Nach Debatte um „Verhaltensregeln“ für Homosexuelle auf dem Oktoberfest

Homo-feindliche Volksfeste? Stuttgarter Veranstalter mit deutlicher Ansage

Stuttgarter Frühlingsfest
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Cannstatter Wasen: Wie weltoffen ist das Volksfest in Stuttgart? (Symbolbild)
  • Lisa Klein
    VonLisa Klein
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Ein privates Portal hat „Verhaltenstipps“ für Homosexuelle auf dem Oktoberfest gegeben – die Stadt München verurteilt diese. Auch Stuttgart stellt klar: Der Cannstatter Wasen ist „ein Fest für alle“.

Zwei Frauen, die Händchen halten, zwei Männer, die sich küssen – zwei Menschen, die sich lieben und das öffentlich zeigen. Etwas, das eigentlich schon immer, aber vor allem heute, im 21. Jahrhundert, als das normalste der Welt angesehen werden sollte. Doch selbst in einem modernen Land wie Deutschland wird Akzeptanz und Toleranz nicht immer großgeschrieben. Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, nicht-binäre Menschen – alle, die sich der „LGBTQIA+“-Community zugehörig fühlen, werden noch immer diskriminiert und angefeindet.

Nach zweijähriger Corona-Pause sollen sowohl das Oktoberfest in München als auch das Cannstatter Volksfest auf dem Wasen wieder stattfinden. Auf beiden Festen wird hemmungslos gefeiert, gegessen, getrunken, getanzt und gelacht. Doch wie groß wird Toleranz auf dem Cannstatter Wasen und dem Oktoberfest geschrieben? Sind die Traditionsfeste ein sicherer Ort für die „LGBTQIA+“-Community?

Oktoberfest: „Verhaltensregeln“ für Homosexuelle – Empörung im Netz

Auf Instagram hat es erst kürzlich erneut eine Welle der Empörung gegeben, aufgrund eines schon älteren Beitrags auf oktoberfestportal.org – „Tipps für schwulen Wiesn-Gänger“. Das Portal wird nicht von den Veranstaltern des Oktoberfests betreut und steht in keinem Zusammenhang mit der Stadt München. Dennoch scheint die Seite jährlich zahlreiche Besucher zu locken. In dem umstrittenen Beitrag geben die Betreiber von oktoberfestportal.org „einige Tipps und Verhaltensregeln für schwule und lesbische Wiesnfans“.

Direkt zum Einstieg heißt es: „Darf ich auf der Wiesn flirten? Generell gilt eine gewisse Zurückhaltung auf der Wiesn. Nicht jeder Besucher des Oktoberfest ist so tolerant, dass er sich über schwule Männerpaare freuen kann.“ Als Nächstes wird die Frage geklärt, „Ist Flirten für Gays auf der Wiesn verboten?“ – „Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Jedoch gilt es als schwules oder lesbisches Paar auf dem Oktoberfest ein bisschen zurückhaltend zu sein. Nicht alle Wiesngänger haben Verständnis für eine offene schwule oder lesbische Lebensweise. Also einfach Augen und Ohren offen halten, ob Ihr für Gesprächsstoff sorgt. Das Bierzelt ist jedenfalls nicht der richtige Ort, um den Menschen Begriffe wie ,Toleranz‘ und ,Gleichberechtigung‘ zu erklären“, steht in dem oktoberfestportal.org-Beitrag.

München verurteilt „Verhaltensregeln“ für Homosexuelle auf dem Oktoberfest

Die Kritik, welche gegen die Betreiber in den sozialen Medien geäußert wird, ist bei den Betreibern von oktoberfestportal.de angekommen. An einer Änderung des Beitrags scheinen diese allerdings nicht interessiert. Über dem Beitrag „Tipps für schwulen Wiesn-Gänger“ prangt nun eine Info-Box mit Gründen, warum sie den fraglichen Beitrag nicht löschen oder bearbeiten. „Für Presseanfragen, Interviews o.ä. haben wir derzeit einfach keine Zeit. Das ist aber auch nicht nötig“, heißt es unter anderem.

