Coronavirus in Baden-Württemberg

Stuttgarter Studie zeigt: So wirksam sind Luftfilter in Schulen

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In Baden-Württembergs Schulen solle es bereits nach den Sommerferien Luftfilter geben. Eine Stuttgarter Studie zeigt nun, wie sinnvoll das wirklich ist.

Update, 10. Juli: Nicht mehr lange, dann beginnen auch im Südwesten die Sommerferien. Für die Verantwortlichen rückt daher auch das Thema Rückkehr nach den Ferien und mögliche Konzepte zur Eindämmung der Corona-Pandemie in den Fokus – vor allem auch unter dem Aspekt der sich immer weiter ausbreitenden Delta-Variante. Solange es die Inzidenzen in Baden-Württemberg erlauben, darf der Schulunterricht laut der aktuellen Corona-Verordnung in Präsenz stattfinden.

In den Schulen gelten wie überall bestimmte Hygieneauflagen – je nach Inzidenz gibt es eine Maskenpflicht in bestimmten Bereichen, Abstände müssen eingehalten werden, dazu kommt regelmäßiges Lüften. Dennoch birgt die Schule für Schüler, Lehrer und deren Familien ein Infektionsrisiko. Schon seit Beginn der Pandemie wird das Thema Luftfilter heiß diskutiert. Doch wie sinnvoll sind diese wirklich? Inwieweit kann das Infektionsrisiko mit Luftreinigern eingedämmt werden? Eine Stuttgarter Studie gibt Antworten.

Luftfilter in Schulen? Stuttgarter Studie gibt Aufschluss über Wirksamkeit

Die Wirkung mobiler Luftfilter in Klassenräumen zum Schutz gegen das Coronavirus ist nach einer Studie der Universität Stuttgart begrenzt, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) mitteilt. Die Experten sprechen sich in ihrer Analyse im Auftrag der Stadt Stuttgart dagegen aus, solche Geräte für alle Schulen anzuschaffen. In der Studie, die der dpa vorliegt, heißt es: „Basierend auf den Erkenntnissen aus dem Pilotprojekt ist der flächendeckende Einsatz von Luftreinigungsgeräten nicht indiziert (angezeigt).“

In einzelnen Klassenräumen, die zu kleine oder zu wenige Fenster haben, sollte aber der Einsatz mobiler Geräte oder der Einbau stationärer Filter geplant werden. Die Experten des Instituts für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung hatten für die Studie ein halbes Jahr lang an zehn Stuttgarter Schulen die Wirkung der Filter gemessen. Sie warnen nun, die Geräte seien kein Ersatz für das Stoßlüften in Pausen.

„Beim Einsatz von Luftreinigungsgeräten sollte generell beachtet werden, dass diese keine Alternative zu einem Außenluftwechsel darstellen, sondern lediglich als Unterstützung zur Partikel- und potenziellen Virenreduktion im Raum eingesetzt werden sollten.“ Der Einsatz von Luftreinigungsgeräten könne nicht die anderen Schutzmaßnahmen wie das Masketragen oder Testen zur Eindämmung der Infektionsausbreitung ersetzen.

Baden-Württemberg: Nicht alle Klassenräume sollen pauschal Luftfilter erhalten

Lehrer- und Elternverbände drängen bereits seit Langem darauf, dass die Schulen mit Luftreinigungsgeräten ausgerüstet werden müssten. Vor allem die Stadt Berlin ist hier Vorbild. Wegen der Gefahr der aggressiveren Deltavariante des Coronavirus für ungeimpfte Schüler hatte sich die politische Debatte zuletzt zugespitzt – auch von möglichen neuerlichen Schulschließungen war die Rede. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte vergangene Woche angekündigt, dass im Herbst alle Klassenzimmer und Kitaräume mit Filteranlagen ausgestattet sein sollen.

Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) zog nach, allerdings in deutlich abgespeckter Form. Der Grünen-Politiker kündigte am Montag (5. Juli) ein Förderprogramm von 60 Millionen Euro an, das die Kommunen zur Hälfte mitfinanzieren sollen. Die mobilen Geräte kosten zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Kretschmann betonte, die Filter seien nur als Ergänzung gedacht und sollten vor allem in schlecht belüftbaren Räumen eingesetzt werden – so wie es auch die Forscher der Studie empfehlen.

In einigen Klassenzimmern in Baden-Württemberg könnten schon bald mobile Luftfilteranlagen installiert werden (Symbolbild).

