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Bürgerinitiative gegen geplante Flüchtlingsunterkunft im Greuthof – „Wir sagen: Nein“

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Von: Priscilla Dekorsi

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Eine Bürgerinitiative sagt „Nein“ zu einer Flüchtlingsunterkunft im Wüstenroter Weiler Greuthof. (Fotomontage)
Eine Bürgerinitiative sagt „Nein“ zu einer Flüchtlingsunterkunft im Wüstenroter Weiler Greuthof. (Fotomontage) © Dennis Mugler /Fotomontage: echo24.de

Auf 114 Bewohner sollen im Wüstenroter Weiler Greuthof 70 Flüchtlinge kommen. Doch nicht, wenn es nach einer Bürgerinitiative geht – die kritisiert unter anderem die schlechten Voraussetzungen.

Es kehrt keine Ruhe ein im Wüstenroter Weiler Greuthof. Seit die Gemeinde Wüstenrot per Angrenzer-Benachrichtigung zwei Tage vor Weihnachten gemeldet hat, dass in den nächsten sechs bis acht Monaten 70 Flüchtlinge in ein ehemaliges Pflegeheim in dem 114-Seelen-Örtchen einziehen sollen, regt sich in der Bevölkerung Widerstand. Es hat sich eine Bürgerinitiative (BI) zusammengetan, die unter dem Slogan „Wir sagen: Nein“ die Bürger über die Pläne des Landkreises aufklären möchte.

Aus diesem Anlass hatte die BI am Donnerstag (19. Januar) eine Veranstaltung rund um das Feuerwehrmagazin in Wüstenrot-Stangenbach organisiert, bei der die Bürger miteinander ins Gespräch kommen sollten. Am Dienstag (24. Januar) steht das Thema dann im Gemeinderat zur Debatte.

Gemeinderat stimmt am Dienstag über Bauvorhaben ab: „Die Gemeinderäte sind den Bürgern verpflichtet.“

„Auf unser Drängen hin hat die Gemeinde einer Informationsveranstaltung für die Anwohner am Mittwoch (18. Januar) im ehemaligen Pflegeheim im Greuthof zugestimmt. Das war höchste Zeit“, stellt Susanne Helmer-Scholl, Sprecherin der BI, klar. So habe die Gemeinde Wüstenrot ihre Pläne die Erstunterkunft betreffend bisher doch „hintenrum“ und intransparent angetrieben. Beispielsweise sei eine Nutzungsänderung des Gebäudes des ehemaligen Pflegeheimes beantragt worden, ohne vorher Gemeinde- und Ortschaftsrat zu informieren.

Für den Heilbronner AfD-Kreisrat Dennis Klecker, der sich unter den rund 80 Teilnehmern der Veranstaltung befindet, ist das ein absolutes No-Go: „So eine Sache gehört in den Gremien vor Ort und auch im Kreistag rechtzeitig diskutiert. Ich bin auf die Entscheidung des Gemeinderates von Wüstenrot am Dienstag gespannt.“ Dabei gibt der Kreisrat zu bedenken: „Man darf nicht vergessen: Die Gemeinderäte sind von den Bürgern gewählt und denen auch verpflichtet. Das ist Demokratie.“

Ortsvorsteher und Gemeinderat Heiko Dietterle sagt ganz klar: „Wir seitens des Ortschaftsrates haben insbesondere die Information durch die Gemeinde und den Bürgermeister vermisst.“ Auch habe „der Bürgermeister (Anm. der Red.: Timo Wolf) bei der Veranstaltung der BI mit Abwesenheit geglänzt“. Dieses „Verhalten unseres Bürgermeisters kritisiere ich ganz offen. Es ist völlig unüblich, so mit den Gremien umzugehen.“ So habe „der Ortschaftsrat mit vereinten Kräften in kurzer Zeit“ vieles auf die Beine gestellt, „das eigentlich Aufgabe der Gemeindeverwaltung gewesen wäre“.

Pflegeheim im Wüstenroter Weiler Greuthof steht seit 2018 leer

Doch wie begann eigentlich die ganze Geschichte? Und warum soll das Pflegeheim plötzlich als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden? „2018 wurde das Greuthofer Pflegeheim, in dem ich gearbeitet habe, geschlossen“, erinnert sich Valentina Guerra. „Für die meisten Bewohner war das eine Katastrophe. Sie wollten nicht gehen, weil sie sich bei uns so wohlgefühlt haben. Aber eine Gesetzesänderung hat damals vorgeschrieben, dass den Bewohnern Einzelzimmer mit eigenem Bad zur Verfügung gestellt werden müssen.“ Die Pläne des neuen Besitzers: ein Mehrgenerationenhaus ins Leben rufen. Das Projekt scheiterte allerdings „an bürokratischen Hürden“. Das Gebäude steht immer noch leer.

Bis zu 800.000 Euro Investitionen geplant

„Die Unterkunft wurde dem Landratsamt vom Eigentümer angeboten“, erklärt die Pressesprecherin des Heilbronner Landratsamtes Lea Mosthaf. „Der Bauantrag wurde gestellt. Nun steht das Einvernehmen der Gemeinde Wüstenrot aus.“ Wenn durch das „Einvernehmen“ das Projekt zustande kommen sollte, möchte der Landkreis 600.000 Euro bis 800.000 Euro in den Ausbau des Flüchtlingsheims investieren.

