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Aus für AKW Neckarwestheim naht – heftige finanzielle Verluste für Gemeinde

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Von: Melissa Sperber

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Die Abschaltung des AKW Neckarwestheim rückt näher – und damit auch große Veränderungen für die Gemeinde. Es geht um Gewerbesteuern im Millionenhöhe.

Am 15. April 2023 soll es so weit sein: Das AKW Neckarwestheim wird abgeschaltet – und zwar deutlich später als ursprünglich geplant. Denn das ursprünglich festgelegte Datum war der 31. Dezember 2021. Der Grund: Die anhaltende Energiekrise in Baden-Württemberg und Deutschland.

Doch für die Gemeinde Neckarwestheim, unweit von Heilbronn, bedeutet die Abschaltung des AKW einen großen Einschnitt, besonders finanziell. Das berichtet die „Deutsche Presse-Agentur“. Fünf bis zehn Millionen Euro Gewerbesteuer sprudelten jährlich in die Kasse, sagt Bürgermeister Jochen Winkler. Vorwiegend durch das AKW.

AKW Neckarwestheim: Gewerbesteuer ermöglichte Gemeinde viele Anschaffungen

Mit dem Geld habe sich die Kommune Dinge leisten können, die deutlich über dem Niveau einer Gemeinde mit rund 4200 Einwohnerinnen und Einwohnern liege, räumt der parteilose Politiker ein. So seien etwa die Kindergärten toll ausgestattet. Es gebe die Reblandhalle als Kulturzentrum und Veranstaltungslocation sowie 120 Hotelbetten. Der Kraftwerksbetreiber habe die Vereine gesponsert. „Jeder hat was bekommen: Die einen eine Kegelbahn, die anderen eine Schießbahn.»“

In den 1980er Jahren kaufte die Gemeinde sogar ein Schloss. Hinzu kam ein 27-Loch-Golfplatz. Mit zehn Millionen D-Mark wurde zudem eine Bürgerstiftung gegründet. Die bezuschusst Karten, mit denen Neckarwestheimer umliegende Freibäder besuchen können.

Das nutze sie viel, berichtet eine Frau, die gerade aus einem Haus der Kirchengemeinde kommt. Seit 28 Jahren lebe sie in Neckarwestheim. Abgeschreckt habe sie das AKW damals nicht. „Wenn was passiert, ist ein größeres Gebiet betroffen“, sagt die 58-Jährige. Nur als Atommüll hier zwischengelagert werden sollte, da habe sie mitdemonstriert.

Streitthema Zwischenlager: Wohin mit dem Atommüll?

Damals sei die Stimmung 50:50 gewesen, sagt Winkler. „Wir hatten das Versprechen: Ihr tragt die Last der Produktion, andere die der Endlagerung. Das wurde gebrochen.“ Das Thema Atommüll-Lagerung werde noch viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister nach ihm beschäftigen.

Seit er 2016 ins Amt kam, gehe es darum, den Haushalt auf die Zeit nach dem AKW vorzubereiten. „Wir haben die Luft rausgelassen“, sagt Winkler. Zuschüsse für Abwassergebühren etwa wurden gestrichen. Die Rücklage sei gut, aber die nächsten Schritte könnten wehtun.

Block 1 des AKW ging 1976 in Betrieb. Er zählte 2011 zu den ersten, die nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima abgeschaltet wurden. Block 2 ging 1989 ans Netz. Eigentlich hätte er als einer der letzten drei Meiler in Deutschland Silvester abgeschaltet werden sollen. Doch infolge der Energiekrise hat die Bundesregierung die Laufzeit bis Mitte April verlängert, um die Stromversorgung zu sichern.

Kaum Atomkraftgegner in Neckarwestheim

Am 31. Dezember nun soll der Reaktor vom Netz gehen, um Brennelemente neu zusammenzusetzen. Zwei bis drei Wochen dauert das nach Angaben des Betreibers EnBW. Dann soll der Meiler bis Mitte April bis zu 1,7 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. Ohne die neue Konfiguration der Brennelemente wäre nur etwa ein Drittel dessen möglich, erklärt Jörg Michels, Chef der Kernkraftsparte.

Viele der Beschäftigten sollen in den kommenden zehn bis 15 Jahren beim Rückbau mitwirken. Weil nun alles verschoben werden muss, mit anderen Firmen ausgemachte Zeitfenster nicht eingehalten werden können, wird sich auch der Rückbau verzögern. Vielleicht um mehr als ein Jahr.

Atomkraftgegner sucht man in Neckarwestheim vergebens. Die kämen eher aus dem Umland, erläutert Franz Wagner vom Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar. „Wir wissen, dass auch einzelne Menschen aus Neckarwestheim an unseren Demos teilnehmen, und wir haben für manche Aktivitäten auch konkrete Unterstützung im Hintergrund durch Menschen aus Neckarwestheim.“ Aber nicht öffentlich sichtbar. Wer in den Standortgemeinden lebt, habe sich im Allgemeinen mit der Atomkraft mehr oder weniger arrangiert. Anders sehe das in Nachbarorten aus.

„Wir würden nicht rauskommen“: Nachbargemeinden besorgt wegen des AKW

In Kirchheim am Neckar etwa. Dort lebt Rolf Riecker seit 68 Jahren – länger also, als es das AKW gibt. Er spricht von einer „Todeszone“. „Wir würden nicht rauskommen, wenn der Ernstfall eintritt“, sagt er. „Wenn Sie hier wohnen und wissen, es kann jederzeit was sein, ist das schon ein mulmiges Gefühl.“ Viele Menschen verdrängten die Gefahr.

Wegen der möglichen radioaktiven Belastung war das AKW Rathauschef Winkler zufolge von Anfang an ein Problem für die Landwirtschaft. „Marketingtechnisch ist das auf jeden Fall ein Nachteil.“ Wein aus der Region werde nicht mit dem Bezug zu Neckarwestheim verkauft. Auch touristisch wurde das Kernkraftwerk lange Zeit ausgeblendet.

Heute versucht die Gemeinde Umwelt und Atomkraft zusammenzubringen: Wenn sie 2023 ihr 900-jähriges Bestehen feiert, ist eine der Nullen im Logo eine Blüte samt Schmetterling. Die andere ein Atomsymbol. „Wir haben davon profitiert und stehen dazu“, sagt Winkler. „Aber wir wollen auch das Image als Atomdorf abschütteln.“

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