Psychische Situation verschärft

Psychiater schlagen Alarm: Mehr Kinder und Jugendliche seelisch belastet

Corona-Pandemie: Vor allem junge Menschen leiden unter den Lockdown-Folgen.
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Corona-Pandemie: Vor allem junge Menschen leiden unter den Lockdown-Folgen. (Symbolbild)
  • Christina Rosenberger
    VonChristina Rosenberger
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Wie gut sind junge Menschen bisher durch die Corona-Pandemie gekommen? Psychiater sind der Meinung: Viele Kinder und Jugendliche sind zunehmend psychisch belastet.

„Die psychische Situation vieler Kinder und Jugendlicher hat sich durch die Pandemie erheblich verschlechtert“, das meint Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) und spricht damit vielen Psychiatern aus der Seele. 50 Experten hatten sich am Mittwoch (18. August) in Stuttgart zu einem Fachgipfel getroffen, um über die seelischen Belastungen bei jungen Menschen zu sprechen. Das Ergebnis ist erschreckend.

Die Psychiater rechnen zum Beginn des neuen Schuljahres mit einer großen Anzahl an psychisch belasteten Kindern. Deshalb fordern sie mehr Möglichkeiten, um junge Menschen flächendeckend behandeln zu können. Denn die Experten gehen davon aus, dass der zusätzliche Bedarf an ambulanten und stationären Behandlungsmöglichkeiten durch die aktuellen Versorgungskapazitäten nicht überall abgedeckt werden können. Das ist laut den Gipfelteilnehmern allerdings dringend nötig.

Psychiater warnen: Kinder leiden massiv unter der Corona-Pandemie

Auch Gesundheits- und Sozialminister Lucha rechnet mit einem deutlichen Anstieg der Zahl an Betroffenen. „Es steht zu befürchten, dass wir heute erst die Spitze des Eisbergs sehen“, sagte er laut der Deutschen Presse-Agentur dpa. Denn laut Lucha leiden Kinder und Jugendliche besonders unter den Strapazen von Homeschooling, Lockdown und den Einschränkungen sozialer Kontakte. Doch konkrete Vorschläge für einen Ausbau der Behandlungsmöglichkeiten machte der Minister nicht.

Nach Angaben des Sozialministeriums sind die Kapazitäten im voll- und teilstationären Bereich stetig ausgebaut worden. Zwischen 2015 und 2021 sei die Zahl der vollstationären Plätze in Kinder- und Jugendpsychiatrien um sechzehn Prozent gestiegen, im teilstationären Bereich sogar um 40 Prozent. Doch der Städtetag Baden-Württemberg sieht massiven Handlungsbedarf. Es gebe schon jetzt nicht genügend Plätze, heißt es.

Mehr Kinder und Jugendliche psychisch belastet: Ausmaß oft lange unbemerkt

Auch Jörg Fegert, der Ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Ulm, sagte gegenüber der Südwestpresse, er gehe davon aus, „dass die Zahlen deutlich ansteigen werden, wenn die Kinder und Jugendlichen wieder in ein Umfeld kommen, in dem sie gehört und gesehen werden.“ Diese Erfahrung wurden bereits nach dem ersten Lockdown gemacht. Denn man wisse, dass die Schulen es häufig zuerst wahrnehmen, wenn Kinder und Jugendliche psychische Probleme haben.

Durch die Pandemie hätten demnach besonders Angst- und Essstörungen zugenommen. Vor allem jugendliche Mädchen und junge Menschen mit Migrationshintergrund seien betroffen. Und die Gefahr psychischer Belastung bei Kindern und Jugendlichen scheint bei Experten schon seit längerer Zeit zu alarmieren. Familienforscher hatten zuletzt Ende Juli davor gewarnt, die psychischen Belastungen durch die Corona-Pandemie auf Schüler zu unterschätzen.

Psychiater warnen: Über die Hälfte der jungen Menschen psychisch belastet

Nach einer Studie, die vor einem Jahr in Mannheim veröffentlicht wurde, waren während der ersten Phase der Corona-Krise 57 Prozent von fast 700 befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen psychisch belastet – davon 38 mittel bis schwer. Besonders der Umgang mit der Isolation von Freunden und Verwandten sei ausschlaggebend für den Grad der Belastung. Doch nun scheint langsam wenigstens ein kleines Licht am Ende des Tunnels zu erscheinen.

Denn die Ständige Impfkommission (STIKO) hat nun eine generelle Impf-Empfehlung für alle Kinder ab 12 Jahren abgegeben, was vielen jungen Menschen nun das ersehnte Ticket zurück in einen relativ normalen Alltag bietet. Denn mit Impfungen und Corona-Tests ist seit dieser Woche wieder viel kulturelles und soziales Leben möglich. Die neue Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg macht‘s möglich.

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