Impfstrategie in Baden-Württemberg

Impfgipfel in Baden-Württemberg: SPD und Hausärzte kritisieren Impfverfahren scharf

  • Lisa Klein
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Baden-Württemberg: Bereits vor dem Impfgipfel am Freitag (16. April) hagelt es Kritik: Die SPD kritisiert das eher schleppend vorwärtsgehende Impfverfahren scharf.

Vor dem baden-württembergischen Impfgipfel am Freitag (16. April) zeichnen sich bereits mehrere Streitthemen ab. Um die Corona-Impfkampagne im Südwesten voranzutreiben, will Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) am Freitag mit Kommunalpolitikern sowie Vertretern der Landesärztekammer, des Landesapothekerverbandes und der Krankenhausgesellschaft sprechen, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet. Kern des Impfgipfels ist die Erstellung eines Plans für den Moment, ab dem deutlich mehr Impfstoff zur Verfügung steht – wann dieser Moment kommt, kann zum derzeitigen Zeitpunkt allerdings noch keiner so genau sagen.

Vonseiten der Opposition hagelte es bereits Kritik, Lucha wolle von Versäumnissen zum Beispiel bei Senioren ablenken. Die Hausärzte wiederum fürchten nach dem Startschuss der Corona-Impfungen in den Praxen, dass sich das Impfchaos zu ihnen verlagert. Der Gesundheitsexperte der SPD-Landtagsfraktion, Rainer Hinderer, kritisierte poetisch: „Kommt das Impfen nicht auf Trab, dann lenk mit einem Gipfel ab.“ Zu viele Menschen aus den höchsten Prioritätsstufen warteten noch auf ihren Impftermin.

Impfgipfel am Freitag in Baden-Württemberg: SPD kritisiert Impfverfahren

„Dass es hier immer noch nicht schnell genug vorangeht, übersieht der Minister fast schon leidenschaftlich gerne und wendet sich lieber den Aufgaben zu, die auch ohne ihn gelöst werden“, sagte Hinderer. Bislang ist vor allem der Impfstoffmangel mit das größte Problem. Hinzu kamen geänderte Empfehlungen für das Vakzin von AstraZeneca, das im Moment in Deutschland nur Menschen über 60 Jahre nutzen sollten.

Bei dem Gipfel fehlten jene Gesprächspartner, „die Lucha zu den bisherigen Impfungen den Marsch blasen würden“, erklärte Hinderer und nannte den Landesseniorenrat, die Landesbehindertenbeauftragte und den Sozialverband VDK als Beispiele. „Sie würden auf dem Gipfel für die Betroffenen sprechen, die seit Monaten schlechter gestellt sind, während der Minister immer weitere Gruppen zur Impfung zulässt, weil das schöne Überschriften macht“, so der SPD-Abgeordnete. „Ein Gipfel, auf dem das nicht klar zur Sprache kommt, ist vertane Zeit.“

Wieviele Menschen in Baden-Württemberg sind bereits gegen das Coronavirus geimpft?

Im Südwesten haben inzwischen nach Angaben des Landesgesundheitsamts mehr als 1,5 Millionen Menschen eine erste Corona-Impfung bekommen. Über 600.000 davon sind schon ein zweites Mal geimpft. Dennoch rangiert Baden-Württemberg im Ländervergleich beim Anteil der Geimpften an der Gesamtbevölkerung im unteren Drittel – mit einer Impfquote von etwa 5,8 Prozent, wie aus Daten des Robert Koch-Instituts hervorgeht. Demnach liegt Baden-Württemberg knapp unter dem Bundesschnitt von gut 15 Prozent.

In ganz Deutschland sind inzwischen 4.910.308 Personen (5,9  Prozent der Gesamt­bevölkerung) vollständig geimpft. Insgesamt haben 12.670.288 Personen mindestens eine Impf­dosis erhalten (Stand: 9. April). Die meisten Menschen sind in Deutschland bislang in Berlin (7,0  %), Sachsen (6,9 %) und Thüringen (6,6 %) geimpft.

„Ab Mai und Juni sollen die Impfstofflieferungen nach derzeitigen Angaben der Hersteller auch nach Baden-Württemberg deutlich zunehmen, das Impfen im Land erhält also absehbar deutlich mehr Schub“, hieß es in einer Mitteilung des Ministeriums von Samstag. „Damit bricht eine neue Phase für die Impfungen im Land an“, sagte Lucha.

Impfgipfel am Freitag: Die Grünen verteidigen die Impfstrategie in Baden-Württemberg

Die Impfstrategie der Landesregierung verteidigte Petra Krebs von den Grünen im Landtag: Bei den Über-80-Jährigen sei Baden-Württemberg auf dem besten Weg, eine Impfquote von 80 Prozent zu erreichen. Die Hälfte der Über-70-Jährigen habe einen Termin, die anderen würden schnell bedient, erklärte sie. „Richtig ist, dass wir das Feld der Impfberechtigten aus gutem Grund um weitere Gruppen erweitert haben, die dringend und schnell geschützt werden müssen. Wenn die SPD das Feld wieder einengen möchte, dann soll sie klar sagen, wer keine Impfung mehr bekommen soll, bevor nicht alle Ü 80 geimpft sind: Die Lehrerinnen und Lehrer? Die Erzieherinnen und Erzieher? Menschen mit schwersten Erkrankungen? Wir sind gespannt auf die Antwort.“

„Das Impfen ist weiterhin der wichtigste Schritt, um langfristig wieder zu einem möglichst normalen Alltag zurückzukehren“, sagte Lucha. Erstmals wurden laut Ministerium in der vergangenen Woche rund 41.000 Impfungen in den baden-württembergischen Impfzentren an nur einem Tag verabreicht - ein Rekord. Am Samstag seien mehr als 4. 000 Menschen geimpft worden, teilte ein Ministeriumssprecher am Sonntag mit. „Wir impfen seit Mittwoch rechnerisch alle zwei Sekunden einen Menschen.“ Auch das Angebot von Impfungen bei Hausärzten sei von Anfang an sehr gut angenommen worden, erklärte das Ministerium.

Impfgipfel am Freitag in BaWü: Hausärzte kritisieren das Impfen in den Praxen

Der Hausärzteverband Baden-Württemberg kritisierte am Sonntag, dass die Praxen ab dem 19. April den Impfstoff von AstraZeneca zusätzlich bekommen sollten, aber dafür weniger von Biontech/Pfizer. Der 2. Vorsitzende Frank-Dieter Braun bezeichnete das als „völlig inakzeptabel“. „Wir müssen dann den verunsicherten Menschen vorwiegend AstraZeneca-Impfstoff impfen. Damit wird das politische Impfchaos in die Hausarztpraxen verlagert, was für uns unzumutbar ist.“ Der 1. Vorsitzende Berthold Dietsche ergänzte: „Wenn Lieferschwankungen auf dem Rücken der Hausarztpraxen ausgetragen werden, wird dies das Vertrauen in die Politik weiter zerstören.“ Hausärzte dürften nicht erst nach den Impfzentren beliefert werden.

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa

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