Zwei junge Männer vor Gericht

Prozess zu Krawall-Nacht in Stuttgart: Strafe zu hart! Anwälte wollen jetzt handeln

  • Violetta Sadri
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Nach der Krawall-Nacht in Stuttgart fanden die ersten öffentlichen Prozesse gegen Randalierer statt. Die Urteile sind gefallen - doch die Anwälte akzeptieren diese nicht.

Update vom 16. November: Eingeschlagene Schaufenster, zerstörte Streifenwagen, Angriffe auf Polizisten - In der Nacht vom 20. auf den 21 Juni 2020 passierte in Stuttgart das Unfassbare. Mehrere hundert Beteiligte verwüsteten die Stuttgarter Innenstadt. Zahlreiche Videos kursierten daraufhin im Netz. Mithilfe dieser konnte die Polizei einige Täter identifizieren. Am 10. November fand der erste öffentliche Prozess gegen zwei Randalierer statt. Das Urteil für den 18- und 19-Jährigen: zweieinhalb Jahre Haft! Für die einen zu hart, für die anderen zu lasch.

Die Anwälte der Angeklagten wollen das nicht hinnehmen und das Verfahren neu aufrollen. Der Anwalt der 18-Jährigen hatte bereits gesagt, dass er gegen das Urteil vorgehen wird. Jetzt hat auch der Anwalt des zweiten Angeklagten Berufung eingelegt. Der Richter habe übersehen, dass beim Jugendstrafrecht der Erziehungsgedanke im Vordergrund stehen müsse. „Die momentanen Verhältnisse seines Mandanten seien gut, das Urteil bremse diesen Weg aus“, sagte der Jurist. 

Prozess zu Krawall-Nacht in Stuttgart: Urteil zu hart? Anwalt will handeln

Update vom 12. November: Zweieinhalb Jahre Haft lautet das Urteil für zwei junge Männer, 18 und 19 Jahre alt, die an der Krawallnacht in Stuttgart in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni dieses Jahres beteiligt waren. Für die einen fiel das Urteil zu lasch, für die anderen zu hart aus. Der Landesinnenminister Thomas Strobl sagte nach den zwei Prozessen am Amtsgericht: „Der Rechtsstaat zeigt Zähne. Das möchte sich der Mob hinter die Ohren schreiben, dass Randale und Gewalt bei uns kein Spaß sind. Das erste Urteil zur Stuttgarter Krawallnacht zeigt, dass die Polizei und die Justiz konsequent Straftaten ermitteln und auch hart ahnden.„

Krawallnacht in Stuttgart: Urteile gefallen - zu hart oder zu lasch?

Marc Reschke, der Anwalt des 18-Jährigen will dieses Urteil nicht akzeptieren. „Das ist ein politisches Urteil. Man will hierein Zeichen setzen.“ Das Jugendstrafrecht soll zwar eine abschreckende Wirkung auf andere Täter haben, „es soll aber auch berücksichtigen, welche Auswirkungen es auf den Lebenslauf hat.“ Im Fall des 18-jährigen Angeklagten würde das bedeuten, dass der junge Mann seinen Ausbildungsplatz verliert. Reschke kündigte ein Berufungsverfahren am Landgericht an. Er fordert für seinen Mandanten eine Bewährungsstrafe, berichtet stuttgarter-nachrichten.de.

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei sieht das anders. Für ihn könne das Urteil nicht weit genug gehen, denn er könne nicht nachvollziehen, dass die 18 und 19 Jahre alten Männer nach dem Jugendstrafrecht verurteilt werden würden.

Nach schockierender Krawall-Nacht in Stuttgart: Jetzt gibt‘s harte Urteile für Randalierer

Erstmeldung vom 11. November: Es war eine Nacht der Krawalle – und eine, die den Menschen in Stuttgart und weit darüber hinaus noch lange im Gedächtnis bleiben wird. In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 2020 war es in Stuttgart zu heftigen Randalen und schweren Auseinandersetzungen gekommen. Die Vorfälle sorgten weit über Stuttgart hinaus für Schlagzeilen und hitzige Debatten. Von einer „Nacht der Schande“ schrieb im Anschluss die Bild-Zeitung, andere sprachen von einem brutalen Zerstörungswillen.

