Jeder hat die Wahl

Kim Kardashian als Konsum-Göttin? So rütteln zwei Heilbronner Künstlerinnen auf

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Annika Winkelmann (links) und Mirjam Roth mit ihrem Entwurf eines modernen Ablassbriefs. 
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Der Einzelne wird machtlos, wenn er sich in die Abhängigkeit von Promis und Konzernen gibt.

Es ist komplett paradox: Man kauft einen Detox-Tee, um sich zu entgiften. Dabei ist das industriell gefertigte Gebräu voller Schadstoffe. Und ein Wunderbaum fürs Auto, der die Luft reinhalten soll, hat auf gar keinen Fall was in Kinderhänden zu suchen. Die Inhaltsstoffe sind alles - nur nicht gesund. Dabei liegt es doch in der Macht eines jeden, sein Leben natürlich und nachhaltig zu gestalten - oder sich eben komplett in die Hände von Konzernen zu begeben. Doch dann sind wir ganz schnell im vermeintlich finsteren Mittelalter - und vom Ablasshandel der Kirche nicht mehr weit entfernt.

Heilbronner Künstlerinnen: Konsum kann jeder selbst gestalten

Mit ihrer Ausstellung "Detox" in der Heilbronner Zigarre wollen die beiden Künstlerinnen Annika Winkelmann und Mirjam Roth am vergangenen Wochenende die Besucher aufrütteln - und zeigen: Jeder hat es selbst in der Hand wie er sein Leben und seinen Konsum gestaltet. Klar: Jeder weiß, dass überbordender Konsum der Umwelt schadet, ein Teller voll Gemüse nachhaltiger ist als ein Schnitzel und Flugreisen mehr Kohlenstoffdioxid verursachen als Bahnreisen. Und trotzdem handelt jeder - mehr oder weniger - falsch. Und umweltschädlich.

Wunderbäume sollen die Luft reinhalten - und sind doch völlig ungesund.

Ganz in Kirchentradition haben die beiden Künstlerinnen aus Heilbronn einen Ablassbrief im Angebot: Für zehn Euro kann man sich 24 Stunden von seinen größten Umweltsünden freikaufen - etwa Gier und übertriebener Verpackungsmüll. Winkelmann erklärt: "Das ist ähnlich, wie die symbolischen Beträge, die Supermärkte neuerdings für Plastiktüten verlangen." Sicher ein Schritt in die richtige Richtung, aber bei Weitem nicht genug. Denn ebenso wie beim Ablasshandel gibt der Einzelne dabei die Macht ab - und wäscht sich selbst in Unschuld.

Kunst in Heilbronn zeigt: Influencer wie Kim Kardashian sind die neuen Götter

Ein besonderes Highlight der "Detox"-Kunst-Ausstellung am vergangenen Wochenende in der Heilbronner Zigarre: der völlig überladene Schrein hinter einem Vorhang in einer Ecke. Der Besucher muss zuerst auf einer Bank niederknien - und dann hat er die modernen Götter vor sich. Politiker wie Donald Trump, Konzernchefs wie Jeff Bezos, Influencer wie Kim Kardashian und fiktive Figuren wie Yoda aus "Star Wars".

Der Schrein der "Detox"-Ausstellung zeigt, wer in der modernen Welt für manche einen Gott-Status einnimmt.

Die Heilbronnerin Mirjam Roth erklärt: "Wir wollen den Entgiftungsbegriff 'Detox' in den Kontext von Glaube und Wissenschaft stellen. Jedem ist es überlassen, an was er glaubt und wen er anbetet." Sobald sich der Mensch aber in seinem Denken und Handeln in die Abhängigkeit anderer begibt, wird er zunehmend machtlos. In der Ausstellung wird das am Niederknien der Leute vor dem Schrein sichtbar: Es ist ein aktiver Entschluss - und gleichzeitig eine Unterordnung.

Auf die Straße zu gehen, Verantwortung zu übernehmen und die eigene Macht einsetzen, wie in der Fridays-for-Future-Bewegung ist dabei sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Denn der Versuch eines Freikaufens im Stil des Ablasshandels packt das Problem nicht an der Wurzel - sondern macht alles nur noch schlimmer.

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