Nach versuchter Vergewaltigung im Leinbachpark

Wie ein Heilbronner Fall für Hetze missbraucht wird

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Auf Twitter kursieren viele Falschmeldungen zum Thema.
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Eine versuchte Vergewaltigung im Leinbachpark schlägt hohe Wellen. Vor allem bei rechten Gruppierungen.

#dankemerkel, #schönbunthier oder auch #dievielen – unter anderem mit diesen Hashtags wird derzeit eine versuchte Vergewaltigung in Heilbronn im Netz diskutiert. Nicht immer, aber doch sehr häufig wird rassistisches Gedankengut zumindest angedeutet - doch der mutmaßliche Täter ist Deutscher.

Am vergangenen Donnerstagmorgen hatte eine Frau mit ihrem Sohn den Leinbachpark durchquert, als ein Mann sie angriff und versuchte, ihr die Hose herunterzuziehen (wir berichteten). Wenig später wurde der 39-Jährige festgenommen, dann ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Ein weiterer Vorfall am Mittwochabend wird ihm ebenfalls zur Last gelegt. Und es könnte noch mehr Taten gegeben haben. All dies veröffentlichte die Polizei am Freitag in einer Pressemitteilung.

Geänderte Richtlinien für die Veröffentlichung der Nationalität

Dabei gab sie auch die Nationalität des Mannes preis: deutsch. Journalisten wägen bei der Verarbeitung dieser Mitteilungen in jedem Fall einzeln ab, ob sie die Nationalität nennen. Das journalistische Kontrollorgan, der Deutsche Presserat, hat nach den Kölner Vorfällen in der Silvesternacht 2015/16sogar seine Richtlinien hierzu abgeändert. Demnach kann eine Veröffentlichung nicht mehr nur bei gegebenem Sachbezug, sondern auch dann sinnvoll sein, wenn ein "begründetes öffentliches Interesse besteht."

Wann genau dies der Fall ist, ist für Redaktionen enorm schwer zu entscheiden. Nationalitätsnennungen sollten immer noch die Ausnahme sein. Als regionales Newsportal haben wir uns in diesem Fall FÜR eine Nennung entschieden. Wie die Heilbronner Stimme übrigens auch. Nicht, weil es tatsächlich relevant für den Fall wäre (der Tatversuch ist furchtbar, egal, wer ihn verübt, darin sind wir uns einig). Sondern weil wir der Meinung sind, dass bei möglichen weiteren Taten des Mannes, eine Chance besteht, dass eine Tat oder ein Tatversuch nicht zur Anzeige gebracht wurden. Wenn nun aber der Täter öffentlich näher beschrieben wird und klar ist, dass er bereits verhaftet ist – vielleicht macht das anderen Mut. Auch wenn wir diese Annahme nicht beweisen können, wenn die Chance besteht, dass sie zutrifft, wollen wir zur Aufklärung beitragen.

Nicht nachfragen, einfach drauflos hetzen

Viele andere, nicht lokale, Medien haben die versuchte Vergewaltigung ebenfalls aufgegriffen – und sich gegen eine Veröffentlichung der Nationalität entschieden. Aus presserechtlicher Sicht ist selbstverständlich auch das richtig. Die fehlende Beschreibung wird nun allerdings dazu genutzt, hineinzuinterpretieren. Zu behaupten, es sei ein Täter mit Migrationshintergrund – obwohl das nirgends so steht. "Wenns ein Deutscher gewesen ist, wäre es erwähnt worden", begründet ein User bei Twitter seine Annahme. Dazu postet er den Link zum passenden Artikel von tag24.de.

Doch es geht noch konkreter gegen Flüchtlinge oder Migranten: "Jetzt sind sie halt da", schreibt beispielsweise Andreas K. bei Twitter und verlinkt hierzu den Artikel von t-online zum Fall. "So geht's halt mit Merkels Gästen in einem Land, in dem wir gut und gerne leben", heißt es in einem anderen Post zum selben Artikel. Dabei findet sich auch bei t-online kein Hinweis auf die Nationalität des Mannes. Nachfragen werden aber gar nicht erst gestellt. Stattdessen wird einfach drauflos gehetzt.

AfD Heidelberg korrigiert Fehlinterpretationen ihrer Follower nicht selbst

Auch die AfD Heidelberg teilte einen Artikel zum Thema – in diesem Fall den der "Welt". Auch hier ließ der Autor die Nationalität weg. Auch wenn sich beim AfD-Post keine direkte rassistische Hetze erkennen lässt, so ist sie immerhin versteckt zu finden. Denn die Partei ironisiert den ursprünglichen Wahlkampf-Hashtag der CDU #fedidwgugl (Abkürzung für: Für ein Deutschland in dem wir gut und gerne leben.) schon seit längerem im Zusammenhang mit Straftaten von Flüchtlingen oder Migranten.

Prompt hängen sich zumindest einige Follower an dem vermeintlichen Ausländer-Faktor auf. Richtig stellt die AfD-Heidelberg die, so muss man dann vermuten, erhofften falschen Schlüsse ihrer Follower nicht. Dabei wäre es auch für sie ein Leichtes gewesen, die Fakten zu überprüfen. Die ursprüngliche Pressemitteilung der Polizei ist schließlich für jeden frei zugänglich – nicht nur für Journalisten.

Zum Glück übernehmen die Richtigstellung andere, posten unermüdlich die Artikel, in denen die Nationalität zu lesen ist oder verweisen eben auf die Polizei. Trotzdem: Für viele Köpfe ist es dann schon zu spät, die haben die falsche Information abgespeichert und im schlimmsten Fall weiterverbreitet.

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