Electric Only

Daimler: Betriebsrats-Chef lobt Strategie und nennt Tesla als Vorbild

Daimler in Stuttgart mit Sparprogramm: Kampfansage vom Betriebsratschef
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Daimler-Gesamtbetriebsratschef, Michael Brecht,hat eine klare Meinung zur Zukunft des Autobauers.
  • Simon Mones
    VonSimon Mones
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Daimler setzt in Zukunft voll auf die Elektromobilität. In einem Interview hat sich nun der Chef des Gesamtbetriebsrats, Michael Brecht, zu der neuen Strategie geäußert.

Die Elektromobilität ist die Zukunft von Daimler, das hat Ola Källenius erst kürzlich noch einmal klargestellt. Statt „Electric First“ heißt es in Stuttgart nun „Electric Only“. Doch das ist nur eine von vielen Baustellen bei Daimler, das weiß auch der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Michael Brecht.

„Die Elektrifizierung, die Digitalisierung, die Aufteilung des Unternehmens, der Wegfall vieler Funktionen auf der einen Seite, das Entstehen von neuen zum Beispiel im Software-Bereich – diese Dynamik bringt schon viele Leute an den Rand des Begreifbaren“, erklärte Brecht im Interview mit der Automobilwoche. „Im Moment ist es, als hätten wir alle Jahreszeiten gleichzeitig.“ Insbesondere bei den Führungskräften im Nutzfahrzeugbereich herrsche derzeit eine Aufbruchsstimmung.

Daimler: Gesamtbetriebsratschef Brecht mit deutlicher Forderung - Tesla als Vorbild

Unter den Mitarbeitern sei jedoch die ein oder andere Sorge um die Zukunft zu spüren. Neben den Sparprogrammen bei Daimler liege das aber auch an den Problemen durch den Chipmangel. In den vergangenen Monaten musste deswegen immer wieder Kurzarbeit angemeldet und die Produktion gedrosselt werden.

Zudem bringe Brecht der Wechsel zur Elektromobilität weitere Herausforderung mit sich - insbesondere für die Antriebswerke. Künftig müsse der Fokus daher auch auf der Fertigungstiefe liegen, denn es genüge nicht mehr lediglich den elektrischen Antriebsstrang, ohne den Motor und Inverter zu bauen.

Stattdessen sollte man sich an Tesla orientieren, denn der US-Elektropinonier fertig nahe zu alles selbst. „Warum sollen wir weiter Komponenten von der Stange kaufen, wenn wir uns dadurch differenzieren und Beschäftigungsprobleme lösen könnten“, betont Brecht.

Daimler: Gesamtbetriebsratschef Brecht für eigene Ladesäulen

Zudem sprach sich der Chef des Gesamtbetriebsrats dafür aus, eigene Ladesäulen aufzustellen und die entsprechenden Services anzubieten. Hier könnte man sich nicht nur Tesla, sondern auch Audi zum Vorbild nehmen, denn auch die Ingolstädter arbeiten an einer eigenen Ladeinfrastruktur. Das Ziel müsse es sein, dass Daimler das ganze Ökosystem der Elektromobilität selber abdeckt.

Insbesondere da es lange so aussah, als würde Daimler beim Umstieg auf die Elektromobilität von der Konkurrenz abgehängt. Doch spätestens mit dem Mercedes EQS haben die Stuttgarter beweisen, dass sie zu den Vorreitern bei den Premium-Elektroautos gehören wollen.

Daimler sollte, wenn nötig noch am Verbrenner festhalten

„Die ganze Zeit hat man uns verprügelt, dass wir zu langsam sind. Das wollen wir uns nicht länger anhören. Insofern ist das der richtige Schritt“, sagt der Gesamtbetriebsratschef. Allerdings habe sich die Technologieoffenheit durch die Vorgaben der Europäischen Union weitestgehend erledigt.

Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht, will den Verbrenner auch nach 2030 nochanbietenn - wenn nötig.

Ganz vom Verbrenner möchte sich Brecht aber noch nicht lösen, zumindest nicht so schnell, wie es die Konzernspitze plant. Sollte der Kunde es wollen, müsse Daimler auch nach 2030 noch Verbrenner anbieten, denn nicht auf allen Märkten werde die Entwicklung so schnell vorangehen - auch weil die Infrastruktur fehlen. Doch genau die ist zwingend nötig, damit die Elektromobilität die Märkte schnell erobern kann.

Daimler fertig Batterien selbst - Gesamtbetriebsratschef Brecht fordert eigene Zellchemie

Um die Elektromobilität weiter voran zubringen, will Daimler künftig gemeinsam mit Partner selbst Batteriezellen fertigen. Brecht plädiert in diesem Zusammenhang dafür, dass die neuen Standorte in der Nähe eines Batteriemontagewerks entstehen würden, um die Logistikkosten zu senken.

Daimler müsse darüber hinaus auch eine eigene Zellchemie entwickeln, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu erarbeiten. Entsprechend wichtig sei es, dass der Standort Untertürkheim in ein Kompetenzzentrum für Elektromobilität umgewandelt werde. Aus Sicht von Brecht werde die dadurch gewonnene Erfahrung auch dabei helfen, die Produktion in einer in der Zukunft kommenden eigenen Zellfabrik zu optimieren.

Daimler: Gesamtbetriebsratschef Brecht für Änderung bei Veteilung von EU-Geldern

Zudem müsse das Beihilfe-System der EU laut Brecht dringend angepasst werden. Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates äußerte im Interview mit der Automobilwoche sein Unverständnis darüber, dass alle Gelder in die strukturschwachen Regionen fließen, obwohl die Arbeitslosigkeit in Polen und Ungarn längst nicht mehr höher sei als in Deutschland.

„Wir brauchen auch Förderungen an Standorten, wo schon seit Jahren aus eigener Kraft in neue Technologien investiert wird“, stellte Brecht klar. Anderenfalls, so die Prognose des Arbeitnehmervertreters, wären die klassischen Automobilregionen auf Dauer chancenlos.

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