Diskussion um Heimbedingungen

Nach Hygiene-Kritik-Video: Jetzt spricht der Flüchtling

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Die Flüchtlingsunterkunft in Heilbronn.
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Hamid H. beschwert sich in einem selbstgedrehten Youtube-Video über die Bedingungen in einem Heilbronner Flüchtlingsheim.

Die einen fordern sofortiges Verbessern der Bedingungen, die anderen würden ihn am liebsten zurück nach Afghanistan schicken. Beide Seiten sind nach dem Video von Hamid H., in dem er die Hygiene in einem Heilbronner Flüchtlingsheim angekreidet hat, stinksauer. Dabei war wohl niemand von ihnen tatsächlich vor Ort. Mitarbeiter der Stadt aber schon - doch auch die sind unzufrieden über die spontane Veröffentlichung. Dabei zeigt das aus der Hüfte geschossene Filmchen vor allem eins: Das "Thema Flüchtlinge" kann und muss nach wie vor kontrovers ausgestritten werden. Nicht zuletzt auch mit den Asylanten selbst.

"Das Video war sehr kurz und ich habe nicht alles richtig rüber gebracht. Leider wurde ich zum Teil falsch verstanden", erklärt H. auf Englisch gegenüber echo24.de. Es ist keine Entschuldigung, vielleicht eine Erklärung. Seine Meinung hat er auch nach vielen Beschimpfungen nicht geändert. Die zentrale Aussage: "Bezahlte Arbeitskräfte machen ihre Aufgaben nicht."

Rückblick auf das verlängerte Wochenende zum 1. Mai: In der Heilbronner Asylunterkunft haben Sozialarbeiter und Hausmeister frei. In einer der Gemeinschaftsküchen quillen die zwei Mülleimer über. H.: "Ich wollte mir das nicht mehr anschauen. Deshalb habe ich den Film gedreht."

Darauf zu sehen: zwei übervolle blaue Müllsäcke in offenen Eimern, einige Essensverpackungen auf dem Boden. Der sieht leicht klebrig aus. Was der Afghane von der Küche zeigt, macht einen ähnlichen Eindruck. Es steht offensichtlich nichts herum. Herdplatten und Oberflächen scheinen mäßig verschmutzt. Penibel sauber ist das nicht, schwer verunreinigt auch nicht. Trotzdem stört ihn die Situation: "Auch Bad und Toiletten waren nicht besser dran. Es gibt Leute, die für das Putzen bezahlt werden, aber die machen nicht ihren Job."

Ein absoluter Aufreger! Denn diese Haltung ist selbst für tolerante und offene Menschen auf den ersten Blick nur schwer nachvollziehbar. "Deutschland ist kein Hotel", heißt es in den sozialen Netzwerken. Oder auch: "Räum gefälligst selbst auf!" Diese Formulierungen zählen zu den harmlosesten. Selbst andere Flüchtlinge verstehen den 26-Jährigen nicht. Der Grundtenor aller Kritiker ist sicherlich berechtigt. Wieso hat der Video-Produzent den Müll, der ihn so sehr stört, nicht einfach selbst entsorgt, anstatt die Zeit für ein Video zu nutzen?

Für Hamid H. eine verständliche Frage: "Natürlich wollte ich darauf aufmerksam machen. Aber mir geht es einzig und allein darum, dass bezahlte Arbeitskräfte ihren Job nicht machen, nicht darum, dass ich nicht aufräumen will." Im Gegenteil: Müsste er für sein Leben im Asylheim und seinen Aufenthalt in Deutschland Putzdienste absolvieren, würde er das selbstverständlich tun. Das betont er im Gespräch immer wieder. 

