Lockdown belastet Psyche von Kindern

Experte in großer Sorge – Situation für Kinder im zweiten Lockdown immer dramatischer

  • Jason Blaschke
    vonJason Blaschke
    schließen

Der Lockdown geht nicht spurlos an Kindern und Jugendlichen vorbei. Ein Psychotherapeut aus Heilbronn erzählt, wie dramatisch die Lage derzeit ist.

Wer aktuell versucht, einen Termin bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten zu bekommen, steht vor einer großen Herausforderung. Insbesondere die Praxen für Kinder- und Jugendliche haben derzeit oft keine freien Kapazitäten mehr und müssen junge Patienten im Zweifelsfall abweisen. Der Lockdown in Folge der Coronavirus-Pandemie dauert an. Und damit steigt die Gefahr, dass jungen Menschen seelische Konsequenzen drohen, rasant an.

Die Corona-Regeln sollten uns eigentlich schützen. Was aber, wenn die Schutzmaßnahmen für die Jüngsten in unserer Gesellschaft selbst zur Gefahr werden? Wie dramatisch die Situation mittlerweile ist, weiß Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Manuel Lucas aus Heilbronn nur zu gut.

Lockdown belastet Psyche von Kindern: So dramatisch ist die Lage derzeit

Im Interview mit Jason Blaschke von echo24.de erzählt der Experte, was der Lockdown in Kindern und Jugendlichen auslöst, welche Folgen die Corona-Politik auf Kinder und Jugendliche haben kann und worin er die größte Gefahr sieht. So viel vorweg: Die Situation ist schlimmer, als wir vielleicht erst einmal denken.

echo24.de: Herr Lucas, ist die Zahl der Anfragen für ein Erstgespräch in Ihrer Praxis gestiegen? 
Lucas: Aktuell habe ich einen Wartelistenstopp, weil die Anfragen für ein Erstgespräch so hoch waren, dass eine Aufnahme weiterer Patienten wegen der extrem langen Wartezeit keinen Sinn macht. Ich bekomme mit, dass auch viele Kinder-Psychiater, Ambulanzen und andere Psychotherapeuten keine neuen Patienten mehr aufnehmen, was ich so bisher noch nicht kannte und Grund zur Sorge ist.
Inweiweit belastet der derzeitige Lockdown die Psyche von Kindern und Jugendlichen?
Ich stelle fest, dass die Eintönigkeit und das Wegfallen der vielen Aktivitäten, die wichtig für das Aufrechterhalten des Selbstwerts und der Stimmung sind, viel deutlicher zum Tragen kommen als in der ersten Welle. 
Also kommt es verstärkt zu Ängsten oder depressiven Episoden?
Ich beobachte, dass depressive Episoden, Zwänge und vor allem auch Ängste häufig auftreten.
Was belastet Ihre Patienten im Lockdown am meisten?
Viele meiner Patienten belastet, dass sie ihrem Onlineunterricht schwerer folgen können, als im Präsenzunterricht. Ganz klar fehlen ihnen aber auch die Gruppenerfahrungen oder die körperliche Anwesenheit und Nähe von Freunden. Das führt zu Belastungen, die wir nicht mehr so flexibel ausgleichen können.
Worin sehen Sie im Lockdown die größte Gefahr für die seelische Gesundheit von Kindern?
Die größte Gefahr sehe ich darin, dass viele Kinder und Jugendliche unbehandelt bleiben, entweder aufgrund des Infektionsrisikos oder durch die Probleme, einen geeigneten ambulanten oder stationären Behandlungsplatz zu finden. Ich merke das aktuell daran, dass es für meine Patienten auch durch mein Zutun viel schwerer ist, einen Termin für eine medikamentöse Mitbehandlung bei einem Kinder-Jugendpsychiater zu bekommen.
Therpieplätze sind also schwer zu bekommen. Wird es daher vermeht zu Langzeitfolgen kommen?
Natürlich muss man davon ausgehen, dass eine unbehandelte Symptomatik wahrscheinlicher zu einer Chronifizierung führt. Je länger die Krise und die damit verbundenen Einschränkungen andauern, desto eher kann dies der Fall sein.

Lockdown belastet Psyche von Kindern: Was Eltern dagegen tun können

Was können Eltern tun, um die Gefahr für die psychische Gesundheit ihrer Kinder zu minimieren? Das sind die Tipps von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Manuel Lucas aus Heilbronn:

  • Suchen Sie das Gespräch, wenn Sie feststellen, dass es ihrem Kind nicht gut geht.
  • Versuchen Sie zu spüren, was Ihr Kind gerade am meisten belastet.
  • Binden Sie ihr Kind ein, wenn Sie nach Lösungen für die Probleme suchen.
  • Sorgen Sie im Alltag ihres Kindes für Abwechslung. Zum Beispiel durch Ausflüge oder das Treffen mit einem Freund oder einer Freundin. Trösten Sie ihr Kind, wenn es für einen Wunsch keine Lösung gibt.
Können Sie im Lockdown dennoch etwas Positives sehen?
In Krisen beweist sich die Beziehungsqualität zwischen Eltern und Kind. Krisen können sogar eine Chance sein, die Beziehung zu stärken, da nun die Eltern eher gefragt sind, die Kinder zu unterstützen und Bedürfnisse zu erfüllen.
Was meinen Sie: Ist der derzeitige Lockdown schlimmer als der Erste im vergagenen Jahr?
Ich sehe dieses Mal eine stärkere Belastung. Insbesondere weil der Lockdown länger anhält und noch unklar ist, wie lange die Einschränkungen andauern werden.
Führen Sie Ihre Sprechstunden derzeit digital durch?
Ich biete meinen Patienten beides an. Die Videosprechstunden werden aber sehr gut angenommen, sogar häufiger als im ersten Lockdown im vergangenen Jahr.

Das Interview mit Lucas zeigt, dass der anhaltende Lockdown in Deutschland allmählich seine Schattenseite offenbart. Umso erfreulicher ist es, dass die Schulen in Baden-Württemberg bald wieder öffnen sollen. Allerdings bleibt abzuwarten, inwieweit es tatsächlich zu landesweiten Kita- und Schulöffnungen kommen wird. Die Mutationen des Coronavirus bereiten vielen Experten sorgen. Erst kürzlich brach in einer Kita in Freiburg eine mutierte Variante des Coronavirus aus.

Lockdown belastet Psyche von Kindern: Wann sollten Eltern Hilfe holen?

Sollte sich die Stimmungslage des Kindes stark verschlechtern, sei es wichtig, sich professionelle Hilfe zu holen, so Lucas. „Eine psychische Symptomatik äußert sich durch deutliche Beeinträchtigungen. Beispielsweise fallen die Schulleistungen deutlich ab oder das Kind zieht sich aufgrund von Ängsten von Freunden und Bindungspersonen zurück.“

Depressiv? Hier bekommen Sie Hilfe

Wenn Sie sich in einer verzweifelten Lage befinden, kontaktieren Sie bitte umgehend die TelefonSeelsorge®. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Berater*innen, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufgezeigt haben.”

Der Appell von Lucas: „Es ist ganz wichtig, dass wir darauf vertrauen, gemeinsam aus der Krise herauszufinden. Auch wenn es schwer ist, eine akzeptierende Haltung zu den Maßnahmen zu pflegen.“

Rubriklistenbild: © Adobe Stock

Das könnte Sie auch interessieren