Ergebnis umstritten

Nach Aus von Tübinger Modellprojekt: Experten mit heftiger Kritik

  • Julia Thielen
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Das Tübinger Modellprojekt „Öffnen mit Sicherheit“ sorgt nach wie vor für Diskussionen. Denn: Unklar ist offenbar, ob das Aus tatsächlich richtig war.

War es nun ein erfolgreicher oder doch ein gescheiterter Versuch? Nach dem Ende des Tübinger Modellprojekts scheiden sich an genau diesem Punkt die Geister. Eine Studie kommt vermeintlich zu einem eindeutigen Ergebnis - doch offenbar schließen sich dem nicht alle Experten an. Einige üben nun heftige Kritik am Aus durch die Bundesnotbremse, die auch Auswirkungen auf Baden-Württemberg hatte.

„Die Zahl der Neuinfektionen ist in Tübingen seit Monaten viel niedriger als im südlichen Landkreis. Das Modell hat offenbar dazu beigetragen, dass der Virus hier nicht so sehr um sich gegriffen hat“, zitiert die Bild-Zeitung Medizinstatistiker Prof. Dr. Bertram Häussler vom Berliner Iges-Institut. Demnach sei die Inzidenz in der Stadt Tübingen immer deutlich niedriger geblieben, als die im Landkreis.

Tübinger Modell: Experten üben heftige Kritik am Aus

In der Tat lag die Inzidenz in der Stadt Tübingen während des Modellprojekts „Öffnen mit Sicherheit“ deutlich unter der im Landkreis. Vor dem Aus des Projekts vermeldete die Stadt konstant eine 7-Tages-Inzidenz von unter 100 - beim Landkreis lag der Wert fast doppelt so hoch. Doch unter anderem hier liegt der Grund, warum sich Experten so uneins sind, wenn sie über Erfolg oder Misserfolg des Tübinger Modells streiten.

Während des Modellprojekts in Tübingen konnten Menschen fast Normalität in der Pandemie erleben. Am Aus gibt es auch deshalb viel Kritik.

Denn auch, wenn Tübingen Modellstadt war, nicht nur die Bürger dieser Gemeinde nutzten das Stückchen Normalität. Wer sich tagesaktuell negativ testen ließ, konnte mit dem Tagespass beinahe alles machen. Restaurants besuchen zum Beispiel - und sogar ins Theater konnte man gehen. Anfangs zog das zahlreiche Tagestouristen an. Dann waren nur noch Bürger aus dem Landkreis Tübingen für den Tagespass berechtigt.

Tübinger Modellprojekt: Bundesnotbremse bedeutete Aus - Inzidenz zu hoch

Hier war die Inzidenz deutlich angestiegen. Unter anderem SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte frühzeitig einen Stopp des Modellprojekts in Tübingen und übte heftige Kritik an dessen Umsetzung in der dritten Welle der Pandemie. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hatte die Kritik bis zuletzt zurückgewiesen - unter anderem, weil der Anstieg der Fallzahlen vergleichbar sei mit Kommunen ohne Testmodell. Er kämpfte für eine Fortsetzung des Tübinger Modells.

Auch Professor Dr. Peter Kremsner, Chef des Tropeninstitus der Uniklinik Tübingen wetterte gegenüber der Bild gegen die Schließung. „Die Test-Positiv-Rate blieb immer gleich.“ Mit anderen Worten: Natürlich würden bei verstärkten Testungen - in Tübingen waren es jede Woche rund 30.000 Schnelltests - auch mehr Infektionen aufgedeckt. Im Verhältnis seien die Anzahl der positiven gegenüber den der negativen aber gleich geblieben.

Tübingen: Studie mit Ergebnis zu Modellprojekt

Eine Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der Eberhard Karls Universität Tübingen und der University of Southern Denmark kommt zu einem anderen Ergebnis. Demnach hätten sich durch das Modellprojekt in Tübingen wohl mehr Menschen mit Corona infiziert, als wenn es die außergewöhnliche Teststrategie nicht gegeben hätte.

Tübinger Modell

Das Modellprojekt „Öffnen mit Sicherheit“ in Tübingen lief vom 16. März bis zum 24. April 2021 als Versuch der baden-württembergischen Landesregierung und der Stadt Tübingen. Durch rund 30.000 Schnelltests in der Woche und sogenannte Tagespässe wurden Öffnungen ermöglicht. So konnten Menschen unter anderem im Einzelhandel einkaufen, Restaurants besuchen und sogar ins Theater gehen. Wegen der sogenannten Bundesnotbremse musste das Projekt eingestellt werden. Sowohl an der Durchführung als auch am Aus des Projekts gab es viel Kritik von verschiedenen Experten.

„Das Tübinger Modell führte zu einem messbaren, allerdings kleinen und tendenziell temporären Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Tübingen“, schrieben die Wissenschaftler in ihrem Blog. Sie hatten für ihre Untersuchung die Entwicklung der Infektionszahlen in Tübingen mit ähnlichen Städten verglichen.

Tübingen: Modellprojekt wird wohl auch nach Aus für Streit sorgen

Demnach seien die vermehrten Tests nicht die einzige Ursache für den Anstieg der Inzidenz gewesen. „Unsere Rechnungen zeigen, dass die Zunahme bei der Inzidenz durch das vermehrte Testen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil, aber nicht vollständig erklärt werden kann“, erklärten die Wissenschaftler.

Fest steht: Je nachdem, ob man nun nur die Stadt Tübingen oder auch den Landkreis mit einbezieht und je nach betrachteten Zahlen fällt das Fazit zum Modellprojekt wohl immer anders aus. Angesichts der weiter anhaltenden Bundesnotbremse und dem Wunsch nach Rückkehr zur Normalität auf der anderen Seite. Sowie immer noch zu hohen Infektionszahlen und der Notwendigkeit, die Inzidenzen zu senken, wird es wohl auch weiterhin einen Streit um das Ergebnis des Projekts geben.

Rubriklistenbild: © Tom Weller/dpa

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