Zugegeben: Ein bisschen verquer ist diese Logik schon. Doch ganz Unrecht hätte er nicht, sollten die hygienischen Standards tatsächlich so schlecht sein. "Natürlich kann es bei der Unterbringung von Menschen - oftmals aus unterschiedlichen Kulturkreisen - vorkommen, dass unterschiedliche Auffassungen von Hygiene bestehen", erklärt ein Pressesprecher der Stadt Heilbronn. Deshalb, und auch um eine Entwicklung von Epidemien durch die höhere Keimbelastung zu vermeiden, gibt es allgemeine Hygienepläne. Diese werden gemeinsam mit dem Gesundheitsamt und der Flüchtlingsverwaltung der Stadt abgestimmt.

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Einfacher gesagt: Aus dem gleichen Grund, warum an den meisten Arbeitsplätzen Reinigungskräfte angestellt sind, gibt es diese auch in den Flüchtlingsheimen. Denn: Sie besitzen ein Gesundheitszertifikat und reinigen nach allgemein anerkannten Standards. Deshalb übernehmen die Bewohner nur teilweise die Reinigung selbst. Für jeden Stock gibt es Beauftragte. Sie bekommen 80 Cent in der Stunde, zusätzlich zum Regelsatz. Doch nur von Montag bis Freitag.

Wie es also am betroffenen Wochenende tatsächlich ausgesehen haben mag, lässt sich anhand des Videos kaum erkennen. Fest steht: Ohne Ankündigung einige Tage später einfach mal in besagte Küche zu schauen, war für die echo24.de-Redaktion nicht möglich. Sozialarbeiter vor Ort verwiesen an die Stadt, und die konnte eine sofortige Besichtigung leider nicht möglich machen. Natürlich muss die Privatsphäre der Bewohner geschützt werden. Ein offener Umgang mit der Situation wäre in diesem Fall vielleicht dennoch sinnvoller gewesen.

Genau das ist der konträre Streitpunkt des Videos. "Es wird immer gleich alles auf die Flüchtlingssituation geschoben. Diejenigen, die jetzt lauthals fordern 'Putz doch selbst', sind auch diejenigen, die bei der Kehrwoche des Nachbarn nicht mal ein selbst fallengelassenes Kaugummipapier aufheben", schreibt ein Facebook-User. Und auch auf YouTube wird in den Kommentaren zum Video heftig gestritten: "Seid doch mal ehrlich zu euch selbst. Das ist doch alles Heuchelei. Ihr seid einzig und allein rassistisch. Sachliche Äußerungen? Von wegen." Die Meinungen könnten kaum noch breiter gefächert sein.

Letztlich haben sicherlich alle ein bisschen Recht, und alle liegen zum Teil falsch. Klar ist, dass sich Hamid H. mit der Veröffentlichung des Videos ins eigene Fleisch geschnitten hat. Laut eigener Aussage gab es bereits vorher Gespräche mit Hausmeister und Sozialarbeiter, die Pressestelle der Stadt Heilbronn verneint dies. Dafür gab es nach dem Aufkochen der Gemüter definitiv Redebedarf. "Im Gespräch mit H. ging es darum, ihn auf die Auswirkungen einer derartigen Veröffentlichung hinzuweisen", erklärt die Pressestelle. Doch mehr noch: Hamid wurde auch auf mögliche Sanktionen hingewiesen. Er selbst verstand dies als Drohung. Wollte es vielleicht auch so verstehen. Doch zu mehr Eigeninitiative und Verständnis AUF ALLEN SEITEN dürfte diese Unterredung nicht geführt haben.

Vielleicht ist Hamid H. nicht der "Refugees-Welcome-Wunschkandidat". Aber auch er ist vor Krieg, Zerstörung und Perspektivlosigkeit geflohen und hat einen respektvollen Umgang und die Chance auf eine bessere Zukunft verdient. Meinungsverschiedenheiten sollten - gerade im kleinen, regionalen Rahmen - öffentlich und mit allen Kontroversen diskutiert werden. Das Video hat die Diskussion, eben gerade auch mit extremen Ansichten, in jedem Fall in den Fokus gerückt. Nur so können langfristig Lösungen entstehen. Zumindest das lässt sich positiv festhalten.

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