Per Dialog raus aus dem Dornröschenschlaf

Gegen alle Hürden -  für ein kreatives Heilbronn

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Die Probleme der Kreativszene in Heilbronn sind historisch gewachsen. Aber es gibt Lösungen.

In Heilbronn ist eine ganze Menge im Fluss. Und das liegt nicht nur am Neckar. Viele junge Leute ziehen zu – gerade auch wegen des zunehmenden Bildungsangebots in der Stadt. Aber ebenso kehren viele Heilbronn den Rücken. Es zieht sie nach Stuttgart, Mannheim oder gleich nach Berlin.

Einer der Gründe: dort gibt es ein breites alternatives Kulturangebot und etablierte Förderstrukturen für junge Kreative. "Die Nachfrage nach Veranstaltungen und Angeboten der Freien Kultur und kreativen Szene – nach Konzerten, Poetry Slams und Vernissagen – wächst in Heilbronn stetig", erklärt Daniel Schütt.

"Das Problem in Heilbronn: die verbliebenen Akteure können dieser Nachfrage trotz hoher Leidensbereitschaft und viel Herzblut nicht gerecht werden. Das liegt nicht zuletzt an finanziellen und räumlichen Hürden. Und gerade im Hinblick auf die Bundesgartenschau in zwei Jahren läuft die Zeit davon." Schließlich soll 2019 die Käthchenstadt nicht nur wegen ihrer Blumen erblühen.

Mächtig Action beim Viel-und-draußen-Abschluss

In seiner Funktion als Leiter des Popbüros Heilbronn-Franken ist Schütt Vermittler zwischen der kreativen Szene, der Politik und der Verwaltung. Dieser Bedarf an Beratung nimmt zu. Schütt: "In Heilbronn und der Region gibt's ein riesiges kreatives Potenzial. Und das müssen wir im Rahmen der Stadtentwicklung nutzen." Schließlich haben alle was davon: "Die Kreativen können sich entfalten, das städtische Kulturangebot wird der Nachfrage gerecht, Heilbronn wird lebenswerter und vielfältiger. Das erhöht für alle die Identifikation mit unserer Stadt. Nicht nur für die Ansässigen, sondern auch für alle, die sich bewusst für Heilbronn als Lebensmittelpunkt entscheiden."

Sollte es mehr Fördermittel für die Freie Kulturszene geben?

Für den 32-Jährigen herrscht viel Nachholbedarf: "Im Gegensatz zu anderen Großstädten in Baden-Württemberg, gibt es in Heilbronn kein soziokulturelles Zentrum. Es kostet viel Aufwand und Geld, immer wieder Räume für Projekte und als Veranstaltungsorte umzufunktionieren. Es wäre einfacher, wenn es eine zentrale Anlaufstelle mit fest installierter Bühne, bezahlbaren Kreativräumen samt Ansprechpartnern vor Ort für die kreative Szene gäbe. Kurz: Ein gemeinnütziges Zentrum, um Hürden abzubauen."

Die Gründe für das Fehlen sind laut Schütt historisch bedingt: Während es in anderen Städten ab den 70er Jahren gelungen ist, soziokulturelle Zentren zu gründen und die Kreativität konkret zu verorten, ist das in Heilbronn nicht passiert. Das Thema Freie Kultur ist damit in Heilbronn auch weniger verankert als anderswo. Die Stadt hinkt hinterher.

Schuldzuweisungen sind aber fehl am Platz: "Es geht nicht darum, jemanden verantwortlich zu machen, sondern die Lage zu benennen, Bewusstsein für das vorhandene Potenzial zu schaffen und im Dialog mit der Szene und den Entscheidungsträgern die Stadt aus dem Dornröschenschlaf zu wecken."

Mit diesem Ziel hat sich die Interessensgemeinschaft (IG) Freie Kultur um deren Sprecher Daniel Schütt gegründet. "Wir sind sieben Experten, die einen bestmöglichen Blick über die unterschiedlichen Kulturbereiche in Heilbronn haben, wie zum Beispiel Literatur, Bildende Kunst, Musik und Kulturwirtschaft", berichtet der Schwaigerner. (siehe Information am Artikelende)

Schütt: "Sowohl Politik und Stadtverwaltung als auch Unternehmen und Institutionen sehen die Notwendigkeit einer lebendigen Kulturszene. Oft fehlt verständlicherweise der Ein- und Überblick in die facettenreiche Szene. Da kommen wir als Vermittler ins Spiel: Wir haben ein Ohr in Richtung Szene und eins in Richtung Stadt."

Und es tut sich was: Seit Anfang 2017 hat der Gemeinderat den Etat des Popbüros erhöht, mehrere Gebäude werden von der Stadtverwaltung im Bezug auf eine Eignung als Kulturzentrum geprüft. Schütt: "Wir müssen einen fruchtbaren Nährboden schaffen. Da reicht es nicht, auf den Regen zu warten. Vielmehr muss man selbst zur Quelle und das Wasser holen, damit das Pflänzchen wachsen kann."

Information

Die IG Freie Kultur besteht aus sieben Experten, die für die folgenden Kreativbereiche zuständig sind:

Sandra Miassar (39): Kulturschaffende und Inhaberin des multimono Kaufladens, ehemalige Mitbetreiberin des Complex23; zuständig für Clubkultur

Christian Marten Molnár (56): Regisseur/Dramaturg, Mitbegründer des Künstlerlabels Kultureller Zwischenraum; zuständig für Darstellende Kunst

Daniel Schütt (32): Leiter des Popbüros Heilbronn-Franken, Vorstandsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft für Popkultur in Baden-Württemberg; zuständig für Bands und Musik

Nicolai Köppel (44): freischaffender Künstler und Geschäftsführer des Förderkreises Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg; zuständig für Literatur

Robert Mucha (37): Journalist und Gründer, Herausgeber und Chefredakteur des Hanix-Magazins; zuständig für Medien

Philipp Kionka (31): Unternehmer in der Bau- und Kreativwirtschaft, Kreativzentrum-Heilbronn und Wohnraum Heilbronn; zuständig für Kreativwirtschaft

Natalis Lorenz (33): freischaffender Künstler, Künstlerhaus Heilbronn und Zigarre Kunst- und Kulturwerkhaus; zuständig für Bildende Kunst

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