Ein Leben zwischen den Welten

Undercover-Einsatz: Eine Nacht im Obdachlosenheim

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echo24.de-Reporter Daniel Hagmann vor dem Kälteschutz in der Heilbronner Neckarhalde.
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Wie geht es Menschen ohne festen Wohnsitz im Winter? Diese Frage stellte sich unser Reporter Daniel Hagmann.

Als erstes fällt mir die Unordnung auf: Schäbige Matratzen lehnen an der Wand, zusammengeknüllte Decken, auf dem Bettgestell liegen leere Wodkaflaschen, dazu vier leere Bierflaschen auf dem Fußboden. "Das ist dein Zimmer. Der Mann, der sonst hier schläft, soll nachher noch ein bisschen aufräumen", sagt der Sicherheitsmann zu mir. "Danach kommt der Mann in ein anderes Zimmer. Den Raum hast du dann für dich allein."

Nacht im Ungewissen

Der etwa 50 Jahre alte Security ist nicht unfreundlich, sein Blick aber abwertend. So als wollte er sagen: "Junge, krieg' mal dein Leben auf die Reihe und vertrödle deine Zeit nicht in einem Obdachlosenheim." Denn genau dort bin ich für eine Nacht gestrandet, in der Salzgrundstraße in Heilbronn. Auch, wenn das bei meinem Undercover-Einsatz so nicht geplant war.

Bildergalerie: Undercover-Reportage im Obdachlosenheim

Mein warmes Bett und meine 62-Quadratmeter-Wohnung weichen einer Nacht im Ungewissen, wie sie für Zehntausende allein in Deutschland Alltag ist. Wenn plötzlich die Beziehung in die Brüche geht, die Entlassungspapiere auf dem Tisch liegen oder eine schwere Krankheit den kompletten Lebensentwurf wie ein riesiger Hammer zu Staub zermalmt - und man plötzlich obdachlos wird.

Arm dran

Um nicht aufzufliegen, habe ich mir eine erfundene Biografie zurechtgelegt: Ich bin auf der Durchreise, für eine Nacht in Heilbronn gelandet. Offiziell bin ich bei meiner Freundin in Karlsruhe herausgeflogen, arbeitslos und auf dem Weg zu einem Kumpel nach Nürnberg. "Ja, ja ihr seid immer alle so arm dran", sagt der Security in der Salzgrundstraße. Seine Stimme pendelt zwischen den Polen Ironie und bitterer Ernst, als er meine Pseudo-Kurzbiographie kommentiert.

Für den Undercover-Einsatz habe ich mich selbst in einen Obdachlosen verwandelt. Für diese Nacht bin ich ein unrasierter 31-Jähriger mit Wollmütze, dreckigen Jeans und abgeranztem Parka, der es ohne Hilfe nicht mehr auf die Reihe bekommt. "Arm dran" statt "selbst ist der Mann".

Zwischen den Welten

Wie der Tonfall des Sicherheitsmanns bin auch ich irgendwo zwischen den Welten unterwegs. Eigentlich hatte ich meine Nacht in der Kälte-Notunterkunft im Verwaltungsgebäude des Heilbronner Neckarhalde-Freibads verbringen wollen. Dort, wo im Sommer die Leute gut gelaunt im Wasser herumtollen, flüchten nun die ohne festen Wohnsitz vor dem Frost. Zwischen den Extremen.

Auf dem Weg in die Kälte-Notunterkunft gehen Passanten zu mir auf Distanz. Ich bin zwar da, gehöre aber nicht wirklich zur Gemeinschaft. Irgendwie völlig losgelöst von der Erde. Vielleicht erinnert meine Erscheinung auch nur an die Angst vor sozialem Abstieg? Sicher ist davor schließlich niemand. Vom Tellerwäscher zum Millionär? Das geht im Jahr 2018 auch umgekehrt.

Alle Betten belegt

In der Notunterkunft an der Neckarhalde sind die Betten schon alle besetzt, es gibt hier eine feste Stammbelegschaft. Wenn die Teilnahme an der Gesellschaft gerade aus finanziellen Gründen schwierig ist, dann baut man sich eben seinen eigenen Personenkreis auf. Ein gutes Dutzend Personen übernachtet regelmäßig in der Unterkunft.

Hier besteht die Gemeinschaft unter anderem aus den beiden Obdachlosen Bernd und Günter. Fast alle, die hier die Nacht verbringen, sind deutlich älter als ich. Der Betreuer in der Unterkunft erklärt mir, dass ich zunächst in der Neckarhalde warten soll. Die Polizei wird mich später in die Salzgrundstraße fahren.

Ich werde nervös: "Polizei? Wird meine Identität auffliegen? Ist mein Undercover-Einsatz zu Ende, bevor er richtig begonnen hat?" In der Salzgrundstraße ist auf jeden Fall Platz für mich - und als Ortsfremder werde ich den Weg dorthin wohl kaum alleine finden. Die Polizei hat die Aufgabe, Schäden von Personen abzuwenden. Und deshalb bringt sie mich ins Warme. 

Frauenüberschuss

Obwohl klar ist, dass ich bald weiter muss, werde ich von der Gemeinschaft freundlich aufgenommen. Wir unterhalten uns über Fußball, die Region und das Ruhrgebiet - Günters Heimat.

