Junge Mutter berichtet über Erfahrungen

Hebammen-Notstand in Heilbronn: "Hoffe, dass sich keine Frau so alleingelassen fühlen muss wie ich"

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In Heilbronn herrscht wie fast überall in Deutschland ein Notstand in Sachen Hebammen. (Symbolbild.)
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Hebammen sind in Heilbronn und der Region Mangelware. Für viele Schwangere und junge Mütter eine verzweifelte Situation.

Heute ist Leo zwei Jahre alt. Seine Geburt und die Schwangerschaft mit ihm hat Mama Jasmin aber noch nicht vergessen. Nicht nur, weil Leo ihr erstes Baby war. Jasmin fand 2017 keine Hebamme. Ausgerechnet als Erstgebärende musste sie allein mit den Veränderungen in Körper und Leben klarkommen. Leider ist Jasmin kein Einzelfall. Wie ihr ergeht es vielen werdenden Müttern. In Heilbronn und der gesamten Region herrscht auch zwei Jahre später Notstand in Sachen Hebammen. Besserung ist kaum in Sicht.

Heilbronn: Hebamme zu finden ist "mehr oder weniger Glückssache"

"Es ist mehr oder weniger Glückssache und abhängig vom Wohnort, ob eine werdende Mutter eine Hebamme findet", erklärt Christel Scheichenbauer im Gespräch mit echo24.de. Die zweite Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg weiß, dass es viele Frauen wie Jasmin gibt, die am Ende trotz aller Mühen ohne eine fachkundige Begleitung dastehen.

Jasmin hatte bei Leo bereits in der 11. Schwangerschaftswoche mit der Suche begonnen. Doch sie blieb ohne Erfolg. "Eine Hebamme hatte Termine zur Vorbereitung im September 2017. Mein Entbindungstermin war aber der 21. Mai", erklärt die Heilbronnerin. Auch außerhalb ihres Wohnohrts gab es damals keine Hilfe. "Obwohl ich die Liste hoch und runtertelefoniert habe."

Heilbronn: Hebammen-Notstand liegt am krassen Personalmangel

Dass Mütter trotz früher Bemühungen keine Hebamme finden, liegt laut Scheichenbauer schlichtergreifend am krassen Mangel. "Wir sind mittlerweile einfach nur früher ausgebucht, dadurch werden wir aber nicht mehr." 98 Hebammen verzeichnet der Verband im gesamten Gebiet Heilbronn-Hohenlohe. 28 waren davon aktuell (Stand: August 2019) passiv gemeldet, also derzeit nicht tätig. Inwieweit die anderen 70 Kapazitäten haben, darüber hat der Verband keine Daten. Eines wird aber in jedem Fall deutlich: Die etwa 5.000 Geburten (Statistisches Landesamt, 2016) im Gebiet Heilbronn-Hohenlohe können nicht einmal annähernd ausreichend betreut werden.

Vier Wochen vor ihrer Entbindung hatte Jasmin 2017 doch noch geglaubt, immerhin für die Nachsorge eine Hebamme an ihrer Seite zu haben. Bei einem Besuch sei damals vereinbart worden, dass es einen erneuten Kontakt nach der Geburt geben sollte. "Mein Sohn kam donnerstags auf die Welt. Am Sonntag verließ ich das Krankenhaus und kontaktierte am selben Tag die Hebamme. Sie sollte Dienstagnachmittag kommen. Tja - was soll ich sagen? Darauf warte ich heute noch."

Hebamme in Heilbronn: Geburtshelfer arbeiten eigenständig an Notlösungen

Sicherlich ist diese Unzuverlässigkeit ein Extremfall. Häufig arbeiten Hebammen eher über ihre Belastungsgrenzen hinaus, um möglichst viele verzweifelte Schwangere betreuen zu können. Scheichenbauer: "Die arbeiten sich oft krumm und können ihr Pensum kaum noch bewältigen." Nicht selten versuchten die Hebammen sogar eigenständig Lösungen gegen den Notstand zu finden. "Für uns ist das nicht befriedigend."

Das Problem des Fachkräftemangels und der fehlenden Lösungen in Sachen Hebammen besteht deutschlandweit. 2020 soll mit dem Inkrafttreten eines neuen Gesetzes zur Akademisierung des Berufs Abhilfe geschafft werden. Ab da an müssten Hebammen ein duales Studium absolvieren, wie der Deutsche Hebammen-Verband erklärt. Dies soll den Beruf laut Entwurf attraktiver machen. 

Heilbronn und Region: "Hoffe, dass es bald wieder genügend Hebammen gibt"

Bis es so weit ist, werden aber weiterhin viele Schwangere und junge Mütter ohne die Betreuung durch eine Hebamme dastehen. Das wollen Geburtshelferinnen in Heilbronn und der Region aber nicht einfach hinnehmen. Sie suchen konsequent nach Lösungen für Betroffene wie Jasmin. So gibt es beispielsweise im Klinikum am Gesundbrunnen und in Öhringen eine Hebammen-Ambulanz für Gebärende ohne persönliche Betreuung. Auch in Obersulm wird für Hilfe suchende Frauen eine Sprechstunde angeboten. Weitere Möglichkeiten sind laut Scheichenbauer beispielsweise das Elterncafé "Bauchgeflüster" in Weinsberg, das Haus der Familie oder der Kinderschutzbund in Heilbronn sowie das Familienzentrum in Brackenheim.

All diese liebevollen Angebote sind aber wohl dennoch nicht vergleichbar mit der persönlichen Betreuung durch eine Hebamme des Vertrauens, die bei Schwierigkeiten greifbar ist und auch Hausbesuche macht. Jasmin wäre froh gewesen, wenn sie diese Möglichkeit gehabt hätte: "Ich hoffe, dass es sich bald wieder lohnt, den Beruf der Hebamme auszuüben und es wieder genügend Geburtshelfer gibt, die einen so wichtigen Job machen. Ich hoffe, dass sich keine einzige Frau so allein gelassen fühlen muss wie ich damals."

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