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Hallenbad-Hammer sorgt in Öhringen weiter für Aufregung

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Von: Priscilla Dekorsi

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Das derzeit geschlossene Hallenbad in Öhringen
Öhringen Hallenbad.JPG © Pricscilla Dekorsi

Ende Juli beschließt der Gemeinderat in Öhringen überraschend in einer knappen Abstimmung: Um Energie zu sparen bleibt das Öhringer Hallenbad dieses Jahr geschlossen. Der Beschluss polarisiert.

„Ich war morgens nach dem Schwimmen im Freibad duschen“, erzählt Dr. Constantin Bernhard Rohsbach aus Öhringen im echo-Gespräch. „Neben mir in der Dusche stand ein älterer Herr, der mir erzählte, dass der Gemeinderat am Vorabend beschlossen hätte, das Öhringer Hallenbad in diesem Jahr nicht zu öffnen, um Energie zu sparen. Er stellte die Frage, was denn die Kinder, die schwimmen lernen wollen und den Leute, die gesundheitlich darauf angewiesen sind, nun tun sollten. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.“

Der 42-Jährige, der als leitender Notarzt in Öhringen und Oberarzt in Stuttgart tätig ist, fasst schließlich einen Entschluss: „Statt mich darüber zu ärgern, dass das Hallenbad geschlossen bleiben soll, habe ich mich entschieden, ins Tun zu kommen. Also habe ich eine Petition, mit der Forderung, das Hallenbad zu öffnen, gestartet.“ Innerhalb von drei Wochen haben schon über 2000 Menschen diese Petition unterzeichnet.

Vor allem gehe es dem Familienvater darum, „dass Kinder schwimmen lernen“, „weiterhin der Zugang zu gesundheitsfördernden Maßnahmen bestehen bleibt“ und „die Mitarbeitenden, die gerade im Freibad arbeiten, den Winter über nicht vergrault werden, indem sie sich eine Beschäftigung in anderen Bereichen suchen müssen. Bademeister ist ein sehr spezialisierter Beruf.“ Schon jetzt mangle es in Schwimmbädern an ausgebildetem Personal.

Streit um Schließung von Hallenbad in Öhringen: „Kommunen als Bauernopfer“

Im echo-Gespräch erzählt Familienvater und Mitglied des Öhringer Gemeinderates Alexander Gebert: „Die Gemeinderatssitzung, in der beschlossen wurde, das Bad nicht zu öffnen, war ganz schlimm. Ich habe wirklich gedacht: „Das kann doch alles gar nicht wahr sein.“ Gebert ist Verkaufsleiter bei einem mittelständischen Unternehmen in Öhringen.

„Es ist ja so: Jedes Unternehmen muss Sicherheitsstandards in verschiedenen Sparten erfüllen. Das gehört doch zu den kaufmännischen Basics. Dazu gehört auch, sich abzusichern, falls einer der Lieferanten ausfällt und noch andere im Backup zu haben. Uniper hat ausschließlich auf russisches Gas gesetzt und Milliardengewinne gescheffelt. Als Belohnung für diese hanebüchene Fehlentscheidung wird dem Unternehmen jetzt vom Bund ein Darlehen von neun Milliarden Euro bewilligt. Nun sollen Kommunen wie Öhringen das mit dem Hallenbad auffangen. Das ist doch unvorstellbar, dass die kleinen Kommunen jetzt die Bauernopfer spielen müssen. Gas ist weiterhin vorhanden - es ist nur teurer.“

Debatte abgebrochen

Es war eine knappe Abstimmung, die dazu geführt hat, dass das Öhringer Hallenbad geschlossen bleiben soll: Während sich 19 Gemeinderatsmitglieder gegen die Öffnung ausgesprochen haben, waren 14 dafür. Die Stimmung sei so aufgeheizt gewesen, dass Öhringens OB Thilo Michler die Debatte abgebrochen habe. Michler äußert sich, gewohnt diplomatisch, folgendermaßen zu dem Thema: „Wir haben in Deutschland leider eine Energiekrise. Deshalb gilt es für alle, Energie zu sparen.“

Michler habe den Vorschlag unterstützt, „die Wasser- und Raumtemperatur um zwei Grad zu reduzieren“ und so zu ermöglichen, dass das Öhringer Hallenbad die kommende Saison öffnen kann. „Das Hallenbad“ habe „einen Energieverbrauch mit den alten Preisen von 150 000 Euro über einen Winter. Somit“ sei „das Hallenbad ein großer Energieverbraucher.“ „150 000 Euro“, setzt Alexander Gebert in Relation, „sind lediglich rund 50 Meter Straßenaufriss im Nussbaumweg, wenn ein Kabel verlegt wird.“

Hallendbad Öhringen wichtig für die Menschen: „Es geht nicht nur um Spaß“

Der dreifache Vater Marius Müller aus Öhringen ist direkt davon betroffen, dass das Öhringer Hallenbad geschlossen bleibt. „Man kann beide Seiten verstehen“, sagt der Polizeihauptkommissar. „Aber beim Schwimmenlernen geht es nicht nur um Spaß - dass Kinder Schwimmen lernen ist lebensnotwendig.“

Auch der 39-Jährige hat die Petition, die fordert, das Öhringer Hallenbad zu öffnen, unterschrieben, in der es heißt: „Schwimmen lernen ist eine Kernkompetenz: Durch Corona mitbedingt erlernen immer weniger Kinder das Schwimmen; auch der schulische Sportunterricht wäre betroffen.“ Initiator Rohsbach malt drastische Bilder: „Es möchte doch keiner, dass in drei bis vier Jahren Jugendliche im Kocher oder im Starkholzbacher See ertrinken. Die beste Prävention dagegen ist doch einfach, den Kindern die Chance zu geben, schwimmen zu lernen.“

Täglich neue Unterschriften der Petition

Evelyn Roth ist seit 15 Jahren Schwimmtrainerin beim TSG Öhringen. Die Hohenloherin zieht eine klare Bilanz: „Es ist doch klar, dass, wenn die Kinder Vereinsbeiträge zahlen und nicht schwimmen können, sie aus dem Verein austreten. Ohne Wasser kann man einfach nicht schwimmen. Intern wurde schon darüber gesprochen, dass wir unsere Abteilung wohl schließen müssen. Die Kinder müssen sich dann, wohl oder übel, einen anderen Sport suchen.“

Roth wundert sich: Es sei „ja schon erstaunlich“, dass einige private Bäder offen bleiben sollen. „Die haben wohl keine Energiekrise. Mir würden da spontan andere Sparmaßnahmen einfallen, als einfach unser Bad zu schließen. Wenn ich jetzt höre, dass andere Gemeinden Lichterfeste veranstalten, dann geht mir auch das Licht aus.“ Beispielsweise seien Punkte wie die Reduktion der Temperatur in Gebäuden der öffentlichen Verwaltung oder eine Einschränkung der Straßenbeleuchtung weniger umstritten, als die, das Öhringer Hallenbad nicht zu öffnen.

Roths Kollegin Galina Zentler ist seit 40 Jahren diplomierte Sport- und Schwimmlehrerin. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Trainieren von Schwimmerinnen und Schwimmern. Diesen Winter muss sie sich einen neuen Job suchen. „Wir sind Schwimmer. Wir wollen doch einfach nur schwimmen“, sagt die Öhringerin sanft. Mit ihrem Anliegen ist sie nicht allein. Hinter ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen stehen rund 2000 Menschen - und es werden jeden Tag mehr.

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