Kritik wegen geänderter Priorisierung

Baden-Württemberg kippt Impfreihenfolge - Stiko-Chef Mertens stinksauer

  • Julia Thielen
    vonJulia Thielen
    schließen

Baden-Württemberg kippt die empfohlene Impfreihenfolge. Stiko-Chef Thomas Mertens übt daran herbe Kritik.

Der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist sauer. Laut Thomas Mertens gefährden Bundesländer wie Baden-Württemberg die Schwächsten und Gefährdetsten für schwere Verläufe einer Corona-Erkrankung. Unter anderem der Südwesten hatte die Vorgaben der Stiko zur Priorisierung der Corona-Impfungen gekippt - und eigenmächtig eine andere Reihenfolge ausgewählt. Doch das entspräche nicht den wissenschaftlichen Kriterien, die der Impfpriorisierung zugrunde lägen. Nun seien schon viele geimpft, die eigentlich noch gar nicht an der Reihe wären. Doch das könnte angesichts des immer noch extrem knappen Impfstoffs zur Last anderer gehen.

Baden-Württemberg: Impfreihenfolge geändert - Kritik von Stiko-Chef Mertens

„De facto wird in den Ländern schon lange gegen die Priorisierung verstoßen“, sagte Stiko-Chef Mertens der Deutschen Presse-Agentur. Der Ulmer Virologe befürchtet mit der beginnenden Impfung durch Hausärzte eine weitere Aufweichung der Impfreihenfolge. In Baden-Württemberg war zuletzt tatsächlich entgegen der Empfehlung der Ständigen Impfkommission gehandelt worden. Das hatte schon zuvor zu Kritik seitens Mertens geführt. So gehören nun neben Menschen, die stark gefährdet sind, einen schweren Krankheitsverlauf nach einer Corona-Infektion zu erleiden, auch Polizisten, Erzieher und Lehrer zum Kreis der Impfberechtigten. Damit gab der Südwesten dem Druck von Gewerkschaften und angesichts der Schulöffnungen nach.

Die Empfehlung des Impfstoffs von AstraZeneca zunächst nur für Menschen zwischen 18 und 64 Jahren hatte die ursprüngliche von der Stiko angestrebte Reihenfolge bei der Priorisierung der Corona-Impfungen ohnehin schon durcheinander geworfen. Inzwischen ist der Impfstoff auch für ältere Menschen freigegeben. Dennoch scheinen die Zweifel gegenüber diesem Vakzin nach wie vor größer, als gegenüber denen von Moderna und Biontech. Zuletzt trug beispielsweise auch eine traurige Meldung aus Österreich dazu bei. Hier wurde eine Charge von AstraZeneca nach dem Tod einer Frau aus dem Verkehr gezogen. Noch ist unklar, ob deren Corona-Impfung und ihr Versterben zusammenhängen.

Corona-Impfungen Baden-Württemberg: Stiko-Chef kritisiert geänderte Reihenfolge

Für viele waren solche Meldungen offenbar Grund genug, Impftermine nicht wahrzunehmen. Der AstraZeneca-Impfstoff lagerte teilweise ungenutzt im Kühlschrank. Auch deshalb warb Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann für mehr Flexibilität bei der Priorisierung der Corona-Impfungen. Doch mittlerweile wird vor allem der Impfstoffmangel zum immer größeren Problem.

Baden-Württemberg hängt bei den Corona-Impfungen immer noch hinterher, ging zuletzt noch einen anderen drastischen Schritt. Stiko-Chef Mertens hat Verständnis für die Kritik am schleppenden Fortgang. Dennoch dürfte die Änderung der Impfreihenfolge nicht die Lösung sein, um womöglich schneller voranzukommen. „Die Priorisierung war und ist nicht das eigentliche Problem, sondern der Mangel an Impfstoff“, erklärte der Ulmer Virologe. Auch die fehlenden Möglichkeiten zur Umsetzung der eigentlich empfohlenen Impfreihenfolge seien ein Problem.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

Das könnte Sie auch interessieren