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„Wasen-Effekt“: Sind die Corona-Zahlen in Stuttgart viel höher als gedacht?

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Von: Lisa Klein

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Sind die Corona-Zahlen in Stuttgart nach dem Cannstatter Wasen eigentlich viel höher?
Sind die Corona-Zahlen in Stuttgart nach dem Cannstatter Wasen eigentlich viel höher? © in.Stuttgart / Fotograf / Christian Ohde/dpa /Fotomontage: echo24.de

Explodierende Inzidenzen nach dem Stuttgarter Volksfest? Ein „Wasen-Effekt“ zeigt sich bei den Corona-Zahlen in der Region nicht. Abwasserdaten lassen nun allerdings vermuten, dass es doch mehr Infizierte gibt als gedacht.

Die Corona-Zahlen in Baden-Württemberg steigen derzeit drastisch. Zu einer schnelleren Ausbreitung des Coronavirus und vermehrten Ansteckungen tragen neben der kalten Jahreszeit auch gewiss große Veranstaltung bei. Vor allem in Festzelten ist das Ansteckungsrisiko besonders hoch. Am 9. Oktober endete der Wasen mit einem großen Feuerwerk. Die Bilanz zum Stuttgarter Volksfest: Rund 3,5 Millionen Besucher waren auf dem Wasen – darunter mit Sicherheit auch das Coronavirus.

Doch wie ernst ist die aktuelle Lage wirklich? Sind die Corona-Zahlen womöglich höher als bislang angenommen? Hat der Wasen die Neuinfektionen in die Höhe getrieben? Darauf deuten zumindest Abwasserdaten hin.

Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper sagte zum Ende des Wasen am Wochenende: „Es war gut und richtig, dass wir das Cannstatter Volksfest in diesem Jahr wieder durchgeführt haben“. Und weiter: „Wir alle brauchen in schwierigen Zeiten Zuversicht, Lebensfreude und Normalität.“ Zu welchem Preis ist die Frage. Bereits zum Start des Stuttgarter Volksfests gab es Befürchtungen einer „Wasen-Welle“.

Corona-Zahlen in Stuttgart explodieren trotz Cannstatter Wasen nicht

Speziell in Bayern gehen die im bundesweiten Vergleich hohen Fallzahlen nach Experten-Einschätzungen auch auf das Oktoberfest zurück, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet. Auffällig beim Vergleich der 7-Tage-Inzidenzen ist eine gewisse Ballung um München herum. Schon in der zweiten Oktoberfestwoche waren die Zahlen in München sehr stark gestiegen.

Im Stadtkreis Stuttgart hat sich ein „Wasen-Effekt“ bislang in den Corona-Zahlen des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg (LGA) noch nicht gezeigt. Die 7-Tage-Inzidenz schießt generell im ganzen Land in die Höhe und beträgt aktuell (Stand: Donnerstag, 13. Oktober) 790,4 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner – eine Woche zuvor lag die Inzidenz noch bei 536,9. Die Hospitalisierungsinzidenz ist inzwischen bei 9,7 – vergangene Woche lag sie noch bei 7,0.

In Stuttgart ist die 7-Tage-Inzidenz im Vergleich zur Vorwoche zwar ebenfalls deutlich gestiegen, allerdings nicht übermäßig. Am 6. Oktober lag diese im Stadtkreis Stuttgart bei 310,1 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner mit insgesamt 1.942 Fällen in den letzten sieben Tagen. Am Donnerstag (13. Oktober) liegt die Inzidenz für Stuttgart bei 428,9, mit 2.686 gemeldeten Fällen in den letzten sieben Tagen.

Deutlich rasanter sind dabei die 7-Tage-Inzidenzen in anderen Kreisen gestiegen. Hier ein kleiner Auszug aus dem LGA-Lagebericht. Verglichen wird die jeweilige 7-Tage-Inzidenz von vor einer Woche am 6. Oktober mit den aktuellen Zahlen vom 13. Oktober. In einigen Regionen hat sich diese knapp verdoppelt:

Gibt es in Stuttgart mehr Corona-Infizierte als gedacht?

Auf Twitter wird diskutiert: Warum steigen die Corona-Zahlen in München während und nach dem Oktoberfest drastisch, in Stuttgart aber offensichtlich nicht nach dem Cannstatter Wasen? Der Journalist Olaf Gersemann führt das auf wiederholte „Meldeprobleme“ in Stuttgart zurück. Hinweise darauf liefern Abwasserdaten in Stuttgart.

Die Stadtentwässerung führt seit fast einem Jahr Untersuchungen zur Corona-Belastung im Hauptklärwerk Stuttgart-Mühlhausen durch. „Dabei greift das Labor auf ein etwas vereinfachtes PCR‐Verfahren zurück“, heißt es. Die Landeshauptstadt Stuttgart veröffentlicht das Abwasser‐Monitoring jeden Mittwoch. Das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Stuttgart verwendet diese Abwasseranalytik als zusätzlichen Parameter zur Bewertung der Corona‐Lage.

Wie funktioniert das Abwasser-Corona-Monitoring in Stuttgart?

Jeden Tag wird die 24-Stunden‐Mischprobe des Hauptklärwerk‐Zulaufs analysiert. Neben dem CT‐Wert ergibt die Messung auch einen Konzentrationswert in Genkopien/ml. Dieser wird dann mit der Abwasser‐Tagesmenge in eine Tagesfracht hochgerechnet, auf 100.000 Einwohner normiert und über 7 Tage rückwirkend gemittelt. Graphisch dargestellt sind damit Tendenzen erkennbar, unabhängig davon, ob Infizierte mittels PCR getestet wurden (und damit in die amtliche Statistik einfließen) oder nicht. 

Quelle: Landeshauptstadt Stuttgart

Beweisen mehr Coronaviren im Abwasser während des Stuttgarter Volksfestes einen „Wasen-Effekt“?

Die Werte – also die Konzentration an Coronaviren im Abwasser – steigen zwischen Ende September und Mitte Oktober deutlich. Der Wasen ging in diesem Jahr vom 22. September bis 8. Oktober 2022. Ob die erhöhten Werte sich jedoch auf das Stuttgarter Volksfest zurückführen lassen, ist fraglich. Ein eindeutiger Zusammenhang wird sich vermutlich sowieso schwer beweisen lassen.

Spannend ist, ob in den kommenden Tagen auch die Neuinfektionen – vor allem in der Region Stuttgart – noch weiter steigen. Und, ob Corona-Fälle nachgemeldet werden. Wer an den letzten Wasen-Tagen dabei war, entwickelt möglicherweise erst jetzt Symptome und wird daher auch erst später als Corona-Infizierter erfasst.

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