Düsteres Szenario in Sachen Coronavirus

Corona-Chaos in Heilbronn: „Blanker Horror“ - Arzt platzt der Kragen

  • Julia Thielen
    vonJulia Thielen
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In Heilbronn geht der Kampf gegen Corona auch nach einem Jahr nur schleppend voran. Ein Arzt ist stinksauer – und zeichnet ein düsteres Szenario.

Eine Anzeige in den Printmedien ist für einen Hausarzt eher ungewöhnlich. Vielleicht schaltet er einmal eine, wenn er Mitarbeiter sucht. Vielleicht sogar zum Jubiläum. Dass ein Arzt auf diesem Wege versucht, seine Patienten zu informieren sagt viel. Dass diese verunsichert sind, dass sie nicht wissen, wo sie Informationen herbekommen könnten – und letztlich auch, dass der Hausarzt selbst dringenden Handlungsbedarf sieht. So wie ein Arzt aus Heilbronn, dem wegen des Corona-Chaos in der Käthchenstadt nun der Kragen platzt.

„Als Corona-Schwerpunktpraxis führen wir Schnelltests bei Erwachsenen durch. Anspruch auf diese Tests haben ALLE Bürger in Baden-Württemberg“, heißt es in der Anzeige, die am 31. März erschien. Geschaltet hat sie die Arztpraxis Kirchhausen in Heilbronn. Als Corona-Schwerpunktpraxis bietet sie nicht nur Patienten die Möglichkeit, sich mindestens einmal wöchentlich kostenlos testen zu lassen. Auch impfen soll „nach Ostern“ möglich sein. Doch: Wissen tut es offenbar kaum jemand.

Heilbronn: Arzt platzt wegen Corona-Chaos der Kragen - „blanker Horror“

„Wir mussten erstmal in den Ortsnachrichten inserieren, damit die Leute Bescheid wissen“, erklärt Dr. Mark Glasauer im Interview mit echo24.de. Für ihn ist es nur die Spitze des Eisbergs eines riesigen Chaos rund um die Corona-Pandemie. „Wir sind nah an der Katastrophen-Lage. Wir rennen dem Virus seit einem Jahr immer nur hinterher. Wir müssten mehr miteinander reden, endlich vorausplanen“, klagt der Hausarzt an.

Wir regulieren uns zu Tode, es ist der blanke Horror.

Doktor Mark Glasauer, Arzt aus Heilbronn-Kirchhausen

Stattdessen würde man sich im Bürokratie-Dschungel verrennen. „Wir regulieren uns zu Tode, es ist der blanke Horror“, sagt Glasauer. Besonders beim Impfen sieht er großen Optimierungsbedarf. Nicht nur wegen des gravierenden Impfstoffmangels, sondern vor allem wegen der seiner Meinung nach mangelhaften Strategie.

Heilbronn: Chaos beim Impfen - Arzt platzt der Kragen

„Die Umsetzung der Aufgabe der Impfzentren klappt einfach nicht“, erklärt Glasauer. Gerade ältere Menschen würden sich lieber vom eigenen Hausarzt impfen lassen – oder auch den Weg zum Impfzentrum nicht zurücklegen können oder wollen. So stünden allein in der Arztpraxis Kirchhausen noch Dutzende Menschen aus der ersten Priorisierungsgruppe zum Impfen auf der Liste.

Chaos beim Impfen, bei Tests und vor allem bei der Information der Betroffenem - Doktor Mark Glasauer aus Heilbronn platzt deshalb jetzt der Kragen. (Symbolbild)

Doch das geht auch nach Ostern nur schleppend voran. 18 Corona-Impfungen pro Woche kann Glasauer aller Voraussicht nach anfangs verabreichen. Ob pro Praxis oder pro Arzt – das sei bislang nicht klar. Auch der Weg der Impfstoffe zeige, welch abenteuerlichen Mechanismen hinter dem Impf-Chaos steckten. Impfstoff lande demnach nicht direkt in der Praxis, sondern mache den Umweg über Großhändler und Apotheken.