Warum der Beitrag so problematisch ist? In den „Verhaltensregeln“ versteckt sich eine „Täter-Opfer-Umkehr“. Statt an die Täter (Homophobe) zu appellieren, sich in Toleranz zu üben und ihr Weltbild geradezurücken, wird an Homosexuelle appelliert, intoleranten Menschen keinen Anlass zu bieten, sie anzufeinden. Wer auf der Wiesn also wild herumknutscht, könnte demnach als Nächstes diesen Satz hören: „Selbst Schuld, dass du angefeindet wirst, wenn du mit deiner Sexualität offen umgehst.“

Das erinnert stark an das Konzept, dass Frauen keine knappe Kleidung tragen sollen, damit sie nicht die Fantasien von Männern wecken und belästigt werden. Den Opfern wird somit eine Mitschuld übertragen, wenn Menschen sich daneben benehmen und zu Tätern werden.

München: Oktoberfest steht für „Weltoffenheit, Toleranz und Diversität“

Ein Sprecher der Stadt München hat sich auf echo24.de-Anfrage zu dem Beitrag geäußert: „Für die Stadt München steht indes fest: Das Oktoberfest ist als größtes Volksfest der Welt ein Symbol für Weltoffenheit, Toleranz und Diversität. Dies sind Werte, zu denen sich die Landeshauptstadt München bekennt.“

Und weiter: „Der Veranstalter der Münchner Wiesn hält Tipps, wie die des Oktoberfest-Portals, für einzelne Besuchergruppen für nicht angezeigt und dem Grunde nach für diskriminierend.“ Der Pressereferent weist zudem darauf hin, dass das Oktoberfest in München „seit vielen Jahren ein Treffpunkt für die LGBT-Community“ ist. Das zeigt vor allem auch der Kalender für LGBT-Veranstaltungen, „die teils Kultstatus erreicht haben“.

Cannstatter Volksfest: „Ein Fest für ALLE“ – Stuttgart setzt sich für geschlechtliche Vielfalt ein

Und was halten die Veranstalter des Cannstatter Wasen von solchen „Verhaltensregeln“ für Homosexuelle? Ein Unternehmenssprecher der Beitreiber des Cannstatter Volksfests, „in.Stuttgart“, betont auf echo24.de-Anfrage: „Stuttgart ist eine weltoffene Metropole mit einer vielfältigen Stadtgesellschaft. Die LSBTTIQ‐Community ist ein wichtiger Teil davon. Die Landeshauptstadt setzt sich im Rahmen der Chancengleichheitspolitik für das Thema sexuelle Orientierung und geschlechtliche Vielfalt in Stuttgart ein.“

Und weiter: „Dazu zählt auch das Cannstatter Volksfest: Es ist ein Fest für ALLE – aus allen Ländern, aus allen Generationen, aus allen Schichten und natürlich auch für alle Menschen – ganz unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.“

Was bedeutet LSBTTIQ?

L – steht für lesbisch. S – steht für schwul. B – steht für bisexuell. T – steht für transsexuell. T – steht für transgender.
I – steht für intersexuell. Q – steht für queer.

„LSBTTIQ Baden-Württemberg“ wurde im Jahr 2012 gegründet und ist ein überparteilicher Zusammenschluss von über 140 Gruppen, Vereinen und Initiativen aus dem Bereich der Bürgerrechts- und Selbsthilfeorganisationen. Sie setzten sich für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen in Baden-Württemberg ein. 

Unter dem Motto „Das Leben ist bunt – Stuttgart auch!“ informiert die Landeshauptstadt Stuttgart über LSBTTIQ. „In diesem Zusammenhang fördert die Stadt Stuttgart eine Koordinierungsstelle für Gender/LSBTTIQ bei der Abteilung Chancengleichheit, um Handlungsansätze nah an den diversen Bedarfen der Bürger:innen und gemeinsam mit der Regenbogen‐Community sowie der städtischen Fachverwaltung zu entwickeln und die Landeshauptstadt inklusiver zu gestalten“, heißt es vonseiten der Betreiber des Cannstatter Wasen. Zusammenfassend sei also gesagt: Sowohl auf dem Oktoberfest als auch auf dem Cannstatter Volkfest ist jeder Willkommen, ganz gleich welche sexuelle Orientierung – egal, ob Händchen-haltend, knutschend oder nicht.

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