Kein König an der Weihnachtskrippe

Ist der schwarze König Melchior zu rassistisch? Münstergemeinde in der Kritik

  • Jason Blaschke
    vonJason Blaschke
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Erst Rassismus-Debatten, dann Hassmails. Die Verbannung der Heiligen Drei Könige aus der Weihnachtskrippe in Ulm schlägt Wellen. Jetzt äußert sich die Gemeinde.

Die Figur von König Melchior in der Weihnachtskrippe der evangelischen Münstergemeinde in Ulm sorgt aktuell für viel Gesprächsstoff. Vorausgegangen war die Entscheidung, die Heiligen Drei Könige in der diesjährigen Krippe nicht zu zeigen. Der Grund: „Die Figur vor König Melchior weist mit wulstigen Lippen und Feder-Kopfschmuck klar rassistische Stereotypen auf“, erklärt Dekan Ernst-Wilhelm Gohl im Gespräch mit echo24.de in Bezug auf die Rassismus-Debatten um König Melchior.

Daraufhin entbrannte eine heftige Diskussion um die Frage: Ist König Melchior zu rassistisch? Das wiederum hatte zur Folge, dass der Dekan eine Reihe von Hassmails wegen der Krippenfigur von König Melchior bekam. Auch darüber hatte echo24.de berichtet. Viele dieser Hasszuschriften seien „unterirdisch“ gewesen, sagt Gohl.

Ulm: Münstergemeinde äußert sich zum Verschwinden der Heiligen Drei Könige

Doch die Verbannung der Heiligen Drei Könige aus der Weihnachtskrippe der Münstergemeinde in Ulm hatte durchaus einen nachvollziehbaren Grund. Viele hätten schon früher eine der Krippenfiguren aufgrund ihrer Darstellung anstößig gefunden, heißt es in einer Mitteilung der Gemeinde an echo24.de. Sensibilisiert durch die gesellschaftliche Debatte zum Thema Rassismus habe man im Kirchenrat der Münstergemeinde in Ulm reagiert und beschlossen, die Heiligen Drei Könige nicht aufzustellen.

Ulm: Darf es keinen schwarzen König an der Weihnachtskrippe geben?

In der Mitteilung heißt es: „Was für eine Frage! Natürlich soll, darf und muss es schwarze Menschen an der Krippe geben.“ Die Münstergemeinde in Ulm gehe es nicht um die Hautfarbe der Heiligen Drei Könige. Vielmehr sei die klischeehaften Darstellung des schwarzen Königs in der Weihnachtskrippe das große Problem. Dass Menschen aller Nationen vereint an der Krippe stehen, sei für die Gemeinde in Ulm ein „wichtiger“ und „berührender“ Gedanke.

Der schware König und seine Geschichte

In vielen Krippen wird einer der Könige mit schwarzer Hautfarbe dargestellt. Es ist aber nicht immer Melchior. Auch Caspar und Balthasar werden oft dunkelhäutig dargestellt. Die Könige sollen die damals bekannten Kontinente Asien, Europa und eben Afrika repräsentieren. Sie stehen damit stellvertretend für die Weltbevölkerung.

Ulm: Wird die Bibel wegen schwarzem König Melchior umgeschrieben?

Die Bibel in Ulm kann und muss nicht umgeschrieben werden. Denn: Das neue Testament kennt zwei Geburtsgeschichten von Jesus Christus. Die erste sei die berühmte Weihnachtsgeschichte nach Lukas. In der zweiten Variante handelt es sich um drei Magier (hier: Die Heiligen Drei Könige), die Gold, Weihrauch und Myrrhe als Geschenke für das Christkind nach Bethlehem bringen. In der gängigen Krippendarstellung seien die beiden Geschichten zu einem Bild verschmolzen.

Daher: „Wenn wir dieses Jahr nur Maria mit Christkind, Joseph und die Hirten in der Krippe zeigen, dann entspricht das genau der Weihnachtsgeschichte nach Lukas.“

Ulm: Woher kommen Weihnachtsgrippe und schwarze Hautfarbe?

Die Weihnachtskrippe der evangelischen Münstergemeinde in Ulm wird seit 1992 aufgestellt. Laut der Gemeinde stammt sie von der Familie Mößner und wurde der Gemeinde als Spende übergeben. Vor 1992 wurde im Ulmer Münster keine Krippe ausgestellt. Die Brezel in der Hand der König-Melchior-Figur hat übrigens eine ganz eigene Geschichte. Angeblich machte König Melchior auf seiner Reise nach Bethlehem Pause in Ulm. Dort nahm er einen verlockenden Duft wahr.

Dekan Ernst-Wilhelm Gohl will über die Krippenfigur von König Melchior debattieren. Aber erst im nächsten Jahr.

Kurzerhand beschloss er, neben seinen Gaben ein paar Brezeln als Geschenk für das Christkind mitzunehmen. Doch seine Weggefährten waren wohl kleine Naschkatzen. Denn: Von seinen Brezeln war in Bethlehem nicht mehr viel übrig. Daraufhin habe sich der König schwarz geärgert. Gohl im Gespräch mit echo24.de: „Aus heutiger Sicht ist das schon rassistisch.“ Insofern sei auch die Brezel in der Hand der Krippenfigur ein wenig seltsam. Zumindest, wenn man der Legende glaubt.

Ulm: Warum wird die Krippenfigur nicht ersetzt oder kommentiert?

Über solche Lösungen habe man tatsächlich nachgedacht, sagt Gohl. Aber dann sei klar geworden: „Wir können nicht eine Figur aufstellen, um dann daneben zu schreiben, dass wir uns von der herabsetzenden Art und Weise der Darstellung distanzieren.“ Auch eine neue Krippenfigur von König Melchior wäre eine Lösung. Daher wolle man das Thema mit der Stifterfamilie besprechen. „Das heimlich zu tun und ohne mit der Gemeinde in Ulm darüber zu sprechen, hätten wir schäbig und feige gefunden.“

Nach Rassismus-Debatte in Ulm: Darf es noch die Sternsinger geben?

Der Münstergemeinde in Ulm sei es wichtig, über die Heiligen Drei Könige in Zusammenhang mir Rassismusvorwürfen zu reden. „Alle Menschen sollen sich an Weihnachten über eine Krippe freuen können.“ Rassismus sei ein großes Thema. Mit der Aktion der Sternsinger in Deutschland habe die Debatte um die Heiligen Drei Könige in Ulm nichts zu tun. In der Mitteilung heißt es dazu: „Die Aktion der Sternsinger ist eine wunderbare (...) Aktion der Katholischen Kirche, die wir gerne unterstützen.“

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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