Laufende Ausgaben, aber keine Einnahmen

Coronavirus-Maßnahmen: Der Gastro-Szene droht der Totalschaden

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Auch nach der Coronavirus-Krise ist vermutlich nichts mehr, wie es früher war.

  • Wegen des Coronavirus bleiben in der Gastronomie die Gäste aus.
  • Auch in der Region Heilbronn werden Reservierungen und Veranstaltungen storniert.
  • Deutscher Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) rechnet mit Gaststätten-Pleiten.

Update 20. März: Welche Folgen hat das Coronavirus für die Zukunft? Wird es nach dem Ende der Corona-Krise überhaupt noch Ausgehmöglichkeiten geben? Schaut man sich die akuten Sorgen der Gaststätten, Bars und Clubs in der Region Heilbronn, aber auch im ganzen Land Baden-Württemberg an, scheint das unwahrscheinlich. Am Donnerstag bat der Branchen-Verband Dehoga die Landesregierung "mit höchster Dringlichkeit" um die Einrichtung eines Hilfsfonds wegen des Coronavirus, der den Betrieben helfen könnte, zu überleben. Manche Lokale wissen nicht einmal mehr, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen. Und viele sorgen sich um die Schwächsten der Branche - die unzähligen Teilzeit- und Minijobber. Und auch die Club-Szene in Heilbronn hat mit den Folgen des Coronavirus zu kämpfen.

Die Gastroszene in Heilbronn und der Region trifft das Coronavirus besonders hart. Szenen wie diese mit vergnügten Gästen wirken heutzutage wie aus der Zeit gefallen.

"Unsere Kollegen arbeiten nicht aus Jux und Tollerei", sagt Kersten Knödel, einer der Inhaber der Stuttgarter Kneipe "Immer Beer Herzen", die nun wegen des Coronavirus geschlossen ist. "Viele der Mitarbeiter und Aushilfen machen den Gastro-Job als Zweitjob, um überhaupt über die Runden zu kommen - was nun nicht mehr geht." Und das sei noch nicht alles: "Es hängt ja im ganzen Freizeitbereich noch unendlich viel mehr dran. Nicht zuletzt die Putzfrau hat nichts mehr zu tun - vier Wochen hält sie diese Situation nicht aus", sagt Mitinhaber Nanno Smeets.

Coronavirus stürzt Gastronomie in eine tiefe Krise

Ähnliche Sorgen plagen Waltraud Hubschneider aufgrund des Coronavirus, die in Rudersberg (Rems-Murr-Kreis) seit 40 Jahren einen Getränkemarkt und seit sechs Jahren auch die Gastronomie "Zur BrennAlp" betreibt. "Der Getränkemarkt mit seinen Fest- und Teilzeitangestellten läuft", sagt Hubschneider. "Aber die Gastronomie ist geschlossen." Das trifft in der "BrennAlp" zwei Vollzeit- und eine Teilzeitkraft sowie drei Minijobber.

"Wir werden alles tun, damit uns unsere Mitarbeiter erhalten bleiben", sagt Hubschneider. Und weist auf einen für die Gastro-Mitarbeiter besonders kritischen Punkt im Rahmen der Coronakrise hin: "Die Gastronomie braucht Mini-Jobber - und wir bezahlen ja auch dafür, 30 Prozent auf die 450 Euro Lohn an die Bundesknappschaft in Berlin. Aber laut gesetzlicher Regelungen fallen diese Mitarbeiter bei der Kurzarbeitsregelung raus, verdienen also nun gar nichts." Das könne nicht angehen, sagt Hubschneider, man müsse nachbessern. "Wenigstens die 60 Prozent vom Nettolohn wie die anderen - da wäre schon viel geholfen, die Leute sind auf die paar 100 Euro absolut angewiesen".

Grundkosten bleiben für Gastronomie auch während Coronakrise bestehen

Allein ein Kredit reicht da in Zeiten des Coronavirus für die Gastronomie auf keinen Fall, sagt auch Nanno Smeets. "Wir haben zehn Aushilfen auf Mini-Job-Basis, denen fehlt das Geld - die arbeiten ja in der Gastro nicht zum Spaß, auch wenn es ihnen bei uns gefällt", sagt er. Mit einem Kredit als Landes- oder Staatshilfe sei ihnen nicht geholfen, sagen die Inhaber vom "Immer Beer Herzen" in Stuttgart. "Den Ausfall kann ich nicht mehr wettmachen, wenn wir dann irgendwann wieder aufmachen - wir sind ja kein Autokonzern, der seine Produktion hochfährt. Die Biere, die der Gast heute nicht trinkt, holen wir nicht mehr auf", sagt Kersten Knödel.

