Mohammed berichtet

Von Syrien bis in die Gartenlaube

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Zur "Heimspiel - Man spricht Deutsch-Party" in der Gartenlaube kommt Mohammed Sabreen im Deutschland-Trikot.
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Mohammed Sabreen erzählt von seiner Reise nach Deutschland, von Schleppern und einer glücklichen Begegnung in Heilbronn. 

Im Alex in Heilbronn sitzt ein junger Mann. Seine grünen Augen verraten seine Herkunft nicht. Sein Lächeln lässt nicht erahnen, dass er Menschen sterben gesehen hat. Mohammed Sabreen kommt aus Syrien. Nach Deutschland ist er den größten Teil zu Fuß gekommen. 

Sabreen ist 27, hat drei Jahre lang Sportpädagogik studiert und verbringt seine Freizeit gerne mit Freunden. Er erinnert sich an Syrien: "Alles war gut. Ich hatte drei Jobs in Damaskus mit guter Bezahlung. Natürlich ist das kein Vergleich zu Deutschland, aber dort und mit 22 Jahren, war es super. Dann hat der Krieg angefangen." 

Von Gewalt hat er nie etwas gehalten, den Wehrdienst in Syrien verweigert. Als der Krieg kein Ende nimmt, kündigt er seine Jobs. "Ich habe im Verein eine Basketball-Mannschaft trainiert, war an einer Privatschule als Sportlehrer angestellt und habe zusätzlich als Personal-Trainer gearbeitet." Sabreen nimmt all seine Ersparnisse und macht sich auf den Weg in die Türkei.

"Dort war ich 40 Tage lang und habe auf eine Möglichkeit gewartet, nach Griechenland zu kommen", erzählt er.  Für umgerechnet 1.000 Euro bekommt er einen Platz auf einem Schiff von Izmir nach Mytilini. "Mitten in der Nacht ist der Motor kaputt gegangen. Dann sind wir herumgetrieben und wussten nicht weiter. Ein mutiger Mann ist tatsächlich ins Wasser gesprungen und konnte das Problem beheben." Wenn er erzählt, klingt es wie der Beginn eines Abenteuers.

Sabreen: "Wir wussten ja, dass es auf der Insel Auffanglager gibt. Als wir angekommen sind, haben wir vier Stunden nach der Polizei gesucht. Die haben uns dann erstmal sieben Stunden warten lassen." Insgesamt sitzen die Flüchtlinge eine Woche auf der griechischen Insel fest. "Es war wie in einem Gefängnis. Es gab nur eine Dusche und eine Toilette für 200 Menschen."

Dann werden die Flüchtlinge auf's griechische Festland gebracht. Von dort aus machen sie sich zu Fuß auf den Weg nach Mazedonien. Ein Bus soll die Flüchtigen weiter durchs Land bringen. Als alle Platz genommen haben, betritt ein Polizist den Bus. Allen stockt der Atem. "Wir wussten, wenn er jetzt merkt, dass wir Flüchtlinge sind, sind wir geliefert und werden verhaftet." Keiner sagt ein Wort. Die mazedonischen Worte des Polizisten versteht ohnehin niemand von ihnen. "Und dann hat ein Mann hinter mir nicht nachgedacht und auf arabisch gefragt, was der Polizist will. Wir dachten, jetzt ist alles vorbei."

Aber die Flüchtlingswelle bietet vielen einen Nebenverdienst. Der Polizist ist korrupt und gibt per Handzeichen zu verstehen, dass er von jedem der Insassen 200 Euro haben möchte, dann wird er sie sogar zum nächsten Bus begleiten. "Wenn du die Wahl zwischen mazendonischem Gefängnis oder 200 Euro hast, zahlst du", sagt Sabreen und lacht. Macht ihn das nicht wütend? "Nein, ich habe viele Leute gesehen, die Geld durch unsere Flucht gemacht haben. Aber die haben doch selbst wenig Geld, sonst würden sie das nicht machen." Mitten in der Nacht lädt der zweite Bus die Passagiere ab. Jetzt noch eine Unterkunft finden? Unmöglich. Also schläft Sabreen zwei Tage lang in einer Moschee. Dann geht es zu Fuß weiter...

Serbien. "Belgrad ist eine wahnsinnig schöne Stadt", sagt Sabreen und lächelt. Es ist kaum zu glauben, dass er bei allem, was er erlebt hat, sein Lachen nicht verliert. Die Gruppen, die gemeinsam versuchen, nach Deutschland zu kommen, werden immer kleiner. 

Da in Ungarn die Grenzen geschlossen und streng bewacht werden, wären große Gruppen zu auffällig. "Das war schlimm", sagt der Sportpädagoge und wird ernster: "Wir mussten versuchen, nachts über die Grenze zu kommen. Wir konnten einen Wachposten beobachten, der patroullierte." 

