1. echo24
  2. Baden-Württemberg

Kommentar zur AKW-Verlängerung: Es droht ein kalter, dunkler Winter

Erstellt:

Von: Marc Thorwartl

Kommentare

Das Kernkraftwerk Isar 2 in Bayern soll als Notfallreserve dienen.
Zwei Atomkraftwerke sollen in Deutschland länger am Netz bleiben. Zumindest vorerst. © dpa

Einst gab es 37 Kernkraftwerke in Deutschland - zwei verbliebene sollen uns jetzt über den Winter retten. Das Ergebnis einer fehlgeleiteten Energiepolitik. Ein Kommentar.

Als Kind der 80er kann ich mich noch ganz genau an die Anfangszeiten der Friedensbewegung und der Grünen erinnern. Vor allem der gelbe Sticker mit „Atomkraft? Nein danke!“ hat sich ins Gedächtnis gebrannt. Da wirkte der von der Atomlobby produzierte Gegensticker mit „Atomkraftgegner überwintern, bei Dunkelheit mit kaltem Hintern“ wie der verzweifelte Versuch, ausgerechnet im Land der Dichter und Denker über einen infantilen Reim, Zuspruch zu gewinnen. Und jetzt? 

40 Jahre später ist dieses Horrorszenario keine Fiktion, sondern bittere Realität geworden. Es drohen Stromausfälle, Deutschland im Blackout an Weihnachten – stille Nacht. Die Katastrophe von Fukushima hatte 2011 die Zeitenwende eingeläutet. Eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung stimmte mit der damaligen Kanzlerin Angela Merkel überein, dass die Atommeiler in Deutschland abgeschaltet werden müssen. Ende 2022 sollte es so weit sein. 

Deutschland braucht Energie: Abhängigkeit von Atomstrom aus dem Ausland vermeidbar

Doch der Energiebedarf der Republik hat sich in der vergangenen Dekade drastisch erhöht. Als Exportland muss produziert werden, die Produktionsstätten lechzen nach Energie. Und jetzt kommt der Ukraine-Krieg on top. Er hat gnadenlos verdeutlicht, dass Energieabhängigkeit von einem Despoten-Staat in der Sackgasse endet. Jetzt werden die Laufzeiten von Isar 2 und Neckarwestheim bis April 23 im Streckbetrieb verlängert. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Ob bis dahin die Ukraine befriedet ist, ist unklar. 

Falls doch, wo soll das Gas dann herkommen, mit Russland will man nichts mehr zu tun haben? Überall in Europa werden neue Atomkraftwerke gebaut. Selbst in Japan ist mittlerweile wieder eine Mehrheit der Bevölkerung für Atomkraft. Deutschland hingegen steckt im Dilemma. Man hat es seit Fukushima versäumt, eine alternative Energiestruktur aufzubauen. An dem Atomausstieg festzuhalten, ist richtig – nur dogmatisch den Countdown auf Ende 2022 zu stellen, war ein Fehler.

Sollte der Ukraine-Krieg zum langjährigen Problemfall werden, dann benötigt Deutschland sehr viel Atomstrom. Den muss es dann teuer im Nachbarland einkaufen, statt ihn hier in den sichersten Atommeilern der Welt selbst zu produzieren, bis ein alternatives Energienetz für eine sichere und autarke Versorgung aufgebaut wäre. 

Auch interessant

Kommentare