OB hofft auf Sonderweg für Tübingen

Tübinger Modellprojekt vor Aus: So will Boris Palmer Notbremse umgehen

  • Jason Blaschke
    vonJason Blaschke
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Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer kämpft für das Modellprojekt und will verhindern, dass die Stadt in einen Total-Lockdown geht.

Bundestag und Bundesrat haben die Corona-Notbremse für Deutschland* beschlossen und so auch das Aus für die Modellprojekte in der Bundesrepublik herbeigeführt. Einer der wohl bekanntesten Versuche läuft aktuell noch in der Stadt Tübingen in Baden-Württemberg. Im Zuge des Tübinger Modellprojekts* haben in der Stadt der Handel oder auch verschiedene Kultureinrichtungen unter Hygieneauflagen geöffnet echo24.de* berichtete schon mehrfach über das Projekt.

Tübinger Modellprojekt vor Aus: Sondergenehmigung soll Modellversuch retten

Voraussetzung für einen Kino- oder Theaterbesuch ist ein „Tübinger Tagesticket“. Das können Bürger bekommen, wenn sie in einer der Teststationen in Tübingen negativ auf das Coronavirus getestet werden. Alternativ kann ein Schnelltest auch direkt in vielen Geschäften oder Kultureinrichtungen gemacht werden. „Öffnen mit Sicherheit“ ist die Idee, mit der in Tübingen trotz steigender Coronavirus-Infektionen in Baden-Württemberg* wieder mehr Normalität ermöglicht werden soll.

Doch die Corona-Notbremse sieht vor, dass Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie Gastronomie geschlossen werden. Wegen der hohen 7-Tage-Inzidenz im Landkreis Tübingen müssten auch die Geschäfte, die nicht der täglichen Grundversorgung dienen, ab spätestens Montag dich machen. Das will Oberbürgermeister Boris Palmer verhindern und hofft auf einen Sonderweg. „Ich werde die Kanzlerin bitten, dass wir den Versuch weiterführen dürfen“, sagt Palmer.

Tübinger Modellprojekt vor Aus: Das kritisiert Palmer an der Notbremse

Die Stuttgarter Zeitung berichtet, dass der Oberbürgermeister einen Brief mit einer entsprechenden Bitte an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben haben soll. Tübingen brauche eine Sondergenehmigung des Bundes, so Palmer. Er hofft darauf, dass in Berlin die Einsicht gewachsen ist. Der Oberbürgermeister von Tübingen ist sich sicher, dass man von den ganzen Modellversuchen profitieren könne und kontrollierte Lockerungen begleitet von massenhaft anlasslosen Tests möglich seien.

Besonders ärgert sich Palmer über die Tatsache, dass für die Corona-Notbremse ausschließlich die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis Tübingen ausschlaggebend ist. Dort liegt der Inzidenzwert über 180. Die Stadt Tübingen weist aber nur eine 7-Tage-Inzidenz von derzeit 91 auf. „Wären wir ein Stadtkreis, wie das wesentlich kleinere Baden-Baden, würde unsere Inzidenz unter 100 zählen und alles bliebe offen“, schrieb Palmer am 21. April auf Facebook, wo er das Aus für das Tübinger Modellprojekt kritisierte.

Oberbürgermeister Boris Palmer hofft auf eine Sondergenehmigung, um das Modellprojekt in Tübingen trotz der Corona-Notbremse fortführen zu können.

Tübinger Modellprojekt vor Aus: Das sagt die Wissenschaft dazu

Zuspruch bekommt das Modellprojekt in Tübingen von Volkswirtschaftler Klaus Wälde, der an der Universität Mainz eine Analyse des Modellprojekts durchgeführt hatte. „Das Tübinger Modell führte zu einem messbaren, allerdings kleinen und tendenziell temporären Anstieg der 7-Tage-Inzidenz im Landkreis Tübingen“, sagt Wälde. Aber: Unterm Strich seien die Zahlen wieder abgeflacht. Wer viel teste, würde eben auch viele Infizierte herausfischen, die sonst nicht entdeckt worden wären.

Wenn die Entscheidung in seiner Hand läge, würde er den Modellversuch in Tübingen fortsetzen, so der Experte. Aber: Die Infektionszahlen müssten unter tagesscharfer Beobachtung stehen. Noch ist völlig unklar, ob die Bitte Palmers nach einer Sondergenehmigung für Tübingen in Berlin Zustimmung findet. Zuletzt hatte sich Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gegen das Modellprojekt in Tübingen* ausgesprochen. *echo24.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Bernd Weissbrod/dpa

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