Atomkraftgegner fordern sofortige Abschaltung

Kernkraftwerk Neckarwestheim: Block II ist trotz Risse wieder am Netz

Dampf kommt aus dem Kühlturm (M) von Block 2 des Kernkraftwerks Neckarwestheim, daneben sind Block 1 (l) und Block 2 (r) des Atomkraftwerks zu sehen.
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AKW Neckarwestheim II: Korrosionsschäden an Rohren festgestellt. 
  • Julia Cuprakowa
    VonJulia Cuprakowa
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Das Kernkraftwerk in Neckarwestheim ist wieder am Netz – trotz schadhafter Rohre und neuen Rissen. Atomkraftgegner fordern eine sofortige Abschaltung. 

Update, 10. Juli: Der Block II des Kernkraftwerks Neckarwestheim ist nach der diesjährigen Revision wieder am Netz. „In den vergangenen Wochen wurden in der Anlage Prüf- und Instandhaltungstätigkeiten durchgeführt, Brennelemente ausgetauscht und mehrere technische Projekte umgesetzt. Das Wiederanfahren der Anlage fand nach der erfolgreichen Erledigung aller Arbeiten und – wie üblich – nach Zustimmung des baden-württembergischen Umweltministeriums statt, das als staatliche Aufsichtsbehörde den sicheren Zustand des Kernkraftwerks überwacht“, heißt es in der Pressemitteilung der ENBW vom 9. Juli.

Und weiter: „Wie schon in den vorangegangenen Revisionen haben wir auch in diesem Jahr wieder die Gewissheit erlangt, dass wir GKN II in einem in allen Bereichen sicheren Zustand wieder in Betrieb nehmen. Dies gilt ausdrücklich auch für die Dampferzeuger, die dank einer sensiblen Instrumentierung auch im laufenden Betrieb jederzeit genau überwacht werden“, erläutert Christoph Heil, der als Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH für GKN II zuständig ist. „Die Untersuchungsergebnisse von den Dampferzeuger-Heizrohren bestätigen außerdem, dass unsere Maßnahmen, die wir im Jahr 2018 eingeleitet haben, weiterhin die gewünschte Wirkung erzielen. Dementsprechend haben das Umweltministerium und die von ihm beauftragten Gutachter die Integrität und Sicherheit der Dampferzeuger bestätigt und dem Wiederanfahren von GKN II zugestimmt.“

Das Umweltministerium hatte bereits in seiner Pressemitteilung vom 8. Juli 2021 über die Sicherheit der Dampferzeuger berichtet. Dass der Block II in diesem Jahr wieder ans Netz gegangen ist, passt allerdings nicht allen – Atomkraftgegner sind unzufrieden und fordern, dass das Atomkraftwerk in Neckarwestheim schneller stillgelegt wird und nicht erst Ende 2022.

Neckarwestheim II: Neue Risse an Atomkraftwerk-Rohren – Ministerium beruhigt

Erstmeldung, 9. Juli: Der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland rückt immer näher. Das wird auch höchste Zeit, würde manch einer sagen, angesichts des Zustandes des Atomkraftwerks Neckarwestheim im Kreis Heilbronn. Denn: Bei der jährlichen Sicherheitsüberprüfung im Block II des Atomkraftwerks sind 17 neue Risse an Rohren festgestellt worden. Doch ist die Lage tatsächlich so schlimm? Aus Sicht des baden-württembergischen Umweltministeriums lautet die Antwort: Nein!

„Die Anzahl der sicherheitstechnisch relevanten Befunde ist damit rund 0,6 Promille höher als im Vorjahr und erneut deutlich unter dem Niveau von 2018 und 2019“, ordnete das Umweltministerium am Donnerstag, 8. Juli, ein. Auch seien die neuen Risse deutlich kürzer und weniger tief. Nach der Meinung des Ministeriums greifen die eingeführten Sicherheitsmaßnahmen. Atomkraftgegner sind dennoch empört, dass das Kraftwerk wieder ans Netz geht.

Neckarwestheim II: Neue Risse an Atomkraftwerk-Rohren entdeckt - Umweltministerium beruhigt

2018 waren erstmals Risse in manchen der rund 16.400 Heizrohre der vier Dampferzeuger entdeckt worden. Lecks habe es deswegen aber noch nie gegeben, teilte das Ministerium mit, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet. Offenbar wird der Vorfall vom 27. Januar 2021, als bei einem Rundgang im Kernkraftwerk Neckarwestheim eine undichte Stelle in einem separaten Raum entdeckt worden war, an dieser Stelle außer Acht gelassen. Dabei war zwischenzeitlich sogar radioaktives Wasser ausgetreten, wie das Umweltministerium damals mitteilte.

Glücklicherweise gab es bei dem Leck schnell Entwarnung. Denn: Es handelte sich zwar um einen meldepflichtigen Vorfall der Kategorie N, einer sogenannten Normalmeldung, der internationalen Bewertungsskala INES (International Nuclear and Radiological Event Scale) 0. Laut Umweltministerium Baden-Württemberg bedeutet das im konkreten Fall „keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung“. Weder für den Menschen noch für die Umwelt habe es eine Gefahr gegeben.

Und selbst in einem zu unterstellenden Störfall hätten die Rohre den Belastungen standgehalten. Der Betreiber EnBW habe die betroffenen Rohre nach einem bewährten Sanierungskonzept verschlossen, berichtet die dpa weiter.

Neckarwestheim II: Betreiber saniert Atomkraftwerk - Abschaltung Ende 2022 geplant

Vor gut einem Monat war Block II des Atomkraftwerks Neckarwestheim - der letzte noch laufende EnBW-Atommeiler - für die sogenannte Revision vom Netz genommen worden. Dabei sollen unter anderem auch Brennelemente in dem 1989 in Betrieb gegangenen Druckwasserreaktor ausgetauscht worden sein.

Block II des Kernkraftwerks soll maximal bis Ende 2022 Strom erzeugen, dann ist infolge des Atomausstiegs Schluss. Am Ende sei ein schneller Rückbau geplant.

Neckarwestheim II: Atomkraftgegner werfen Umweltministerium „das Komplettversagen der Atomaufsicht“ vor

Atomkraftgegner sind mit dieser Lösung jedoch unzufrieden und fordern, dass der Meiler schneller stillgelegt wird. Dazu haben die Initiative .ausgestrahlt und der Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar (BBMN) einen Eilantrag beim Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg eingereicht. Sie haben ein Gutachten erstellen lassen, wonach Rohrbrüche drohen könnten.

Die BBMN warf dem Umweltministerium am Donnerstag, 8. Juli, „das Komplettversagen der Atomaufsicht“ vor. „Nicht etwa eine genaue Anzahl gefundener Risse und anderer Korrosionsstellen legt fest, ob der Reaktor in zulässigem Zustand ist, sondern ob wieder ein ordnungsgemäßer Zustand der Dampferzeuger hergestellt ist. Flicken und Verstopfen hilft nicht, solange die dicken Rostbeläge, die Spannungsprobleme, die Kondensatorlecks und die angegriffenen Heizrohre vorhanden sind und damit jederzeit weiteres unkontrolliertes Risswachstum bis zum Bersten von Rohren möglich ist.“ Die Karlsruher EnBW hat die Vorwürfe stets bestritten.

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