Hochradioaktiver Atommüll kommt nach Deutschland zurück

Einigung mit Frankreich: Deutschland nimmt Atommüll zurück – wohin damit?

  • Lisa Klein
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Deutschland und Frankreich haben sich darauf geeinigt, dass hochradioaktiver Atommüll nach Deutschland zurückgeführt wird. Der Atommüll soll in Baden-Württemberg gelagert werden.

Deutschland hat sich mit Frankreich auf einen neuen Weg zur Rücknahme von Castoren mit hochradioaktivem Atommüll geeinigt. Bis 2024 sollen drei bis fünf Behälter mit hochradioaktiven Atomabfällen nach Deutschland zurückgeführt werden, wie laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) aus einem gemeinsamen Informationspapier von Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium hervorgeht. Das ist viel weniger, als eigentlich geplant.

Gelagert werden sollen die Castoren aus dem französischen La Hague in Baden-Württemberg im Zwischenlager Philippsburg (Landkreis Karlsruhe), wie *echo24.de berichtet. Damit wäre der Rücktransport aller Atomabfälle, die Deutschland aus Frankreich zurücknehmen muss, abgeschlossen.

Der ursprüngliche Plan aus dem Jahr 2015 sah eine Rückführung von 157 Behältern mit mittelradioaktivem Material aus der Anlage La Hague vor. Fünf Castorbehälter mit mittelradioaktiven Abfällen sollten ursprünglich ins Zwischenlager Philippsburg und 152 Behälter mit mittelradioaktiven Metallresten von aufgearbeiteten Brennelementen ins Zwischenlager Ahaus in Nordrhein-Westfalen zurück.

Kernkraftwerk Philippsburg (KKP)

Das Kernkraftwerk Philippsburg (KKP) liegt rund 30 Kilometer nördlich von Karlsruhe auf einer Insel im Rhein. Die EnBW hat dort bis Ende 2019 mit einem Druckwasserreaktor (Block 2) und bis 2011 zusätzlich mit einem Siedewasserreaktor (Block 1) Strom produziert. Insgesamt haben die beiden Anlagen laut eigenen Angaben der ENBW über 570 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt und gemeinsam rechnerisch mehr als vier Millionen Haushalte versorgt.

Im April 2017 hat die EnBW vom baden-württembergischen Umweltministerium die Genehmigung zur Stilllegung und zum Abbau von Block 1 erhalten. Der Rückbau der Anlage startete im Mai 2017. Im Dezember 2019 folgte schließlich die entsprechende Genehmigung für Block 2, sodass der Rückbau dieser Anlage im Lauf des Jahres 2020 beginnen kann. In ihrer aktuellen Abschätzung geht die EnBW davon aus, dass der Rückbau von KKP 1 und KKP 2 jeweils etwa zehn bis 15 Jahre dauern wird.

Diese Lösung sei aber „aufgrund technischer Schwierigkeiten bei der dafür vorgesehenen Behälterbauart TGC27“ nicht realisierbar gewesen und hätte eine zeitliche Verzögerung des Transports bis in die 40er Jahre zur Folge gehabt, erklären die Ministerien. Nun sollen, anders als zunächst vorgesehen, 152 Behälter mit radioaktiven Metallresten doch in Frankreich bleiben. Dafür sollen neben den Castortransporten nach Philippsburg noch 30 leere Brennelement-Transportbehälter ins deutsche Zwischenlager Ahaus gebracht werden. Auch das ist Teil der Einigung.

Einigung mit Frankreich: Deutschland nimmt Atommüll zurück

Hintergrund für den Handlungsbedarf ist eine völkerrechtliche Vereinbarung, nach der Deutschland seinen im Ausland wiederaufgearbeiteten Atommüll zurücknehmen muss. Das gilt auch für die Abfälle, die noch heute in den Wiederaufbereitungsanlagen im französischen La Hague und im britischen Sellafield lagern. Aus Sellafield sollen nach den Plänen noch Bayern und Schleswig-Holstein Castoren mit hochradioaktivem Müll zurücknehmen. Ins hessische Biblis gingen bereits im November 2020 Castoren zurück.

Deutschland nehme damit dennoch in der Summe die gleiche Radioaktivität aus Frankreich zurück wie ursprünglich vereinbart, hieß es am Mittwoch weiter. Frankreich erhält zudem einen finanziellen Ausgleich. Dieser Ausgleich setzt sich demnach aus privaten und staatlichen Mitteln zusammen. Sowohl die deutschen Energieversorger als auch der staatliche Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung (Kenfo) seien an den Ausgleichszahlungen beteiligt. Wie hoch die jeweiligen Mittel ausfallen, ist bislang nicht bekannt.

Die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl (Grüne), mahnte am Mittwoch mehr Informationen zur Einigung an. Die Bundesregierung müsse „transparent über Entschädigungszahlungen und Auswirkungen auf die Zwischen- und Endlagerung des Mülls aufklären“, sagte Kotting-Uhl gegenüber der dpa.

Einigung mit Frankreich: Nur ein statt 15 Castor-Transporten geplant

Baden-Württemberg übernehme durch die Einigung mit Frankreich die Verantwortung für die radioaktiven Altlasten der atomaren Energieerzeugung, erklärte Landesumweltministerin Thekla Walker (Grüne). Das Land habe dabei die Sicherheit der Bevölkerung im Blick: „Statt etwa 15 aufwändigen und schwer zu sichernden Transporten von mehr als 150 Castoren, wird es nur noch einen Castortransport geben. In der Abwägung der Argumente haben wir uns für solidarisches und verantwortungsvolles Handeln und für mehr Sicherheit durch weniger Castor-Transporte entschieden.“

Ein Castor-Transport ist immer mit viel organisatorischem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Zudem sorgt ein Transport von Atommüll auch in der Bevölkerung immer wieder für Aufsehen. Im September 2017 beispielsweise gab es einen Castor-Transport auf dem Neckar, welcher von der Polizei mit Booten, einem Hubschrauber und Einsatzkräften überwacht wurde. Der Grund: Zuvor hatten Aktivisten Ende Juni 2017 den bundesweit ersten Atommüll-Transport auf dem Neckar für etwa eine Stunde stoppen können, indem sie sich von Brücken abgeseilt hatten.

Deutschlands Ausstieg aus der Atomkraft bis 2022

Deutschland hat im Jahr 2011 den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie bis spätestens 2022 beschlossen. Entscheidend dafür war für die Bundesregierung eine Neubewertung der Risiken: Die nukleare Katastrophe im japanischen Fukushima machte deutlich, dass es unabsehbare Restrisiken gibt. Die von der Bundesregierung eingesetzte Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“ kam zum Ergebnis, dass sich die Kernkraft durch risikoärmere Technologien ökologisch, wirtschaftlich und sozial verträglich ersetzen lässt.

Noch in diesem Jahr sollen die Kernkraftwerke Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen C vom Netz gehen. 2022 folgen die Atomkraftwerke Isar II, Emsland und Neckarwestheim II. Umweltaktivisten fordern bereits jetzt, dass das Kernkraftwerk Neckarwestheim früher abgeschaltet wird. *echo24.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Philipp Schulze/dpa

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