Wie geht es für Gastronomie nach Coronakrise weiter?

Derweil bleiben die Grundkosten bestehen, Pacht, Miete, Strom, Telefon auch während der Zeit des Coronavirus bestehen - alles läuft weiter. In sozialen Netzwerken bekundet die Kundschaft ihre Solidarität, doch die Kassen bleiben leer. "Und dann ist noch die Frage, wie es weitergeht, wenn die Coronakrise vorbei ist", sagt Kersten Knödel. Denn: "Dann werden die Gäste auch nicht mehr so viel Geld in der Tasche haben."

Am heutigen Freitag hat Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, veranlasst, dass ab dem morgigen Samstag alle Restaurants und Gaststätten geschlossen werden müssen. Drive-In-Lokale sowie To-Go-Restaurants und Speise-Lieferanten dürfen ihren Betrieb in Baden-Württemberg allerdings trotz des Sars-CoV-2 aufrecht erhalten.

Coronavirus-Maßnahmen in Heilbronn: Gastro-Betrieben droht Insolvenz

Update 19. März: Laut aktuellem Stand dürfen Restaurants und Gaststätten aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg nicht vor 6 Uhr öffnen. Spätestens um 18 Uhr müssen die Lokale schließen. Zudem gilt laut der aktuellen Verordnungen in Baden-Württemberg, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen, dass Tische in Restaurants einen Mindestabstand von 1,50 Metern haben müssen.

Nur: Das öffentliche Leben ist wegen des Coronavirus weitgehend lahmgelegt. Wo sich sonst Menschen getroffen haben, ist selbst jetzt, bei schönem Wetter, tote Hose. Und das setzt den Wirtschaften und Lokalen ganz besonders zu. Wie der SWR berichtet, rechnet der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) in Heilbronn damit, dass viele Restaurants und Gaststätten die Corona-Krise nicht überstehen werden. Spätestens in ein paar Monaten ist mit einer Menge an Insolvenzen zu rechnen.

Wie Thomas Aurich, Geschäftsführer der Heilbronner Neckarmeile und Dehoga-Stadtverbandsvorsitzender erklärt, habe eine erste Lokal-Kette in Heilbronn bereits Geld eingefordert, da es sonst eng werde. Laut Aurich müsse die finanzielle Unterstützung seitens der Banken zudem rasch gewähren. Viele geben Kredite erst nach einer Betriebsauswertung. Das sei in Zeiten des Coronavirus fatal und könnte das Aus für viele Lokale bedeuten. 

Corona in Heilbronn: Das sind die Folgen für Lokale und Gastronomie

Update 13. März: Thomas Aurich, Geschäftsführer des Food Court in Heilbronn und Geschäftsführer der Heilbronner Neckarmeile, hat trotz der angespannten Situation rund um das Coronavirus seinen Humor nicht verloren. Seine Kunden begrüßt er mit dem Wuhan-Shake - das bedeutet, man stößt mit seinem Gegenüber einmal das rechte und einmal das linke Bein aneinander. Das ist hygienischer, als sich die Hand zu geben. "Und außerdem verkaufen wir derzeit mehr Coronabier als zuvor", erklärt der Gastronom.

Thomas Aurich ist Geschäftsführer der Neckarmeile in Heilbronn, der größten Gastromeile am Fluss in Süddeutschland.

Die Lage in der Gastronomie ist zu Zeiten des Coronavirus angespannt. Aber man muss differenzieren. Aurich: "Vor allem ältere Bürger fallen in die Risikogruppe. Gastronomen, die weniger die jungen Leute als Zielgruppe haben, trifft es daher besonders hart." Dasselbe gilt auch für den Eventbereich und Hotelbetriebe, wo die Aufträge und Buchungen einbrechen. "Für die ist das Coronavirus ein Drama", sagt Thomas Aurich.