Auch wenn man den Leuten ansieht, dass die Sonne des Lebens nicht gerade auf ihren Alltag scheint: Sie haben offenbar das Herz am rechten Fleck. Man scherzt, gibt mir Tipps, wie ich mich in Heilbronn zurechtfinden kann und, wo es umsonst Essen und Tee gibt. Bernd empfiehlt mir, nach Köln weiterzureisen: "Ärgere dich nicht wegen deiner Ex-Freundin. Im Rheinland gibt es einen Frauenüberschuss, da findest du auf jeden Fall eine Neue." Aus seinem Blick spricht Hoffnung. Aufgegeben und mit dem Leben abgeschlossen hat keiner dieser Obdachlosen.

Richtig nervös

Die Stimmung ist freundlich und gelöst - bis es plötzlich an der Tür klingelt. Die Polizei ist da, um mich zu holen. War's das jetzt? Auch die junge Polizistin ist freundlich und hilfsbereit. Doch auch in ihrem Gesicht ist Unverständnis zu sehen: Warum lungert ein junger Mann in dieser Unterkunft? Zu allem fähig - und zu nichts zu gebrauchen? Ihre Ansprache "Ihren Ausweis bitte", lässt mich noch nervöser werden. Meine Hände werden feucht.

Wenn ich meinen Ausweis herausgebe, gerate ich in Erklärungsnot. Schließlich ist darauf meine Heilbronner Adresse abzulesen. Ich stammle: "Den Ausweis habe ich in Karlsruhe vergessen. Tut's auch mein Führerschein?" Die Polizistin rollt genervt mit den Augen und sagt: "Meinetwegen." Nachdem meine Daten erfasst sind, geht es mit dem Polizeiauto in den Heilbronner Norden.

Zum ersten Mal sitze ich in einem Polizeiauto. Auf der Rückbank. Neben mir die Polizistin, vorne ihr Kollege - mein Rucksack und mein Schlafsack liegen auf dem Beifahrersitz. "Jetzt bloß nicht verplappern", sage ich mir. Interessiert schaue ich aus dem Fenster - offiziell kenne ich Heilbronn ja kaum. Ich bin froh, dass die Polizisten keine Fragen stellen - und halte meinerseits den Mund. Schweigen ist diesmal wirklich Gold wert für mich. Ich bin erleichtert, als wir endlich in der Salzgrundstraße angekommen sind.

Solidarität unter Obdachlosen

Das Zwischenmenschliche im städtischen Obdachlosenheim in der Salzgrundstraße ist ähnlich wie an der Neckarhalde. Als mein  Zimmermitbewohner, wie der Security versprochen hat, kurz für Ordnung sorgt, kommen wir ins Gespräch. Man grüßt sich freundlich, ich bedanke mich fürs Reinigen, was den etwa 40-Jährigen sichtlich freut. Anschließend heißt es "Gute Nacht".

Gelebte Solidarität unter Obdachlosen scheint einen höheren Stellenwert zu haben als in der ach so feinen Gesellschaft, in der viele dem anderen nur so lange etwas gönnen bis er mal mehr hat als man selbst.

Unruhige Nacht

Mein Schlaf ist unruhig. Immer wieder kommt der Zimmergenosse in den Raum, legt sich kurz hin - und geht wieder. Meine Wertsachen habe ich unter der Bettdecke in meiner Hosentasche. Ich gehe auf Nummer sicher. Schließlich weiß ich ja nicht, wer sonst noch alles in diesem Wohnheim unterwegs ist. Auf dem Gang vor der Tür ist es ebenfalls unruhig. Ständig laufen Leute vorbei, Dinge fallen auf den Boden. Erholsame Nachtruhe ist was anderes.

Ich bin froh, als der Morgen graut und das Ende des Einsatzes absehbar ist. Gegen 6.45 Uhr verlasse ich die Unterkunft in Richtung meiner Wohnung. Neben einem Frühstück freue ich mich vor allem auf eine warme Dusche. Und darauf, meinen alten Parka und die durchgelatschten Turnschuhe auszuziehen.

Hoffnung

Als Obdachloser steht man zwischen den Welten. Von den einen kritisch bis abwertend beäugt, aber dennoch nicht ganz verloren, weil es Leidensgenossen gibt, die einen aufmuntern. Und weil offizielle Hilfsorgane in kalten Nächten Unterstützung gegen Erfrierung geben. Mal menschliche, mal physische Wärme.

Eine feste Wohnung und ein warmes Bett sind Annehmlichkeiten, von denen man sich nicht gerne trennt. Auch nicht mal eben für eine Nacht. Dabei geht es weniger um die Dinge an sich, sondern um die Gefühle, die sie vermitteln: Vertrauen und  Geborgenheit.

Und solange gerade auch Obdachlose, denen das Leben übel mitgespielt haben muss, solche Eigenschaften ausstrahlen, besteht noch Hoffnung. Hoffnung auf eine Welt ohne Zwischenwelten und ohne Vorverurteilungen.

Information

Hier gibt's im Notfall Hilfe:

Beratungsstelle der Aufbaugilde in der Wilhelmstraße 26, Telefon 07131/7703-54 oder -52. Hier bestehen Dusch- und Waschgelegenheiten, es werden auch Schlafsäcke und Isomatten ausgegeben. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung 13 bis 16 Uhr.

Tagesstätte "Gildetreff" in der Wilhelmstraße 26, Telefon 07131/7703-77. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 8 bis 15 Uhr, samstags 8 bis 13.30 Uhr. Kostenloses Einfachstfrühstück in der Zeit von 8 bis 10 Uhr. Außerdem montags, dienstags, donnerstags und freitags ab 13 Uhr: kostengünstiges Mittagessensangebot in der Nikolaikirche.

Obdachlosenunterbringung übers Ordnungsamt, Weststraße 53, Telefon 07131/56-2981. Die Obdachlosenunterkunft befindet sich in der Salzgrundstraße 40/1.

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