Von Drama bis Happy end

Wut, Herzschmerz und sooo viel Liebe – was an nur einem Tag im Heilbronner Tierheim passiert

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Lila wartet im Heilbronner Tierheim auf ein neues Zuhause. 
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Hund abgegeben: Kind ins Gesicht gebissen. Katze verliert Zuhause: Halter verstorben. Happy End: Dreibein findet neues Zuhause. Nach einem Zehn-Stunden-Tag im Heilbronner Tierheim ist Redakteurin Anna fix und alle.

Ausschlafen am Samstag? Ne, wer erleben will, was im Tierheim wirklich abgeht, muss früh raus. Um acht Uhr geht's für mich in die Böllinger Höfe, denn ich werde den ganzen Tag im Tierheim verbringen und hautnah erleben, welche Arbeiten dort anfallen, welche Schicksale aufschlagen.  Dass heute noch eine bittere Entscheidung zu treffen ist, ahne ich zu diesem Zeitpunkt nicht... 

Ein Tag im Heilbronner Tierheim: Erst die Arbeit - und dann noch mehr davon

Eva hat bereits angefangen, die Ställe der Kleintiere sauberzumachen. Eine lange Einweisung gibt's nicht. Ich packe einfach mit an. Futternäpfe ausspülen, frisches Wasser und Futter auffüllen, Kaninchenköttel zusammenkehren. Soweit, so einfach. Einige Kaninchen beobachten uns neugierig, andere verkriechen sich im nächsten Unterschlupf. Draußen karren viele freiwillige Helfer immer wieder große Ladungen Hackschnitzel zu den Hundeausläufen. Die Behausungen müssen winterfest gemacht werden. 

Nachdem wir auch die Tauben gefüttert und ausgemistet haben, gehen wir ins Katzenhaus. Für 180 Katzen ist Platz im Tierheim, oft sind es an die 200. Bis alle ihr Futter, saubere Decken und Katzenklos haben und alle Tiger-Wohnungen gewischt sind, ist es schon nach elf. Ich habe noch kein Tier geknuddelt. Das ist unbefriedigend. "Deshalb bleibe ich immer noch zwei Stunden länger", erzählt Ivonne Hofmann. "Es gibt so viel Arbeit, dass das Kuscheln und Spielen mit den Tieren zu kurz kommt."

Diese Vierbeiner sitzen im Heilbronner Tierheim – wer gibt ihnen ein Zuhause?

"Und wenn ich das gemacht hab', esse ich eine Brezel"... 

Während ich dreckige Decken und Bettbezüge zum Waschraum bringe, läuft mir Silke Anders über den Weg. Die Vorsitzende des Heilbronner Tierschutzvereins hat alle Hände voll zu tun. "Eben sind zwei Kaninchen gebracht worden. Denen richte ich jetzt einen Stall. Und dann esse ich endlich eine Brezel." 

Nachdem die Schlappohren versorgt sind, geht's zurück Richtung Hundeausläufe. "Jetzt schauen wir noch nach den Arbeitern und dann esse ich meine Brezel." 

Während Anders durchs Tierheim läuft, gibt es an jeder Ecke etwas zu klären. "Silke, hat der Sowieso schon mit dir gesprochen?", "Wie machen wir das mit dem Zwinger, da sitzt noch der Hund drin, der gestern kam?" Mir fehlt der Zusammenhang, aber die Tierschützer scheinen sich sofort zu verstehen. Plötzlich rennt Anders los. Was ist denn jetzt? "Stopp, stopp, da darf noch nicht gekalkt werden werden." Während sie sich mit den Helfern bespricht, knie ich mich neben einen Zaun. Drei Hunde leben in diesem Auslauf und ein Schäferhund bringt mir seinen Ball. Er schaut mich auffordernd an. Armer Kerl... 

Ich drehe mich wieder zu der Gruppe von Helfern. Silke Anders ist nicht mehr bei ihnen. Hat die Frau eigentlich Hummeln im...? Also mache ich mich auf den Weg zum Büro. Tatsächlich, nach gut zwei Stunden kommt die Tierschützerin endlich zu ihrer Brezel.

Den Tränen nahe: "Welche Hunde sollen wir retten?" - Nicht jede Entscheidung macht Spaß

Anders ist in ihr Handy vertieft. Sie schaut sich Bilder aus einem Tierheim ist Osteuropa an. Zwei Hunde von dort darf sie in 2018 noch in Heilbronn unterbringen. Aber welche? Hunde, die dort bleiben, finden vielleicht niemals ein Zuhause, lernen Streicheleinheiten kaum kennen und Verletzungen werden nicht behandelt.

Plötzlich drückt sie mir ihr Handy in die Hand. "Das darfst du jetzt entscheiden." Sie wendet sich an die anderen Helfer im Büro und bespricht weiter, was noch zu erledigen ist. Mir wird ganz flau im Magen. Ich klicke mich durch die Fotos.

Da ist ein Hund der bittend in die Kamera sieht. Wäre sein Fell gepflegt, wäre er sicher ganz flauschig. Ein anderes Tier ist kaum noch als Hund zu erkennen. Er sieht furchtbar aus; abgemagert, kaum Fell und der Schwanz ist zwischen den Hinterläufen eingeklemmt. Es sind so viele. Was passiert mit denen, die ich jetzt nicht auswähle? Ich fühle mich furchtbar. Ich bin schuld, wenn die anderen dort bleiben müssen. Wie soll ich das nur entscheiden? Ich bin dankbar, als Silke Anders mir unauffällig das Handy aus der Hand nimmt. 

Ein- oder Auszug: Willkommen im neuen Heim

Am Nachmittag ist das Tierheim für Besucher geöffnet. Vierbeiner finden ein Zuhause - ihre neuen Besitzer führen sie stolz zum Tierheim hinaus. 

Andere gehen zutiefst geknickt: Eine junge Frau gibt ihre Jack-Russell-Hündin ab. Sie hat ihre kleine Tochter angefallen und ihr ins Gesicht gebissen. Die Frau will ihr Kind schützen, auch wenn ihr Herz sehr an der Hündin hängt. Sie weint. Für Silke Anders ist das Routine. Sie verzieht keine Miene, macht keine Vorwürfe und schreibt sich alle Infos über den Hund auf, die sie bekommen kann, notiert, ob der Terrier sein Futter verteidigt, mit Katzen verträglich ist und gut an der Leine geht. Dann führt sie die Hündin in einen Zwinger. 

"Wenn du dir hier jedes Schicksal zu sehr zu Herzen nimmst, kannst du den Job nicht lange machen", erklärt mir eine Tierschützerin, der anscheinend mein bedröppeltes Gesicht aufgefallen ist. Natürlich hat sie recht. Wer sich über jeden ärgert, der sich nicht vorher überlegt hat, was es heißt, einen Hund zu haben und mit jedem weint, der seinem Vierbeiner ganz überraschend doch nicht gerecht werden kann, ginge an der Arbeit kaputt. Ich weiß das. Aber nach einem Tag im Tierheim bin ich ganz schön platt. Auf der Heimfahrt bin ich einfach froh, gleich meinen Hund in den Arm nehmen zu können. 

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