#Divigate: Thesenpapier zu Intensivstationen sorgt für Diskussion

Corona-Lage auf Intensivstationen: Lucha wehrt sich gegen Vorwürfe

  • Lisa Klein
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Mediziner behaupten, die Lage auf den Intensivstationen würde übertrieben dargestellt. Das Thema #Divigate geht viral. Manne Lucha äußert sich zu den Vorwürfen.

Die Intensivstationen in Baden-Württemberg sind laut DIVI-Register seit Monaten fast zu 90 Prozent ausgelastet. Freie Betten gibt es nur noch wenige, einige Krankenhäuser können keine neuen Corona-Patienten mehr aufnehmen und müssen an andere Kliniken verweisen. Das Pflegepersonal steht seit Beginn der Corona-Pandemie vor über einem Jahr unter Dauerstrom und stößt immer wieder an seine Grenzen. In Baden-Württemberg sind bereits 9.751 Personen (Stand: 18. Mai) in Verbindung mit dem Coronavirus verstorben — deutschlandweit sind es inzwischen 86.665 Corona-Tote.

Nun behauptet eine Gruppe von Gesundheitsexperten, die Lage auf den Intensivstationen in der Corona-Pandemie würde übertrieben dargestellt — es sei alles gar nicht so dramatisch. Wie echo24.de* berichtet, kamen die Gesundheitsexperten in dem Thesenpapier des Forscherteams von Matthias Schrappe, Arzt und Ökonom aus Köln, zu dem Ergebnis, dass die Situation auf den Intensivstationen nie so dramatisch gewesen sei, wie Intensivmediziner diese beschrieben hätten. Offizielle Statistiken seien falsch oder im Nachhinein korrigiert worden.

Die Anschuldigungen der Mediziner sorgen für Empörung im Netz, unter dem #Divigate sind zahlreiche Diskussionen auf Twitter, Facebook und Instagram zu finden. Auch Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne), hält das Thesenpapier für eindeutig verfehlt.

DIVI-Register

Täglich werden von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) aktuelle Daten zu den derzeitigen intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten in Deutschland veröffentlicht. Das DIVI-Register wurde im Frühjahr 2020 gemeinsam mit dem Robert Koch Institut (RKI) aufgebaut. Ziel des DIVI-Intensivregisters ist es, die Verfügbarkeiten von Beatmungsbetten und von erweiterten Therapiemaßnahmen bei akutem Lungenversagen in Deutschland sichtbar zu machen.

#Divigate: Diskussion um Intensivstationen laut Lucha „merkwürdige Debatte“

Sozialminister Manne Lucha könne nicht bestätigten, dass da „irgendwas fehl- oder falsch gesteuert wäre“, wie er am Dienstag auf der Regierungspressekonferenz in Stuttgart klarstellte. „Ganz im Gegenteil: Seit Februar letzten Jahres arbeiten das Pflegepersonal und das ärztliche Personal über der Belastungsgrenze*.“ Lucha positioniert sich eindeutig und bezeichnet die Diskussion als „außergewöhnlich merkwürdige Debatte“.

Der Vorwurf, Patienten seien auf Intensivstationen verlegt worden, obwohl das gar nicht nötig gewesen sei, ist demnach „komplett abstrakt“, so der baden-württembergische Sozialminister weiter. Wer derartige Vorwürfe äußere, habe vor dem Leid der Corona-Patienten, den Verstorbenen und deren Angehörige keinerlei Respekt.

#Divigate: Lauterbach bezeichnet Diskussion um Intensivstationen als „unwürdig“

Der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes verteidigte das Thesenpapier am Dienstagabend im SWR. Dass das Gesundheitssystem am Rande des Zusammenbruchs stand, sei nie der Fall gewesen. Auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) bezeichnete es auf Facebook als „unglaubwürdig“, dass Deutschland kurz vor der Triage stand, weil „viele Nachbarländer weitaus höhere Inzidenzen hatten und weniger Intensivbetten, aber trotzdem nie eine Triage.“

Verbände um die DIVI wiesen laut SWR Zweifel an einer drohenden Überlastung der Intensivstationen in der Corona-Krise zurück. Das Thesenpapier beruht nach Ansicht der Verbände „auf Fehleinschätzungen und mangelnder Kenntnis der tatsächlichen Lage in Kliniken“. Ein Grund für die Abänderungen von Zahlen: Im Verlauf der Pandemie seien die Betten der Kinderintensivstationen aus der Gesamtzahl herausgerechnet worden, da diese „für die Versorgung von Covid-19-Patienten keine Rolle“ spielen, heißt es in einer Mitteilung. Auf das Herausstreichen dieser Betten wurde bereits damals öffentlich hingewiesen.

Auch dem Bundesgesundheitsministerium liegen hinsichtlich der Intensivbetten-Zahlen keine Anhaltspunkte für eine mögliche Manipulation vor. „Es ist auch nicht erkennbar, welche Anreize für derartige Manipulationen bestanden haben sollten“, sagte ein Sprecher am Montag gegenüber der Welt. Auch der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) hatte die Aussagen der Forscher via Twitter kritisiert und bezeichnete die Diskussion als „unwürdig“. *echo24.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Sebastian Kahnert/dpa

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