Bauchgefühl vs. weltoffene Grundeinstellung

Wenn Angst in Heilbronn aufkommt...

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Symbolbild.
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Ausländerfeindlichkeit ist mir fremd. Doch das Bauchgefühl hat manchmal eine eigene Logik.

Nach Freiburg oder Bochum Angst vor Ausländern haben? Panisch überreagieren und Hass schüren? Ich? Auf gar keinen Fall! Doch was, wenn der Punkt kommt, an dem man sich plötzlich doch unwohl fühlt? An dem äußerliche Merkmale bei anderen Personen in einem selbst ein beklemmendes Gefühl auslösen. In dem ein mulmiges Bauchgefühl mit der positiven Lebenseinstellung und weltoffenen Werten kämpft. Genau das ist mir in der vergangenen Woche passiert. Und ich war nicht allein mit meiner Angst.

Das Ganze spielte sich in und rund um einen Discounter in der Nähe der Heilbronner Innenstadt ab. Eigentlich wollten wir abends nur schnell etwas im Wollhaus besorgen. Doch die Parksituation war katastrophal, deswegen entschieden wir uns: Parken auf dem Discounter-Parkplatz. Mein Freund verschwand in Richtung Wollhaus, und ich wollte ein paar Teile einkaufen. Und manchmal ist das einfach so: Noch während ich in meiner Handtasche nach dem Einkaufschip kramte, lief mir ein leichter Schauer über den Rücken. Ich schaute mich um und stellte fest, dass eine ganze Truppe junger Männer mich aus Richtung des Einkaufswagen-Häuschens beobachtete.

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Vielleicht hätte mir das Schmeicheln sollen. Tat es aber nicht. Stattdessen wäre ich am liebsten wieder ins Auto eingestiegen. Doch mein Freund war bereits weg – und der Schlüssel auch. Also die Flucht in den Laden? Ich habe mich dann selbst angepflaumt. "Stell dich nicht so an, du Angsthase. Die stehen doch nur da." Und gemocht habe ich mich in diesem Moment auch nicht: "Fängst du jetzt auch schon an, Vorurteilsgespenster zu sehen?"

Also Kopf hoch, selbstbewusster Schritt, Einkaufswagen holen. Doch ausgerechnet jetzt waren kaum noch Wagen da. Ich musste ein paar Schritte in das Häuschen gehen. Allein. Im Dunkeln. Und hinter mir näherte sich eine Person. Einer der jungen Männer trat im Eingang eine Zigarette aus. Mehr nicht. Aber es reichte, um schnellstmöglich mit dem Wagen zum Discounter zu laufen.

Im hellen, warmen Geschäft angekommen habe ich mich ausgelacht. Doch dann fing das Spiel von vorne an. Plötzlich stand ein junger Mann neben mir. Ob er tatsächlich derselbe war von vor dem Laden, kann ich nicht mit Sicherheit bestätigen. Aber in dem Moment war mir das auch egal. Er kam mir näher, zu nah, griff an mir vorbei nach einer Packung Tomaten. Und wieder der Gedanke: "Bin ich verrückt? Schiebe ich völlig unnötig Panik?"

Abschütteln konnte ich das ungute Gefühl, dass ich hier – bewusst oder unbewusst – bedroht werde, doch nicht. Also wollte ich meinen Freund anrufen. Der war schließlich nur wenige Minuten entfernt. Sollte zurückkommen. Aber: kein Empfang! Also: Handy in der Hand behalten. Und: Handtasche rumdrehen, damit der Reißverschluss vorne ist und ich ihn sehen kann. Blöd, ich weiß, aber notwendig, um mein Sicherheitsgefühl wieder herzustellen. Jacke schließen. Blick geradeaus und zielstrebig einkaufen.

Ich war mir sicher, dass ich übertreibe und meine Angst irreal ist. Doch eine junge Frau hatte mich offenbar beobachtet. Beim Obst beugte sie sich zu mir herüber und flüsterte: "Die selben Bewegungen mache ich auch immer, wenn ich hier drin bin."

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