Umweltministerium mit Entwarnung

Nach Schock-Prognose für Neckarwestheim II: BUND mit deutlicher Forderung

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim südlich von Heilbronn in Baden-Württemberg
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AKW Neckarwestheim II: Korrosionsschäden an Rohren festgestellt.
  • Simon Mones
    vonSimon Mones
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Das Kernkraftwerk in Neckarwestheim II soll bis Ende 2022 in Betrieb bleiben und das trotz schadhaften Rohren. Ein Gutachter fordert die sofortige Abschaltung des Atomkraftwerkes bei Heilbronn, der BUND unterstützt die Forderung.

Update, 5. März: An der Frage, wie es wirklich um den Zustand des Atomkraftwerk Neckarwestheim II bestellt ist, scheiden sich derzeit die Geister. Während der Gutachter Dieter Majer mit einer Schock-Prognose für Aufsehen sorgte und die sofortige Abschaltung forderte, sehen die Betreibergesellschaft EnBW und das Umweltministerium kein Handlungsbedarf.

Unterstützung bekommt Majer jetzt vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), der ebenfalls die sofortige Abschaltung des Atomkraftwerks Neckarwestheim II fordert. Wie der SWR berichtet, geht der Heilbronner BUND-Geschäftsführer Gottfried May-Stürmer davon aus, dass „die Heizrohre abreißen können und es zu einem ähnlichen unkontrollierbaren Störfall kommt.“ May-Stürmer bezieht sich dabei auf die Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima vor zehn Jahren. In Neckarwestheim könne es demnach zu radioaktiven Belastungen kommen, die eine ähnliche Größenordnung erreichen wie in Fukushima.

Gefährliche Schäden im Atomkraftwerk Neckarwestheim II: Schock-Prognose von Gutachter

Erstmeldung, 4. März: Am 11. März jährt sich zum zehnten Mal die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Vor zehn Jahren kam es nach einem Erdbeben und dem anschließenden Tsunami im japanischen Atomkraftwerk Fukushima zur Kernschmelze. Die Bundesregierung beschloss daraufhin, alle deutschen Kernkraftwerke bis 2022 stillzulegen. Die Kernkraftwerke Neckarwestheim I (Landkreis Heilbronn) sowie Philippsburg I und II wurden bereits abgeschaltet. Der zweite Block in Neckarwestheim darf bis Ende 2022 noch Strom liefern und das, obwohl man bei einer Überprüfung Schäden an den Rohren festgestellt hat. Dabei handelte es sich um Korrosionsschäden an Rohren von zwei Dampferzeugern des Kernkraftwerks Neckarwestheim II.

An sieben weiteren Rohren wurden Risse festgestellt, wie das Umweltministerium in Stuttgart damals mitteilte. Sie wurden verschlossen und außer Betrieb genommen. Außerdem gab es noch 19 nicht registrierpflichtige kleinere Löcher an Rohren aller vier Dampferzeuger. Im Vergleich zu den Vorjahren gab es weniger Beanstandungen. Auch die Tiefe und Länge der Korrosionsschäden sei deutlich geringer als in den Vorjahren. 2018 gab es 191 beanstandete Rohre, 2019 waren es 101 Rohre, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtete. Und genau diese Schäden machen einem Gutachter jetzt große Sorgen. Doch gibt es einen aktuellen Anlass zu Sorge? Wie echo24.de bereits berichtete, gab es im Februar dieses Jahres einen Vorfall, bei dem radioaktives Wasser aus einem Rohr des Kernkraftwerks in Neckarwestheim ausgetreten ist.

Atomkraftwerk Neckarwestheim II: Gutachter mit Schock-Prognose - Sicherheit nicht garantiert

Der ehemalige Leiter der Abteilung „Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen“ im Bundesumweltministerium, Dieter Majer, verfasste zuletzt ein Gutachten über das Atomkraftwerk Neckarwestheim II. Darin warnt Majer eindringlich vor Schäden an den Rohren, die radioaktives und unter extrem hohen Druck stehendes Wasser führen. Laut SWR seien diese Schäden bereits im Jahr 2018 als „interkristalline Spannungsrisskorrosion“ eingeschätzt worden.

Diese sehr spezielle Art der Korrosion trete nur auf, wenn drei bestimmte Voraussetzungen gegeben sind, die in Neckarwestheim gegeben waren.

erklärt Dieter Majer.

Und gerade für diese sogenannte Spannungskorrosion sei es charakteristisch, nicht vorhersagen zu können, wann ein Rohr tatsächlich zu brechen droht. Wie der SWR weiter berichtet, kam das Umweltministerium nach einer Prüfung jedoch kürzlich zu einem anderen Ergebnis. Konkret heißt das: Es gäbe im Atomkraftwerk Neckarwestheim II keine Sicherheitsbedenken. Denn falls diese Rohre wirklich kaputtgehen sollten, dann gebe es zuerst ein kleines Leck, aus dem radioaktives Wasser austreten würde. Dies würden Sensoren erkennen und das Kraftwerk könne kontrolliert abgeschaltet werden.

Das sieht der pensionierte Kraftwerksexperte Majer ganz anders. Das Umweltministerium beziehe sich auf Gutachten, die nicht nachweisen könnten, dass die „Voraussetzung der Kerntechnischen Regeln“ gegeben sind. Im Klartext: Alle herangezogenen Gutachten können keine Sicherheit garantieren. Es sei nicht erweisen, dass die beschädigten Rohre zunächst zu lecken anfangen, bevor es zu einem plötzlichen Bruch kommt. Was würde aber passieren, wenn so ein Rohr mit radioaktivem Wasser tatsächlich brechen würde?

Atomkraftwerk Neckarwestheim II: Rohrbruch könnte schwerwiegende Folgen haben

Sollte es zu einem Rohrbruch kommen, würde eine größere Menge Radioaktivität in die Umwelt gelangen. „Wenn wir einen totalen Rohrabriss haben, dann haben wir einen massiven Übertritt vom Primärkreis, der hoch radioaktiv ist zum Sekundärkreis, der nicht radioaktiv sein darf, weil von dort nach außen Öffnungen bestehen“, erklärt Dieter Majer und fordert gleichzeitig die sofortige Abschaltung des Atomkraftwerks Neckarwestheim II. Er ist der Meinung, dass ein spontaner Bruch von Rohren ohne vorheriges Leck nicht mehr ausgeschlossen sei. Im Atomkraftwerk Neckarwestheim II könnte es dann zu Störfällen oder gar unbeherrschbaren Störfällen bis hin zum Super-GAU kommen. 

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