Zudem sollen die Luftfilter vorwiegend in den Klassen eins bis sechs zum Einsatz kommen, da jüngere Kinder bis auf Weiteres nicht geimpft werden können. Um eine mögliche Einschleppung von Virusvarianten durch Urlaubsreisen zu verhindern, soll es in den ersten zwei Wochen nach den Sommerferien eine Maskenpflicht in den Schulen geben.

Luftfilter können keine Lüftung ersetzen – Stoßlüften bleibt effektive Maßnahme

In der Studie heißt es weiter, die Luftreinigungsgeräte hätten „beim Betrieb mit den höchsten Volumenströmen die niedrigsten Aerosolkonzentrationen“. Allerdings seien die Geräte dann zu laut und die Luftgeschwindigkeiten zu hoch, sodass sie massiv den Unterricht stören. Grundsätzlich empfehlen die Wissenschaftler, es zu ermöglichen, dass Fenster so weit wie möglich geöffnet werden können.

Bei schlecht belüftbaren Räumen bieten sich Luftreinigungsgeräte als kurzfristige unterstützende Maßnahme an. Die Geräte sind aber nicht in der Lage, CO₂ und Feuchte aus dem Raum abzuführen, weswegen sie keine Lüftung ersetzen können,

Wissenschaftler der Stuttgarter Studie.

Mittelfristig wäre es deswegen aus ihrer Sicht ideal, stationäre Filteranlagen einzubauen, die dazu in der Lage seien. Gemeindetagspräsident Steffen Jäger sieht sich durch die Studie in seiner Skepsis gegenüber den mobilen Geräten bestätigt. „Die Studie der Universität Stuttgart bestätigt die bisherige herrschende Meinung der Wissenschaft, dass das Lüften per Fenster mobilen Lüftungsanlagen grundsätzlich vorzuziehen ist“, sagte Jäger. „Zudem halte ich es für illusorisch, dass die Schulträger Zehntausende solcher Geräte kurzfristig beschaffen könnten. Das wird der Markt nicht hergeben.“ Er forderte vom Land ein „realistisches, erreichbares und vernünftiges Konzept, das dem Infektionsschutz Rechnung trägt“. Aus seiner Sicht komme nur „im Einzelfall der Einsatz mobiler Anlagen in Betracht“.

Der Ludwigsburger Filterspezialist Mann+Hummel widersprach der Studie, bei der auch die Wirkung mobiler Geräte der Firma untersucht wurden, und verwies auf Analysen anderer Forschungseinrichtungen. So seien das Fraunhofer Institut für Bauphysik, das KIT Karlsruhe sowie die Hochschule Heilbronn zu anderen Ergebnissen gekommen. Das Fraunhofer Institut habe nachgewiesen, dass die Wiederfindung aktiver Viren nach nur 20 Minuten Betrieb des mobilen Geräts um über 99 Prozent reduziert werden konnte.

Corona-Gefahr im Unterricht: Mega-teure Geräte sollen Schüler schützen

Update, 6. Juli: Unlängst wurde für Schulen in Baden-Württemberg die Wiedereinführung der Maskenpflicht beschlossen. Zu groß ist die Angst, dass nach der Reisezeit die Delta-Variante des Coronavirus an Schulen grassieren könnte. Um zu verhindern, dass die Schulen womöglich erneut geschlossen werden müssen, will die Landesregierung von Baden-Württemberg noch mehr veranlassen. Geplant ist ein Landes-Förderprogramm von 60 Millionen Euro für mobile Luftfilteranlagen in Klassenzimmern.

„Damit werden wir die Kommunen bei der Anschaffung mobiler Anlagen und CO2-Ampeln hälftig unterstützen“, erklärte Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, im Mannheimer Morgen zum geplanten Landes-Förderprogramm. Die Luftfilter würden laut Kretschmann aber nicht das regelmäßige Lüften an Schulen ersetzen. Aber: Sie seien ein Baustein, der das regelmäßige Testen sowie das Maskentragen, die eingeübten Hygiene- und Schutzmaßnahmen sowie gezieltes Impfen ergänze.

Baden-Württemberg: Wo die Luftfilter an Schulen eingesetzt werden sollen

„Im Herbst müssen wir an den Schulen mehrgleisig fahren. Uns muss aber bewusst sein: Keine Schutzmaßnahme bietet uns eine Garantie“, sagte Kretschmann. So ein mobile Luftfilteranlage kann übrigens zwischen 3.000 und 4.000 Euro kosten. Sprich: Die 60 Millionen Euro sind eine Menge Geld. Es gibt aber auch eine Menge Schüler und sehr viele Klassenzimmer in Baden-Württemberg. Hier stellt sich die Frage: Wo genau sollen solche mobilen Luftfilteranlagen eingesetzt werden?