Im Dunkeln zusammengekauert warten sie gemeinsam. "Aber er hat uns eine Falle gestellt. Er hat getan, als würde er weggehen. Natürlich sind wir losgelaufen - dann kamen die Hunde." Einige schlagen sich in dichtes Gebüsch, zerkratzen sich das Gesicht und den Körper. "Aber immer noch besser, als von den Hunden erwischt zu werden." 

Für viele Familien endet die Flucht hier. Sabreen erklärt: "Einige Kinder waren zu langsam. Die Grenzposten haben sie geschnappt und gerufen, dass die Eltern rauskommen sollen, weil sie sonst die Kinder ins Gefängnis werfen. Manchmal wurde die ganze Familie geschnappt. Manche Frauen haben ihren Männern gesagt, sie sollen allein weitergehen." Sabreen schafft es. So schnell er kann, rennt er zur Hauptstraße des ersten ungarischen Dorfes hinter der Grenze. Mit drei Personen bekommt er dort ein Taxi. 500 Euro pro Person nach Budapest.

Das Geld wird knapper und er weiß nicht, ob er es nach Deutschland schaffen wird. Von Budapest aus bringen "Taxi-Fahrer" viele Flüchtlinge nach Deutschland. Mit sieben Mitstreitern steigt er in einen Wagen. 800 Euro pro Person (!) soll die Fahrt nach Deutschland kosten. "Der Kerl war sehr seltsam. Er ist gefahren wie ein Verrückter und betrunken war er auch." 

"An einem Rastplatz haben wir angehalten. Wir sind ausgestiegen und zur Toilette gegangen. Wir konnten gar nicht so schnell gucken, wie wir festgenommen wurden. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, wo wir eigentlich sind." Erst im Streifenwagen erfährt Sabreen, dass er Deutschland erreicht hat. "Da wusste ich, dass mir nichts passieren wird. Wir waren tagelang auf den Beinen, ich war so erleichtert, dass ich sofort eingeschlafen bin." 

Auf dem Polizeirevier entdeckt der Syrer ein bekanntes Gesicht: Der "Taxi-Fahrer" wurde ebenfalls verhaftet. Die Polizisten fragen, ob Sabreen und seine Mitstreiter den Mann kennen. Sie verneinen. 

Mohammed kommt am 16. Juni 2015 nach Deutschland. Im September 2015 öffnen Kroatien und Tschechien die Grenzen und die Reise nach Deutschland wird erheblich erleichtert. Sabreens Lachen ist ein kleines bisschen bitter, wenn er das erzählt: Nur wenige Monate später wäre es so einfach gewesen. Welcome to Germany! 16 Tage und rund 4.000 Euro braucht der junge Mann, um nach Deutschland zu kommen. Nach zwei Tagen in München und einem Monat in Ellwangen kommt er schließlich nach Heilbronn.  

Wie schafft er es nur, bei seiner Erzählung immer wieder zu lachen? "Naja, vielleicht lache ich nur außen?", sagt Sabreen und schluckt schwer. "Es ist nicht einfach, die Heimat zu verlassen." Seine Augen füllen sich plötzlich mit Tränen und er atmet einmal tief ein und aus. "Ich wünsche mir so sehr, mein Land und meine Familie wieder zu sehen. Aber ich weiß es nicht... " Familie? Seine Eltern und seine vier Geschwister hatten nicht die Möglichkeit, Syrien zu verlassen. "Ich habe viel Geld gespart für die Reise. Ohne Geld ist es einfach nicht möglich." 

Mohammed spricht bereits sehr gut Deutsch. In Heilbronn lernt er den Geschäftsführer der Gartenlaube kennen. Matthias Kern gibt dem 27-Jährigen eine neue  Aufgabe: "Die Fußballmannschaft meines Sohnes konnte keinen Trainer finden und ich wusste, dass Mohammed Sportler ist. Also haben wir das eingefädelt." Später bietet Kern dem Mann aus Damaskus sogar einen Job in der Laube an. Kern: "Ich wusste, dass es Skeptiker geben würde. Denen habe ich eine klare Ansage gemacht und es gab nie Probleme. Mohammed ist ein super Kerl."

Und der weiß gar nicht wohin mit seiner Dankbarkeit. Er sagt: "Matze ist der beste Mensch, den ich getroffen habe. Er hat mein Leben so viel besser gemacht und ich weiß, dass andere schneller arbeiten können, weil sie die Sprache besser verstehen, aber er lässt mich arbeiten." 

Mohammed ist sehr dankbar, für seinen Job ich der Gartenlaube und die Unterstützung, die er von Mathias Kern erhalten hat. 


Sein Sportpädagogik-Studium wird in Deutschland nicht anerkannt. Sabreen hat jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Sobald er die C1-Deutsch-Prüfung bestanden hat, darf er länger in Deutschland bleiben. Dann möchte er in Ludwigsburg sein Studium erneuern. "Es war eine ganz furchtbare Nachricht, dass mein Studium in diesem Land nichts bedeutet. Aber ich mache weiter und möchte dann Sportlehrer hier werden."

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