"Ein Leben mit Sucht ist kein Spaziergang"

Weg von Sucht und Drogen: Heilbronn hilft

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In eine Sucht gerät man schnell.
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Ein Drogensüchtiger hat weitaus mehr Probleme, als die Sucht allein. Viele müssen ums Überleben kämpfen - allerlei Hilfe bietet der Kontaktladen in Heilbronn.

"Ich war sehr jung, als mein Stiefvater mich von Zuhause rausschmiss. Meine Mutter hielt zu ihm. Ich hatte keine Bleibe mehr. Oft zog ich dann mit meiner Schwester durch die Gegend. Ich geriet an die falschen Leute, kam irgendwann zu den Drogen. Ich hatte keine Ahnung von alldem. Wie denn auch? Ich wurde ja nie aufgeklärt. Also fing es bei mir gleich mit Heroin und Kokain an - vier Jahre lang war ich süchtig danach. Dann zog ich aus Heilbronn weg. Drei Jahre lang habe ich es geschafft, clean zu sein. Doch als ich zurückkam und die bekannten Leute der Szene wieder traf, fing alles von vorn an. Man rutscht da immer wieder rein. Zwei Entzüge habe ich bereits hinter mir."

Die Geschichte von Tanja R. (Name geändert) möchte keiner selbst erleben. Wer nicht auch schon seine Erfahrungen mit Drogen gemacht hat, kann sich kein Bild davon machen. Von einer Heroinsucht, einer Abhängigkeit, wieder loszukommen, muss unvorstellbar hart sein. Heute ist Tanja R. 47 Jahre alt und bekommt vom Arzt Methadon verschrieben. Ein Opioid, das als Heroin-Ersatzstoff wirkt.

Die 47-Jährige erzählt: "Ich habe mir aus eigener Entscheidung heraus gesagt, dass ich nicht mehr heroin- und kokainsüchtig sein möchte. Seit 23 Jahren bin ich das auch nicht mehr. Momentan mache ich ein Substitutionsprogramm - im Kontaktladen Heilbronn kann ich meine Pumpen austauschen."

Der Heilbronner Kontaktladen beim Busbahnhof besteht seit 1998. Er bietet eine Anlaufstelle für Konsumenten illegaler Drogen. Diese beinhaltet günstige Speisen, Duschen, medizinische Versorgung, warme Kleidung und helfende Gespräche. Hier können Süchtige außerdem ihre Spritzen tauschen. Ute Müller-Dieterle, ehrenamtliche Mitarbeiterin, ist von Anfang an mit dabei.

Sie erklärt: "Ich arbeite neben dem Kontaktladen auch bei der Kirche - zum Beispiel bei der Seelsorge. Als der Laden gegründet wurde, war für mich klar, dass wir als Kirche nicht so tun können, als würde uns das nichts angehen."

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Vor allem geht es ihr um die gegenseitige Wertschätzung und den Respekt zwischen den Arbeitern und den Besuchern. Die Begegnung auf Augenhöhe spielt dabei eine wichtige Rolle. Ein Erfolg seitens der Besucher definiert sie nicht durch einen Entzug. "Wenn jemand etwas ändern möchte, wird er dabei unterstützt. Wenn nicht, dann wird er genommen, wie er ist. Erfolg bedeutet, dass die Leute Vertrauen fassen und sich öffnen. Und dass sie immer wieder zu uns kommen."

Auch außerhalb des Kontaktladens begleitet Müller-Dieterle die Besucher. Denn: Auch in ihrer Freizeit lassen sie deren Lebensgeschichten nicht los. "Es beschäftigt mich, aber es belastet mich nicht. Ich habe größte Achtung vor denen, die zu uns kommen. Mit einer Sucht zu Leben, ist kein Spaziergang!"

Bronwen Strohm (links) und Ute Müller-Dieterle sind ehrenamtliche Mitarbeiterinnen im Kontaktladen Heilbronn.

Die ehrenamtliche Mitarbeiterin Bronwen Strohm aus England ist unter anderem für die Kleiderausgabe zuständig: "Alle sind hier sehr freundlich. Die Kunden brauchen uns und es tut gut, zu helfen. Ich habe in unserem Team das Gefühl, nicht allein zu sein und alles zu schaffen." Seit einem Jahr ist sie jetzt im Team dabei. Die Arbeit im Kontaktladen habe ihr Leben bereichert, erzählt sie: "Ich spreche nicht sehr viel mit den Leuten, da mein Deutsch noch zu schlecht ist. Aber die Arbeit hilft mir dabei, mich zu integrieren und die Sprache zu lernen."

Tanja R. kann nur gutes über den Kontaktladen berichten: "Ich fände es sehr schade, wenn es das alles hier nicht mehr gäbe. Ich bekomme viel Unterstützung und bin sehr dankbar dafür. Das Einzige, was ich schade finde: Vom Staat kommt wenig Unterstützung."

Die gute Stimmung im Kontaktladen ist spürbar. Die Besucher kommen aufgeschlossen herein und können sich fallen lassen. Abseits von jedem Szenestress können sie hier runterkommen - ohne dass sie irgendjemand zu irgendetwas zwingt.

Von Laura Ziegler

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