Ungewöhnliches Lager am Straßenrand

Wollkleider und laues Bier: Darum campen diese Heilbronner wie im Mittelalter

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Im Mittelalter wussten die Menschen auch mit Hitzeperioden umzugehen. Diese Mittelalter-Fans machen es ihnen nach.
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Ihr Lager am Straßenrand zieht die Blicke auf sich: Männer, Frauen und Kinder in langen Kleidern und Wollsachen – mitten im Sommer. Auch in der größten Hitze sind sie gut drauf.

Wer auf der Straße zwischen Heilbronn-Biberach und Bad Rappenau-Bonfeld unterwegs ist, kann sie nicht übersehen: schmucklose Zelte, aus denen Männer, Frauen und Kinder herüber winken. Diese Leute laufen aber trotz Sommerhitze nicht in Bikini und Badehose  herum, sondern tragen Sachen, die seeehr warm aussehen. Wer sie besucht, versteht, was hier los ist.

"Wir sind vom Verein für historisches Handwerk und lebendige Geschichte", erklärt Claus Dücker aus Heilbronn-Biberach. Seine Partnerin Cathrin Schumacher lüftet das Geheimnis der Klamotten. Es sind Kleidungsstücke, die im Mittelalter üblich waren. Die Männer tragen Wams oder so was ähnliches wie Hosen, deren Beine man von der Unterwäsche losbinden und runterkrempeln kann. 

Die Frauen sind für damalige Verhältnisse geradezu unzüchtig leicht bekleidet – nur in Unterwäsche! Lang, wallend, aus Leinen und Wolle. "Wenn wir komplett gewandet wären, hätten wir deutlich mehr an", sagt Cathrin Schumacher und lacht.

Lange Kleider, warmes Bier in Heilbronn: Campen wir im Mittelalter

Zwölf Leute, vier Zelte, zwei Hunde und ein paar Autos. Passanten könnten das für wildes Camping halten. Aber die Vereinsmitglieder sprechen nicht von Camping. "Wir haben hier unser Lager aufgeschlagen", erklärt Schumacher. 

Das tun sie bereits zum zweiten Mal. Vergangenes Jahr an etwas versteckterer Stelle, aber dennoch öffentlich: Im Rahmen des Biberacher Kultursommers waren Schulen und Kindergärten eingeladen. "Da hatten wir 80 Kinder hier." Zweck des Vereins ist es, das Mittelalter zu leben, Wissen von damals zu bewahren. Etwa bei Mittelaltermärkten, auf Burg-Events oder eben in Kinderferienprogrammen.

"Wir machen das hier aus Liebe zum Mittelalter", erklärt Sabine Schade aus Freiburg. Eine Leidenschaft, die viele teilen. "Es ist faszinierend zu sehen, was die Menschen damals konnten. Im Verhältnis zu denen können wir nix." Stimmt schon. Feuer machen ohne Streichholz und Feuerzeug, einen nahezu unzerstörbaren Löffel schnitzen oder zur Not mal eben eine wirkungsvolle Waffe herstellen – wer weiß denn sowas?

Im Zelt bei Bruthitze: So lässt sich es aushalten

Die Gluthitze kann den Leuten in dem coolen Zeltlager nichts anhaben. "Wir machen das gleiche wie die Menschen damals auch: genügend trinken, im Schatten aufhalten." In der Jetztzeit hält der Kühlschrank Speisen und Getränke frisch, aber wie war das im Mittelalter? Claus Dücker erklärt: "Einfach ein Loch buddeln und ein nasses Tuch drüber."

Aber ist ein Bier bei mehr als 30 Grad im Schatten nicht ätzend lau? Findet Dücker gar nicht. Augenzwinkernd sagt er: "Mein Bier ist bettgekühlt." Es steht hinterm selbstgezimmerten Bett im Schlafzelt – wo immer ein angenehmer Luftzug ist. 

Von wegen Camping: So geht Schwertkampf

Die Freizeit ist auch ohne Playstation und TV nicht langweilig. Wollfäden müssen gesponnen, Stoffe bestickt, Lederstücke zu Geldbörsen werden. Alles mit mittelalterlichen Handwerkstechniken.

Zwischendurch hält ein kleiner Waffengang fit. Christian Fingerle aus Köngen hat sein Wissen übers Fechten aus uralten Schriften. Sogar als er und Dücker mit ihren Schwertern langsam und GANZ vorsichtig üben, wird schnell klar: Damals ging es nicht zimperlich zu. 

Das Jetzt und Hier lehnen die Lagerbewohner übrigens nicht ab. Die Holzteller werden mit Geschirrspülmittel sauber gemacht, das Dixi-Klo ist nicht weit. "Ich bin Dachdeckermeister und habe die ganze Woche über das Handy am Ohr", berichtet Christian Fingerle. "Hier kann ich es weglegen und abschalten." Auch Cathrin Schumacher kann  zeitgemäß: "Wir haben auch einen Wohnwagen – so ist das nicht."

Lange Kleider und warmes Bier: Wiederholung in Heilbronn geplant

Das Lager ist seit Sonntagabend abgebaut. Der Verein  für historisches Handwerk und lebendige Geschichte plant im kommenden Jahr eine Wiederholung. Wenn es terminlich klappt, möchte er dann die Kinder der Stephen-Hawking-Klasse aus Heilbronn-Biberach zu einem Besuch einladen. 

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