1. echo24
  2. Baden-Württemberg

Tierheime am Limit: Jedes Vierte steht vor dem Aus – Situation spitzt sich zu

Erstellt:

Von: Lisa Klein

Kommentare

Ein Kätzchen in Siam-Optik am Gitter im Tierheim Heilbronn.
Ein Kätzchen in Siam-Optik wartet noch auf seine neuen Besitzer. © Juliane Pia Reyle/echo24

Die Preise für Personal, Futter und Energie steigen, gleichzeitig werden nach dem Haustier-Boom in der Corona-Pandemie immer mehr Tiere wieder abgegeben.

Der Deutsche Tierschutzbund befürchtet eine Schließung von bundesweit jedem vierten Tierheim. „Ein Viertel wackelt, weil so viele Probleme zusammenkommen“, sagt der Präsident des Verbandes, Thomas Schröder. Manche Tierheime führen sogar schon Wartelisten, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet.

Eine Ursache ist unter anderem der Haustier-Boom während der Corona-Pandemie. Viele Tierhalter sind nun überfordert mit ihren Vierbeinern oder mit exotischen Tieren, die sie während der Pandemie erworben haben. Etwas, das Tierschützer bereits während der Corona-Lockerungen befürchtet hatten. Auch das Tierheim in Heilbronn ist nach der Pandemie restlos überfüllt. Die Kosten für Personal, Futter und Energie steigen, viele anderen Preise auch. Der Tierschutzbund schlägt Alarm.

Steigende Kosten und immer mehr Tiere: Deutsche Tierheime sind am Limit

Die Situation sei aus mehreren Gründen katastrophal. So sehe die neue Gebührenordnung für Veterinäre zum Teil eine Verdopplung der Honorare vor, die nicht nur die Tierheime in Bedrängnis bringe, sondern auch Halter, die wegen unbezahlbarer Behandlungskosten ihre langjährigen Gefährten im Tierheim abgeben würden. „Das hat uns kalt erwischt“, sagte Schröder. echo24.de berichtete bereits über die steigenden Tierarztkosten im November.

Schröder fordert Bund und Kommunen auf, die Finanzierung der Häuser zu verbessern. 380 Millionen Euro einmalig reichten aus, um sie auf Vordermann zu bringen. Der Tierschutzbund vertritt die Interessen von 540 Mitgliedsheimen in Deutschland. Die baden-württembergische Landestierschutzbeauftragte Julia Stubenbord teilt Schröders Diagnose: „Die Tierheime stehen unter Druck.“

Um nötige Investitionen vorzunehmen und den Winter zu überstehen, forderte Schröder für die Tierheime 160 Millionen Euro aus der Hundesteuer und ebenso viel aus dem 200 Milliarden Euro Entlastungspaket der Bundesregierung. Die Landesregierung stellt für die Sanierung von über 70 bestehenden Tierheimen und den Bau neuer jährlich 500.000 Euro bereit. Seit dem Start des Programmes im Jahr 2010 wurden über 80 Vorhaben mit mehr als 4,5 Millionen Euro unterstützt – zu wenig.

Steigende Energiekosten machen Tierheimen zu schaffen – großer Wärmebedarf

Das Problem: Die meisten Heime seien laut des Präsidenten des Tierschutzverbands alt und energetisch nicht auf dem neuesten Stand – mancherorts hätten sich die Energiekosten verfünffacht. Da helfen auch die besten Spartricks nichts mehr. Vor allem der Wärmebedarf ist groß: Verletzte Igel und Eichhörnchen dürften nicht auskühlen. Besonders viel Energie verschlingen die Terrarien für Warane, Schlangen, Spinnen und Kleinkrokodile. Schröder rechnet mit einer Abgabeflut von kostspieligen Reptilien.

Stubenbord schlägt in einem ersten Schritt eine Energiepauschale vor, damit zumindest die Heizkosten gedeckt werden könnten. Ansonsten drohe die Schließung kleiner spendenfinanzierter Heime. Aber jedes werde gebraucht, um die Ordnung aufrechtzuerhalten und streunende Katzen und Hunderudel wie etwa in Griechenland zu vermeiden.

Energiekrise und Corona-Pandemie mit als Ursache für überfüllte Tierheime

„Die in der Coronakrise spontan erworbenen Tiere sind teils schon wieder im Tierheim gelandet, und die steigenden Kosten halten mögliche Halter von der Anschaffung ab“, sagte Stubenbord. Zudem seien die abgestoßenen Tiere oft unerzogen; Hunde seien Leinen und Gehorsam nicht gewöhnt oder aggressiv zu Mensch und Tier. Verhaltensgestörte Vierbeiner hätten aber wenig Chancen auf eine Vermittlung an neue Halter. Das Training mit ihnen bedeutet auch für die Mitarbeiter einen enormen Aufwand.

Tierschutzbund fordert mehr Unterstützung aus der Politik zur Rettung von Tierheimen

Abhilfe könne nur die Politik schaffen. Seit Jahren verweigerten die Kommunen mehr Mittel, weil sie die abgegebenen Tiere nicht als Fundtiere und damit förderungswürdig anerkennen würden. Das kann der Tierschützer nicht nachvollziehen. „Jedes Tier ist ein Fundtier, denn nähmen wir es nicht auf, wäre es ein Fundtier.“

Die Finanzierung der Tierheime sei in jeder Kommune anders: So gebe es Städte mit einer tierartenscharfen Abrechnung, anderswo an der Einwohnerzahl orientierte Pauschalen oder einen Erlass der Pacht städtischer Flächen. „Wir wollen eine kostendeckende einheitliche Finanzierung“, verlangte Schröder und fügte hinzu: „Wenn es keine Tierheime mehr gibt, fällt die Aufgabe ohnehin an die Kommunen – töten können wir die Tiere ja nicht.“

Auch interessant

Kommentare