Nach Stuttgarter Krawall-Nacht: Erster öffentlicher Prozess – 18-Jähriger vor Gericht

Auslöser war die Drogen-Kontrolle an einem 17-Jährigen, mit dem sich andere dann solidarisierten. Über hundert Randalierer waren an jener fatalen Krawallnacht in Stuttgart beteiligt. Vor allem junge Menschen hatten dabei Schaufenster zerstört und Geschäfte geplündert, Polizisten wurden angegangen, Streifenwagen beschädigt. 32 Polizeibeamte wurden damals verletzt. Aufgrund des in Mengen vorhandenen Foto- und Video-Materials konnte die zuständige 40-köpfige Ermittlungsgruppe im Anschluss viele der Beteiligten aufspüren. Bislang wurden rund 100 Tatverdächtige ermittelt, die in der Nacht an den Krawallen beteiligt gewesen sein sollen.

Jetzt, rund fünf Monate später, fand der erste öffentliche Prozess zu den Auseinandersetzungen in Stuttgart statt. Auf der Anklagebank saß ein 18-Jähriger aus Gaildorf, der sich damals an den Randalen beteiligt hatte. Vor dem Amtsgericht in Stuttgart räumte der junge Mann ein, in der Krawall-Nacht die Heckscheibe eines Polizeiwagens eingeschlagen und zwei Seitenscheiben zertrümmert zu haben. Das war auch auf einem Handyvideo zu sehen. Außerdem soll er einen Gegenstand nach einem Polizisten geworfen haben.

In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 2020 war es in Stuttgart zu heftigen Randalen gekommen.

Stuttgarter Krawall-Nacht: Überraschend hartes Urteil gegen jungen Randalierer

„Ich habe mich da einfach mitgehen lassen, ich habe das gar nicht durchdacht“, sagte der Angeklagte vor dem Jugendschöffengericht. Er begründete seinen Gewaltausbruch in Stuttgart mit Alkohol und Frust wegen Corona. Er sei weder rechtsstaatsfeindlich noch polizeifeindlich, betonte der 18-jährige Randalierer laut den Stuttgarter Nachrichten. Tage nach den Krawallen war der Auszubildende in der Stuttgarter Innenstadt von einem Polizisten in Zivil wiedererkannt worden.

Am Dienstag, 10. November, fiel jetzt das Urteil im ersten Prozess zur Stuttgarter Krawall-Nacht. Der 18-jährige Randalierer wurde wegen besonders schweren Landfriedensbruchs und versuchter schwerer Körperverletzung zu einer überraschend harten Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Das berichtet die Deutsche Presse-Agentur. Diese Strafe liegt deutlich über dem, was Staatsanwaltschaft und Verteidigung gefordert hatten. Der Anwalt des jungen Mannes kündigte an, Berufung einzulegen.

„Rechtsstaat zeigt Zähne“: Strobl reagiert auf Urteil im Prozess um Stuttgarter Krawall-Nacht

Die Deutsche Polizeigewerkschaft hingegen reagiert positiv auf die Entscheidung des Gerichts. Das Urteil sei ein „klares und deutliches Signal und wird zur Abschreckung beitragen“, bekräftigte der Landesvorsitzende Ralf Kusterer gegenüber der dpa. Auch Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl teilte in einer Meldung mit: „Der Rechtsstaat zeigt Zähne. Das möchte sich der Mob hinter die Ohren schreiben, dass Randale und Gewalt bei uns kein Spaß sind.“ Das Urteil zeige, dass Polizei und Justiz konsequent Straftaten ermittelten und auch hart ahndeten, so Strobl weiter.

Am Nachmittag folgte das zweite Verfahren gegen einen weiteren Beteiligten an der Stuttgarter Krawall-Nacht. Auch dieser 19 Jahre alte Randalierer aus Geislingen an der Steige muss ins Gefängnis. Er wurde für seinen Gewaltausbruch ebenfalls zu einer Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Auch dieser junge Mann hatte ein Fahrzeug der Polizei massiv beschädigt, wie der SWR berichtet. Insgesamt erwartet das Amtsgericht zu den Vorfällen in der Landeshauptstadt bis zu 100 Prozesse.

Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

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