Geborene billigend in Kauf.

Messerstecherei an Heilbronner Marktplatz: Frage nach Motiv

Doch warum das alles? In den Stunden vor der Tat am 17. Februar feierte der Verurteilte zusammen mit Gästen den Geburtstag seiner Tochter, einer jungen Frau, die trotz Bachelor-Abschluss in BWL bislang nicht über Praktika in ihren Beschäftigungsverhältnissen hinausgekommen ist. Dies war offenbar eines der Diskussionsthemen während der Feier - und, dass die Tochter ihren Lebensunterhalt ohne Sozialhilfe nicht für finanzierbar hält. Dem Staat auf der Tasche zu liegen - das ist aus Sicht des 70-Jährigen ein No-Go.

Hass und Hetze gegen Flüchtlinge

Im Zusammenspiel des Alkohols, der an diesem Abend floss, den Medikamenten, die der Senior aufgrund zahlreicher Krankheiten einnimmt, der unbefriedigenden familiären Situation und der in sozialen Medien verbreiteten Hetze gegen Fremde und Flüchtlinge griff der Mann dann zur 19-Zentimeter-Klinge und machte sich zum nahen Marktplatz auf, wo sich bekanntlich viele junge Flüchtlinge aufhalten.

Richter Kleinschroth: "Im Netz kursieren viele Hetztiraden. Die setzen sich in einzelnen Menschen fest - und die meinen dann, sie müssten reagieren." Die Pöbler selbst machen sich die Finger nicht schmutzig, säen aber den giftigen Samen, aus dem solche Taten erwachsen. Selbstverständlich ist der Rentner ein Täter - und damit auch zu verurteilen - aber ein Stück weit ist er auch zum Opfer der teilweise aggressiven Stimmung im Land geworden. Kleinschroth: "Die Tat ist ein Spiegelbild der Gesellschaft der heutigen Zeit."

Heilbronner Messerstecher übernimmt Verantwortung

Sofort nach seiner Inhaftierung hat der Heilbronner Verantwortung für seine Taten übernommen, den Geschädigten Entschuldigungsbriefe geschrieben und jedem 2.000 Euro als Täter-Opfer-Ausgleich angeboten, obwohl er seiner Tat selbst ratlos gegenübersteht und sich angeblich an nichts mehr erinnern kann. Trotz der mehr als zwei Promille Alkohol im Blut sei er aber noch eingeschränkt steuerungsfähig gewesen, schließlich habe er um Menschen, die ihn mit seinem Messer in der Hand bemerkt hatten, einen großen Bogen gemacht. Kleinschroth: "Ihnen war klar, dass sie körperlich unterlegen sind. Ihnen ging es nicht darum, gezielt jemanden zu töten, sondern darum, Aufmerksamkeit zu bekommen und ein Zeichen zu setzen."

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