Lehrer dürfen sich Astrazeneca impfen lassen

Mega-Kritik an Impfreihenfolge in Baden-Württemberg: STIKO-Chef des RKI wird deutlich

  • Lisa Klein
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In Baden-Württemberg wurden Lehrkräfte im Corona-Impfplan höher priorisiert. Thomas Merten, Chef der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts, kritisiert die neue Impfreihenfolge.

Der Impfstoff von Astrazeneca ist momentan eher weniger beliebt und steht derzeit in der Kritik – einerseits wegen seiner Nebenwirkungen, andererseits wegen der Wirksamkeit. Zahlreiche Impfzentren beklagen, dass Impfberechtigte eine Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff ablehnen und teilweise einfach ohne Abmeldung nicht zu ihren Impfterminen erscheinen. Das behindert in ganz Deutschland das Vorhaben, möglichst schnell, möglichst vielen Menschen eine Impfdosis bereitsstellen zu können.

Um das Impfverfahren in Deutschland zu beschleunigen, erhalten ab spätestens Mitte März auch Lehrer und Erzieher in Baden-Württemberg die Möglichkeit, sich mit dem Astrazeneca-Impfstoff impfen zu lassen. Die Priorisierung von Lehren und Erziehern sowie eine dadurch erfolgte Anpassung der Impfreihenfolge wird von mehren Seiten kritisiert. Auch der Chef der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (RKI), Thomas Merten, äußert Bedenken.

Impfstau in Baden-Württemberg: Änderung der Impfreihenfolge als Lösung

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden bis zum 22. Februar nur rund 239.000 Dosen des Astrazeneca-Impfstoffes verabreicht. Dem Bundesgesundheitsministerium zufolge sind aber bereits mehr als 1,4 Millionen Astrazeneca-Impfdosen in ganz Deutschland ausgeliefert worden. Derzeit lagert der Astrazeneca-Impfstoff also haufenweise im Kühlschrank. Um den Impfprozess zu beschleunigen, sollen sich in Baden-Württemberg bereits ab Mitte März auch Lehrer und Erzieher den Astrazeneca-Impfstoff spritzen lassen dürfen.

Doch nicht alle freuen sich über diese Änderung der Reihenfolge des Impfplans und fühlen sich übergangen, wie bei Diskussionen in den sozialen Medien deutlich wird. Auch der Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts, der Ulmer Virologe Thomas Mertens, hat die geänderte Impf-Reihenfolge in Baden-Württemberg kritisiert.

STIKO-Chef des Robert-Koch-Instiuts kritisiert die Änderung der Impfreihenfolge

Baden-Württemberg erwartet bis Mitte März rund 450.000 Impfdosen des Impfstoffs von Astrazeneca. Damit kann das Land jedem Berechtigten in der ersten Prioritätsgruppe im Alter zwischen 18 und 64 ab sofort ein Impfangebot machen. Voraussichtlich soll nun auch spätestens ab Mitte März in Baden-Württemberg damit begonnen werden, auch Impfberechtigte im Alter von 18 bis 64 aus der zweiten Prioritätsgruppe zu impfen. Somit soll der Impfprozess beschleunigt werden. Zu der Prioritätsgruppe zwei gehören unter anderem auch Erzieher und Lehrer.

Der Virologe Mertens kritisierte diese Änderung der Impfreihenfolge nun und stellte in einem Interview mit der „Funke-Mediengruppe“ klar, dass es nicht passieren dürfe, dass schwer kranke Risikopatienten leer ausgingen, weil Berufsgruppen mit starker Lobby – wie Lehrer – bevorzugt würden. „Hier sollte es unbedingt in allen Impfzentren Listen geben, die festlegen, wer an die Reihe kommt, wenn Dosen übrig bleiben“, sagte Mertens. Dabei könne man auch „geeignete Kandidaten aus nachfolgenden Prioritätsgruppen“ vorziehen.

Der STIKO-Chef Thomas Mertens äußerte zudem gegenüber dem SWR, dass ihn die Kritik an der Änderung der Impfreihenfolge nicht wundere: „Die STIKO hat die Lehrerinnen und Lehrer und Erzieherinnen und Erzieher aufgrund der internationalen und nationalen Datenlage für die Gefährdung für schwere Erkrankungen in eine Priorisierungsstufe eingeordnet“, sagte Mertens am Dienstagabend. Jetzt werde von politischer Seite von der Stiko-Empfehlung abgewichen. „Meines Erachtens war es zu erwarten, dass andere, die dadurch weniger Impfstoff bekommen können, sich darüber beschweren.“

Astrazeneca-Impfstoff für Lehrer: Welchen Impfstoff erhalten Lehrer über 65 Jahren?

Neben der Diskussion, ob es nun richtig sei, dass Lehrer im Impfplan höher priorisiert werden oder nicht, gibt es auch noch einen weiteren Kritikpunkt bezüglich des Vorhabens, dieser Personengruppe den Astrazeneca-Impfstoff zur Verfügung zu stellen. Da derzeit noch Studien bezüglich der Wirksamkeit des britischen Impfstoffes bei Personen über 65 Jahren fehlen, wird dieser in Deutschland nur an Personen unter 65 Jahren verabreicht. Doch was ist mit Lehrern und Erziehern, die bereits älter sind? Die Landesregierung äußerte sich dazu auf Twitter, dass man bezüglich dieses Problems auf eine Rückmeldung des Sozialministeriums warte.

Übrigens: Eine Terminvereinbarung ohne Berechtigung ist für eine Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff trotz zahlreicher, nicht vergebener Impftermine, in Baden-Württemberg derzeit noch nicht möglich. Dennoch ist der Beschluss, Erzieher und Lehrer möglichst zeitnah zu impfen generell ein sehr wichtiger Schritt bezüglich der geplanten Schulöffnungen.

Rubriklistenbild: © Luka Dakskobler/dpa

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