Coronavirus: Lokalen und Gastronomie im Raum Heilbronn drohen Insolvenzen

Wenn in der bald beginnenden Freiluftsaison aufgrund von dichten Grenzen die Reisen kaum noch möglich sind, kann das auch gut für die Gastronomie im Raum Heilbronn sein. Aurich vermutet: "Junge Leute, die nicht in Urlaub fahren, gehen dann mehr in der Region weg." Für die Freiluft-Gastronomie sehe es daher vergleichsweise positiv aus. Dennoch seien Insolvenzen als Folge des Coronavirus in  der Region Heilbronn wohl kaum vermeidbar. 

Aurich empfiehlt daher den Gastronomen in der Region Heilbronn in Zeiten des Coronavirus, so früh wie möglich mit der Bank zu sprechen und vorzusorgen. Von Maßnahmen der Politik zugunsten der Lokale hält er wenig: "Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld helfen uns wenig. Dagegen ist die Mehrwertsteuer von sieben Prozent für Gastro-Betriebe längst überfällig." Und wenn die Regierung die Grenzen schneller dicht gemacht hätte, wäre die Situation rund um das Coronavirus jetzt eventuell besser unter Kontrolle und Schulen und Kindergärten müssten nicht bis Ostern geschlossen werden.

Corona in Heilbronn: So hart sind die Folgen für die Gastronomie

Erstmeldung, 12. März: Öffentliche Veranstaltungen? Werden reihenweise abgesagt. Menschenmassen? Sind möglichst zu meiden! Und einige Leute tätigen Hamsterkäufe und igeln sich daheim ein. Droht uns jetzt allen eine Vereinsamung wegen des Coronavirus - gerade, wenn immer mehr Menschen die Öffentlichkeit meiden?

Ständig gibt es neue Meldungen von Coronavirus-Infizierten in Baden-Württemberg. Mittlerweile ist sogar der erste Todesfall wegen Corona zu vermelden. Um die Verbreitung des Virus zu verzögern, hat die Politik allerlei Maßnahmen in die Wege geleitet. Und die treffen die eng vernetzte Wirtschaft in Baden-Württemberg und der Region Heilbronn finanziell hart. Ganz besonders bekommt die Gastronomie die Folgen des Coronavirus zu spüren. Für manche Lokale kann das Virus sogar existenzgefährdend sein.

Coronavirus: 80 Prozent Stornierungen in Lokalen

"Alle Gastronomiebetriebe spüren die Folgen von Corona", sagt Martin Kübler, Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA), Kreisstelle Heilbronn. In seinem Restaurant in der Ballei in Neckarsulm sagen 80 Prozent der Gäste ihre geplanten Veranstaltungen und Reservierungen ab. Kübler: "Eine Besserung ist nicht in Sicht." Die Ausfälle von Messen und anderen Veranstaltungen wegen des Coronavirus seien nicht nur für die Aussteller und Messebetreiber schlimm. Kübler: "Da bleiben auch in Hotels und der Gastronomie die Gäste aus."

Zusammen mit dem DEHOGA-Landesverband Baden-Württemberg wünscht sich Kübler rasche und unbürokratische Entlastungen seitens der Politik für die Gastro-Szene in Zeiten des Coronavirus: "Ein Senken der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent würde schon helfen. Zumal der Staat seitens der Gastronomie derzeit sowieso wenige Steuereinnahmen hat." Verwaltungsintensive Erleichterungen wie die Möglichkeit von Kurzarbeit während der Coronakrise würden gerade kleinen Betrieben wenig helfen.

Coronavirus bedroht kleine Lokale in ihrer Existenz

Kübler: "Vor allem auf inhabergeführte Gastro-Betriebe werden durch Corona starke Probleme zukommen." Und wenn zu den Einnahmeausfällen dann auch noch aufgeschobene Renovierungsarbeiten hinzukommen, können die betroffenen Betriebe wohl dicht machen.

Zudem kämpft die Gastronomie in Baden-Württemberg und der Region Heilbronn derzeit mit einem umgekehrten Personalproblem als noch vor Kurzem. Martin Kübler erklärt: "Gerade haben wir noch nach Personal gesucht. Langfristig werden wir die Leute wohl auch wieder brauchen." Aber derzeit haben die Angestellten wenig zu tun und die Gastro-Inhaber kaum Einnahmen, um sie zu bezahlen. Und noch immer breitet sich das Coronavirus in Baden-Württemberg weiter aus. Doch langsam gibt es auch Licht am Ende des Tunnels. Denn: Mehrere am Coronavirus erkrankte Menschen aus Heilbronn sind von Corona bereits wieder geheilt.

Rubriklistenbild: © Andreas Veigel

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