Arzt aus Heilbronn: Gravierender Denkfehler bei Corona-Impfungen

Und selbst wenn das klappt, wurde laut Glasauer ein gravierender Denkfehler begangen. „Dienstags können wir Impfstoff bestellen, mittwochs kommt die Lieferung – doch da haben am Nachmittag die allermeisten Arztpraxen geschlossen.“ Heißt: Die Corona-Impfungen in den Hausarztpraxen in Heilbronn beginnen wohl erst donnerstags. Nach Freitag ist dann erst einmal übers Wochenende wieder Schluss. Damit werden Tage verschenkt, weil die Ärzte nicht mit ins Boot geholt wurden. „Keiner fragt mal: ‚Was könnt ihr denn leisten?‘. Ich wäre bereit, mehr zu tun.“

Die Desinformation der Bevölkerung und die laut Glasauer fehlerhafte Planung sei ein gefährliches Spiel. Schon jetzt würden wegen des „verlorenen Jahres“ und dieser „mistigen Pandemie“ immer mehr Leute an Depressionen leiden. Sogar Schüler klagten zunehmen über Grübelzwang und Schlafstörungen.

Heilbronn: Arzt bietet kostenlose Corona-Tests - aber kaum jemand weiß es

„Und wir kleckern weiter, anstatt endlich zu klotzen“, erklärt Glasauer. Dabei wäre es seiner Meinung nach naheliegend, einen Strategiewechsel anzustreben. „Man müsste die richtigen Leute fragen, endlich mal miteinander reden.“ In Heilbronn wisse kaum jemand, was der andere tue. „Da werden Leute ins Kreisimpfzentrum nach Horkheim oder Bad Rappenau geschickt, dabei könnten wir das in Kirchhausen genauso.“ Eine Information der Bürger finde nicht oder nur unzureichend statt.

So bliebe beispielsweise das Angebot der kostenlosen Corona-Tests in der Arztpraxis in Heilbronn-Kirchhausen weitestgehend ungenutzt. Dabei wird die Teststrategie – beispielsweise seitens Bundesgesundheitsminister Jens Spahn - immer wieder als wichtiger Baustein zur Bekämpfung der Pandemie genannt. Noch wichtiger sind die Impfungen.

Arzt aus Heilbronn platzt der Kragen: Astrazeneca wegen Chaos „verlorener Impfstoff“

Doch auch hier liegt massenhaft im Argen. Mit Astrazeneca habe man wegen des Hin und Her nun faktisch „einen Impfstoff verloren“. Die Skepsis gegenüber den Impfungen dürfte generell gewachsen sein. Der Fortschritt stockt ohnehin. Pro 100.000 Einwohner sind in Baden-Württemberg gerade einmal 4,9 Prozent vollständig geimpft.

Coronavirus HeilbronnStand: 4. April
Corona-Infektionen insgesamt6.371
Todesfälle insgesamt123
7-Tage-Inzidenz200,6

Glasauer selbst hat längst die Nase voll. Er macht sich Sorgen. „Kriegen wir hier in Heilbronn eine Situation wie aktuell in Blaufelden, dann tut es einen richtigen Schlag. Dann kommt das Gesundheitssystem an die Grenze.“ Genau deshalb versucht der Arzt jetzt, selbstständig die Infrastruktur zu nutzen, die eigentlich längst da wäre.

Indem er in Heilbronn die Kommunikation aufbaut, die er so schmerzlich vermisst. Firmen auf die Möglichkeit der Tests in der Praxis hinweist, indem er versucht, mehr Impfstoff zu bestellen – und nicht zuletzt, indem er mit einer Anzeige vergleichsweise ungewöhnliche Wege geht. Alles, um auch für sich selbst das Gefühl zu haben, dem Virus endlich die Stirn bieten zu können. Ehe das eine Mutation hervorbringt, gegen die die Impfungen unwirksam sind.

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini/dpa

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