Berichten des Mannheimer Morgens zufolge sollen die teuren Geräte vorrangig in Räumen, die nicht belüftbar sind, und in den Klassenstufen eins bis sechs eingesetzt werden. Der Grund: Die Schüler der unteren Klassenstufen hätten bislang noch keinerlei Impfangebot erhalten. Über das Thema Luftfilteranlagen an Schulen in Baden-Württemberg wird schon länger gestritten, siehe Erstmeldung vom 4. Juli. Besonders Vertreter von SPD, FDP und Lehrerverbänden hatten sich für die Maßnahme starkgemacht.

Baden-Württemberg: Corona-Schutz für Schüler? Regierungs-Streit droht!

Erstmeldung, 4. Juli: Die Delta-Variante des Coronavirus breitet sich in Baden-Württemberg immer weiter aus - und wird in absehbarer Zeit wahrscheinlich die dominierende Mutation werden. Besonders gefährlich: Die Symptome der Delta-Variante sind schwerer einer Corona-Infektion zuzuordnen als bisherige Mutationen. Erkrankte können deshalb leicht andere Menschen infizieren, bevor sie überhaupt von ihrer Erkrankung wissen. In diesem Zusammenhang besonders heftig umstritten: der Schutz von Kindern und Jugendlichen in Schulen.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann zieht erste Konsequenzen - und will Anfang dieser Woche über die Ausrüstung von Schulen und Kitas mit Luftreinigern entscheiden. Die dpa will am Wochenende aus Regierungskreisen in Stuttgart erfahren haben, dass Kretschmann die beteiligten Ministerien schon in der Kabinettssitzung am vergangenen Dienstag dringend aufgefordert habe, endlich eine Kosten-Nutzen-Rechnung für mobile Raumluftfilter vorzulegen.

Baden-Württemberg: Corona-Schutz für Schüler? Regierungs-Streit droht

Derweil wächst der Druck auf die Regierung. Denn: Falls durch die Delta-Variante die Infektionszahlen wieder steigen, droht eine erneute Schließung von Schulen und Kitas im Herbst. Doch könnten Luftfilter eine Schließung wirklich vermeiden? Laut dpa-Informationen heißt es in einer Einschätzung des Kultus- und Sozialministerium, „dass die Filter ein Baustein für mehr Sicherheit in Klassenzimmern und Kita-Räumen sind“.

Die Betonung dürfte bei der Einschätzung des Ministeriums jedoch auf „Baustein“ liegen. Das Umweltbundesamt hatte zuvor in einer Empfehlung bereits erklärt, dass „mobile Luftfilter nur eine Ergänzung zum aktiven Lüften sein könnten“. Trotzdem: Lehrerverbände und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi dringen seit langem auf die Anschaffung der mobilen Filteranlagen.

Wie können Schüler in Baden-Württemberg während des Unterrichts vor der Delta-Variante geschützt werden?

Zum Problem könnten jedoch die hohen Kosten werden. Die mobilen Luftfilter kosten zwischen 3.000 und 4.000 Euro - und in Baden-Württemberg gibt es mehr als 67.000 Klassenzimmer. Heißt im Klartext: Würde man alle Zimmer ausrüsten, um Schüler vor der Delta-Variante zu schützen, käme man auf Kosten von rund 270 Millionen Euro.

Luftfilter für Schulen in Baden-Württemberg? Schutz-Wirkung gegen Delta umstritten

Wie die dpa berichtet, stehe die Möglichkeit im Raum vor allem die unteren Klassen mit Raumfiltern auszurüsten - weil für Kinder unter zwölf Jahren noch keine Corona-Impfungen zugelassen sind. Doch die Ständige Impfkommission hat bisher auch keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ausgesprochen. Sie empfiehlt Impfungen nur für zwölf- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen.

Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper hatten sich zuletzt skeptisch über die Wirkung der mobilen Filtergeräte geäußert. Das löst bei SPD-Fraktionschef Andreas Stoch jedoch nur Unverständnis aus: „Der Ministerpräsident zögert noch immer bei einer flächendeckenden Lüfter-Ausstattung der Klassenzimmer, hat aber sein Staatsministerium damit großzügig ausstatten lassen.“ Baden-Württemberg dürfe sich angesichts der Delta-Variante nicht erneut sehenden Auges in Schulschließungen hineinmanövrieren.

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich/dpa

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