Gefahr für heimische Tierwelt oder Vorwand zur Jagd?

Abschuss oder nicht? Tierschützer und Jagdverbände streiten um Nilgänse

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Die Nilgans sorgt immer wieder für Streit zwischen Tierschützern und Jägerverbänden
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Wie ist der richtige Umgang mit Nilgänsen am Neckarufer und auf dem BUGA-Gelände? Jagdverbände, Biologen und Tierschützer streiten verbittert, doch eine Lösung scheint nicht in Sicht.

Es liegt Streit in der Luft rund um die BUGA 2019: Die Ausbreitung der Nilgänse sorgt immer wieder für Aufregung zwischen Tierschützern und Jagdverbänden in Heilbronn. Dabei scheinen die Fronten verhärtet: Jäger pochen auf den Abschuss der Gänse, um die heimische Vogelwelt zu schützen. Umweltverbände sprechen von bewusst geschürten Vorurteilen gegenüber den Nilgänsen. 

Verbreitung Nilgänse in Baden-Württemberg

Fakt ist: Der Bestand auf dem BUGA-Gelände der ungebetenen Gäste hat sich im vergangenen Herbst reduziert, wie BUGA-Chef Hanspeter Faas bestätigt: "Fünf oder sechs Nilgänse" hielten sich im Oktober auf dem Gelände der Bundesgartenschau auf. Wo die restlichen Tiere abgeblieben sind, ist nicht geklärt. 

BUGA 2019: Was passiert, wenn Passanten auf dem Gelände oder am Neckarufer angegriffen werden?

Das Problem bleibt: Was passiert, wenn zum Start der Bundesgartenschau am 17. April die Nilgänse zurückkommen oder sich gar gegenüber Passanten aggressiv verhalten? Die Stadt Heilbronn ist sich der möglichen Gefahr bewusst, sieht aber keinen konkreten Handlungsbedarf. 

Auf Nachfrage teilte Pressesprecher Christian Britzke echo24.de mit: "Es gibt weiterhin einen hohen Bestand an Nilgänsen am Neckar, weniger jedoch auf dem Gelände der Bundesgartenschau. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine Pläne der Stadt, gegen die Nilgans-Population vorzugehen. Aber sollte sich im Laufe des Frühjahrs die Situation ändern, werden wir die Angelegenheit neu bewerten."

NABU: Heilbronner Nilgänse sind nicht besonders aggressiv

Wie der Naturschutzbund (NABU) gegenüber echo24.de erklärte, seien Nilgänse nur in bestimmten Situationen und räumlich wie zeitlich begrenzt aggressiv: So zum Beispiel bei Nahrungskonkurrenz, zum Schutz von Nest und Jungvögeln und bei Unterschreiten des Individualabstands von 30 bis 50 Zentimetern.

NABU: Heilbronner Nilgänse stehen in der natürlichen Hackordnung oben

Laut Naturschutzbund verhalten sich Nilgänse nicht besonders aggressiv gegenüber heimischen Tieren.

Gegenüber den meisten anderen Vogelarten verhielten sich Nilgänse nach Angaben des Naturschutzbundes an Land neutral, gleichgültig und desinteressiert. Zu beachten sei, dass auf Gewässern offenbar eine Art "Hackordnung" herrsche. So werden laut NABU Attacken gegenüber Stockenten beobachtet, in Einzelfällen kann es sogar zur Tötung kleinerer Wasservögel kommen.

Der NABU hält einen Abschuss der Nilgänse auf dem Neckar und dem BUGA-Gelände deshalb für keine geeignete Lösung. So seien mit dem Gewehr nur kurzfristige Erfolge möglich und ein dauerhaft eingrenzender Effekt auf die Bestände laut Verband unwahrscheinlich. 

Nilgänse nicht aggressiv? Prominenter Vogel-Experte widerspricht NABU vehement

Dr. Matthias Reinschmidt - Leiter Zoo Karlsruhe

Der aus Funk und Fernsehen bekannte Biologe Dr. Matthias Reinschmidt - ehemaliger Leiter des Loro Parks in Teneriffa und jetziger Zooleiter des Zoologischen Stadtgarten in Karlsruhe - widerspricht den Äußerungen des NABU vehement. "Bei Nilgänsen handelt es sich um eine so genannte invasive Art, die mit ihrer Ausbreitung Lebensräume, Arten oder Ökosysteme beeinträchtigen und daher der biologischen Vielfalt schaden können." Deshalb habe die Europäische Union den Lebendfang mit Fallen und den Abschuss erlaubt.

Aggressives Verhalten verdrängt Heilbronner Tiere

Darüber hinaus zeigten Nilgänse nicht nur gegenüber kleineren Tieren ein dominates Verhalten, sondern auch gegen körperlich überlegene Tiere, wie zum Beispiel den Storch. Dr. Reinschmidt berichtet echo24.de von einem Fall aus dem Karlsruher Zoo, bei dem ein im vergangenen Jahr zurückkehrender Storch sein Nest über Wochen gegenüber zugeflogenen Nilgänsen verteidigen musste. 

"Wir halten bewusst bei uns im Zoo keine Nilgänse, aber durch die Ausbreitung der Art kommt es auch innerhalb des Zoogeländes zu ungebetenen Gästen, die unseren Tieren das Leben schwer machen."

Jagdverband Baden-Württemberg stimmt Dr. Reinschmidt zu

Der Jagdverband Baden-Württemberg stimmt auf Nachfrage von echo24.de den Erläuterungen von Dr. Reinschmidt zu und verweist auf eine Durchführungsverordnung der EU: Für invasive Arten sind Managementmaßnahmen vorzusehen, um ihre weitere Verbreitung abzuschwächen (Durchführungsverordnung (EU) Nr. 2017/1263). 

In Baden-Würtemberg wurden laut Jagdverband Nilgänse - sowie die weiteren Neozoen (bezeichnet Arten, die sich ohne oder mit menschlicher Einflussnahme in einem Gebiet etabliert haben, in dem sie zuvor nicht heimisch waren) - Gänse Kanadagans und Rostgans - 2015 in das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufgenommen. Im letzten Jagdjahr 2017/18 wurden in Baden-Württemberg 999 Nilgänse erlegt. 

Trotz der nun eingeführten Bejagung vermehren sich Nilgänse nach Verbandsangaben derzeit noch rasant weiter, da das hohe Vermehrungspotential und die noch offenen Lebensräume das Populationswachstum antreiben. 

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