Die Wohneinheiten müssten entsprechend mit Küchen, Möbeln und sanitären Anlagen ausgestattet werden. „Zum Kopfschütteln“, wenn man bedenkt, dass „die Küchen, die es auf jedem Stockwerk gab, die Betten, ja sogar die Schränke erst einfach herausgerissen wurden“, erzählt Guerra.

Landratsamt Heilbronn sieht „keine Ausweichmöglichkeiten“

„Derzeit hat das Landratsamt Heilbronn keine anderen Optionen, keine Ausweichmöglichkeiten, um die Geflüchteten unterzubringen. Der nächste Schritt wird eine Unterbringung der Geflüchteten in Hallen und Turnhallen sein“, erläutert Pressesprecherin Mosthaf gegenüber echo24.de. Auch die Frage nach einer Containeranlage, die beispielsweise Abhilfe dabei schaffen könnte, woanders Platz für Geflüchtete zu schaffen, wies Kreis-Dezernent Thomas Maier mit dem Argument zurück, dass die Lieferzeit dafür ein Jahr in Anspruch nehme.

„Das dauere zu lange“, erklärt Helmer-Scholl. „Ich verstehe ja auch das Landratsamt. Die kriegen auch Druck und müssen die Leute verteilen. Aber das geplante Flüchtlingsheim im Greuthof – das geht gar nicht. Da müssen andere Lösungen her. Nehmen Sie einmal die Einwohnerzahl Ihres Ortes und setzen noch 60 Prozent darauf. Das sprengt doch jeden Rahmen. 70 Leute bei uns – das ist so, als ob 1.200 Menschen in Neuhütten oder 2.400 Menschen in Erlenbach einquartiert werden würden.“

Keine neue Busverbindung für Greuthof

Kopfschütteln geht durch die Reihen. Die Stimmung ist gedrückt. „Was sollen denn die Flüchtlinge bei uns machen, außer spazieren zu gehen?“ und „Wie kommen die von A nach B?“ sind nur einige Fragen, die die Bürger stellen. „Der Dezernent hat gestern selbst zugegeben, dass ‚der Standort nicht ideal‘ sei, aber ‚es sich für die Flüchtlinge machen ließe‘“, erläutert Helmer-Scholl.

Martin Müller aus Greuthof sieht das anders: „Stellen Sie sich einfach einmal vor, da ist eine Mutter, die allein mit zwei kleinen Kindern und eventuell noch Einkäufen den riesigen Buckel von der Bushaltestelle aus zum Greuthof laufen muss. Nach wenigen Wochen ist die nicht fit, sondern psychisch am Ende. Im Greuthof wohnen Menschen aus mindestens fünf Nationen. Wir sind nicht aus Ausländerfeindlichkeit gegen die Einrichtung, sondern weil das einfach nicht machbar ist.“ Eine Anpassung der Busverbindung sei vom Landratsamt übrigens verneint worden, erklärt Helmer Scholl.

Verunsicherung in der Bevölkerung

In der Bevölkerung herrscht große Unsicherheit. Steffen Klenk gehört eines der an das Pflegeheim angrenzenden Häuser. „Mein Mieter hat schon gesagt, dass er bei dieser Entwicklung überdenkt, ob er hier wohnen bleiben möchte.“ „Und was ist mit den Kindern?“, fragt Anwohner Patrick Stemper. „Ich finde es traurig, dass die Kinder, die hier schon leben, bei denen beide Eltern arbeiten, kaum einen Betreuungsplatz finden. Wo will man die neuen Kinder denn unterbringen?“ Dasselbe gelte für die Ärzte in Wüstenrot, bei denen man für Termine schon jetzt „auf die Warteliste gesetzt“ werde, beklagt Helmer-Scholl.

Entscheidung des Gemeinderates am Dienstag wird die Debatte maßgeblich beeinflussen

Allgemeine Zahlen über den Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten könne das Landratsamt im Moment nicht liefern, sagt Pressesprecherin Mosthaf. „Wie viele Personen (Anm. d. Red.: 2023) im Landkreis untergebracht werden“, hänge somit davon ab, „wie viele geflüchtete Menschen in Baden-Württemberg ankommen und von dort zugewiesen werden“. Eine Prognose dazu sei „nicht möglich.“

Klar ist, dass die Interessen des Landkreises und der Greuthofer Bürger sich in dieser Sache gegenüberstehen. „Der Ortschaftsrat hat in einem Votum gegen dieses Projekt gestimmt“, sagt Ortsvorsteher Dietterle. „Wenn nun der Gemeinderat gegen das Flüchtlingsheim stimme und die Einsprüche gerechtfertigt seien, würde ‚die Akte zugeklappt‘“, habe Dezernent Maier der BI gegenüber erklärt, sagt Helmer-Scholl. Die dreifache Mutter gibt sich kämpferisch: „Die vom Landratsamt werden sich gut überlegen, ob sie dieses Lauffeuer in Gang setzen wollen, denn hier sind Leute, die zusammenstehen, die aufstehen, und klar ‚Nein‘ sagen.“

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