Sicherheit bemängelt

Nach Psychiatrie-Ausbruch: Massive Sicherheitslücken? Deftige Experten-Kritik

Polizei bei der Klinik am Weissenhof
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Vier Straftäter sind aus der Psychiatrie in Weinsberg ausgebrochen. Die Polizei fahndet noch immer nach dreien von ihnen. (Symbolbild)
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Gleich vier Straftätern sind aus dem Maßregelvollzug einer Psychiatrie in Weinsberg ausgebrochen. Von der SPD hagelt es Kritik: Die Sicherheitsstandards seien mangelhaft.

Der Ausbruch von gleich vier Straftätern aus dem Maßregelvollzug der Psychiatrie am Weissenhof in Weinsberg hat vor zwei Wochen für jede Menge Medienrummel gesorgt. Noch immer sind drei der vier Männer auf der Flucht, wie echo24.de* berichtet. Die Polizei fahndet weiterhin nach ihnen, insgesamt 30 Polizisten arbeiten an dem Fall – bislang allerdings ohne Erfolg.

Ein Kriminologe kritisierte bereits die Sicherheitsstandards für die Unterbringung von Straftätern in psychiatrischen Einrichtungen im Allgemeinen: „Der Strafvollzug ist sicherer als der Maßregelvollzug“, sagte Christian Pfeiffer vergangene Woche. Nun verlangt die SPD-Fraktion, die landesweit fünf Maßregelvollzugsanstalten zu überprüfen, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet. 

Straftäter brechen aus Psychiatrie aus: SPD-Politiker bemängelt Sicherheit

 „Die vier Ausbrecher haben ihre Flucht mutmaßlich mit einem Mobiltelefon geplant und das Gebäude über ein nicht vergittertes Flurfenster verlassen“, sagte Strafvollzugsexperte Jonas Weber in Stuttgart. Besorgniserregend sei, dass Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) keinen Überblick über die Sicherheitsdefizite der Einrichtungen habe. „Daher ist eine landesweite Untersuchung nötig, um Sicherheitsrisiken in allen fünf Standorten auszuschließen und weitere Bedrohungslagen für die Bevölkerung zu vermeiden“, sagte Weber.

Die vier Männer waren in einem unbeobachteten Moment am Mittwochabend (22. September) aus dem Klinikum am Weissenhof in Weinsberg geflohen. Einer von ihnen wurde einen Tag später festgenommen. Die anderen drei – im Alter von 24, 28 und 36 Jahren – sind noch auf der Flucht.

Zur Flucht nutzten die Männer einen schweren Beistelltisch mit Metallplatte. Damit drückten sie die Panzerglasscheibe des Flurfensters nach außen aus dem Rahmen. Danach seilten sie sich an aneinander geknoteten Leintüchern ab. Videoaufzeichnungen belegen, dass sich das innerhalb von weniger als 30 Sekunden abgespielt hat. Bei den Männern stand der Abbruch der Therapie bevor. Dies bedeutet, dass sie ins Gefängnis zurückgeschickt worden wären.

Massive Sicherheitslücken im Maßregelvollzug? Lucha weist Behauptungen zurück

Ein Sprecher Luchas wies die Behauptungen der SPD als haltlos zurück: „Der Schutz der Bevölkerung, aber auch des Personals in den Einrichtungen des Maßregelvollzugs, hat für das Land höchste Priorität.“ Gesichert werde der Maßregelvollzug durch bauliche und technische Mitte wie Panzerglas, elektronisch geregelte Schleusen, Alarmgeber und hohe Zäune um die Außenanlagen. Diese Maßnahmen scheinen in Weinsberg allerdings nicht gereicht zu haben.

Im Ministerium gebe es regelmäßige Dienstbesprechungen mit den Leitungen des Maßregelvollzugs, in denen alle Fragen rund um die Sicherheit regelmäßig besprochen würden. Sicherheitsbeauftragte der Einrichtungen kontrollierten und verbesserten diese Sicherungen ständig. „Hierbei besteht häufig ein enger fachlicher Austausch mit dem Justizvollzug und der Polizei“, sagte der Behördensprecher.

Straftäter brechen aus Psychiatrie aus: Massive Kritik an Sicherheitsstandards im Maßregelvollzug

Der SPD-Gesundheitsexperte Florian Wahl kritisierte, dass die Anzahl der Plätze im Maßregelvollzugs um rund 20 Prozent erhöht wurden – von 1049 auf 1273 Plätze – nicht aber die Personalstärke. Hier sieht Wahl eine eindeutige Lücke. Auch die Technik sei dieselbe wie vor der Überbelegung. Das Land solle sich zudem mehr auf die Therapieabbrecher konzentrieren: „Hier ist eine Nachjustierung unbedingt nötigt. Das ist eine der Lehren von Weinsberg. Alle vier Ausbrecher standen vor dem Abbruch der Therapie und damit vor einer unmittelbaren Überstellung in den Strafvollzug.“

In den Maßregelvollzug kommen psychisch kranke und suchtkranke Menschen, oftmals liegt allerdings keine eindeutige Abhängigkeitserkrankung vor, sondern eher ein missbräuchlicher Drogenkonsum als Teil des delinquenten Lebenswandels. An einer Reform des Paragrafen 64 StGB (Unterbringung in einer Entziehungsanstalt) werde bereits gearbeitet. Die Arbeit der Bund-Länderarbeitsgruppe stehe kurz vor dem Abschluss.

Am Montag (4. Oktober) gab es bereits den nächsten Aufseher in der Region: Ein Psychiatrie-Patient ergriff laut Polizei während eines begleiteten Aufenthalts auf einem forensisch-psychiatrischen Bauernhof am Montagnachmittag die Flucht. Der 42-Jährige war seit 2011 in der forensischen Klinik im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch untergebracht. Eine Fremdgefährdung durch den Mann konnte nicht ausgeschlossen werden. Glücklicherweise konnte der geflohene Patient wenige Stunden später durch einen Zeugenhinweis in Obhut genommen werden.

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