Aktion fliegt Gastronom um die Ohren

Bietigheim: Restaurant schließt kurzzeitig Russen aus – Netz dreht durch

Es hagelt wütende Kommentare. Auch Promis werden auf die Debatte aufmerksam
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Es hagelt wütende Kommentare. Auch Promis werden auf die Debatte aufmerksam
  • Anna-Maureen Bremer
    VonAnna-Maureen Bremer
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Ein Restaurant aus Bietigheim kündigt an, russische Besucher nicht mehr zu bedienen. Es hagelt Kritik im Netz.

Die Emotionen kochen durch den Krieg in der Ukraine auch bei uns ins Baden-Württemberg. Unternehmen aus der Region sind oft stark betroffen. Viele Menschen fragen sich, wie sie helfen können, Heilbronn macht sich bereit für ankommende Flüchtlinge. Viele starten Aktionen auf eigene Faust, um ein Zeichen gegen den Krieg zu setzen.

In Bietigheim ist das nun extrem nach hinten losgegangen. Ein Restaurant kündigte kurzerhand an, russischen Kundinnen und Kunden nicht mehr bei sich haben zu wollen. Jetzt steckt das Restaurant Kritik aus ganz Deutschland ein – obwohl noch am Sonntagabend ein zweites Statement folgte, das deutlich zurückruderte. Womöglich wollten die Betreiber - emotional ergriffen wie in diesen Tagen viele Menschen - sich „nur“ gegen den Krieg, den der russische Präsident begonnen hat, äußern; doch auf diesem Weg, war das natürlich falsch.

Denn: Nicht nur in Deutschland gehen tausende Menschen gegen den Krieg auf die Straßen – auch in Russland, wo das Demonstrieren schnell zur Gefahr werden kann, demonstrieren immer mehr Menschen gegen die Gewalt in der Ukraine. Sogar bei großen Influencern ist die Debatte angekommen. Auch Enissa Amani hinterlässt am Montagvormittag einen Kommentar.

Restaurant in Bietigheim will keine Russen mehr bedienen – Netz flippt aus

Besucher mit russischem Pass sind bei uns unerwünscht. Es ist uns bewusst, dass der „normale“ russische Staatsbürger keine Schuld an dem kriminellen Handeln der russischen Regierung trägt, es ist jedoch Zeit, ein Zeichen zu setzen. Dies ist unser Beitrag, damit unsere Kinder in einem friedlichen Europa leben können.

Traube

Bietigheim: Restaurant rudert schnell zurück und veröffentlicht neues Statement noch am Abend

Die Aktion des Restaurants „Traube“ in Bietigheim ist ein Ansatz, der viele dazu veranlasste, ihre Wut nicht mehr nur in sachlichen Worten auszudrücken. Weil es auf Google tausende Ein-Stern-Bewertungen und wütende Kommentare hagelte, reagierte das Restaurant bereits am Sonntag mit einem neuen Statement (das alte verschwand von der Internetseite):

„Traube in Bietigheim“ steckt nach Russland-Ukraine-Debatte heftige Kritik ein 

Influencerin Irina Skorik (@iri.fitnessmum) hat bei Instagram 229.000 Follower und bekommt seit Tagen mit, wie sich Ratlosigkeit über den Krieg zwischen Russland und der Ukraine bei vielen Menschen in Hass verwandelt. Sie selbst hat eine ukrainische Mutter, wie sie in einer aktuellen Story verrät. Ihr Vater ist Deutscher. Sie selbst ist in Kasachstan geboren und prangert an, dass auch dieses Land trotz seiner Eigenständigkeit in den Köpfen vieler Menschen aufgrund der ehemaligen Sowjetunion immer noch „Russland“ ist. Selbst bei Skorik, die gar nicht aus der Region kommt, landet der Fehltritt der Traube aus Bietigheim. Sie teilt einen Screenshot und fragt „Was ist das denn??!“.

Auch das Restaurant aus Bietigheim ist bei Instagram vertreten. Der letzte Post ist allerdings vom Valentinstag. Aber die User machen auch hier mobil. Über 5.000 Kommentare finden sich unter dem letzten Foto, das ironischerweise ein Herzchen zeigt. Auch Skorik hat einen Kommentar da gelassen: „Ich hoffe es betritt niemals wieder jemand diesen Laden !!!! Wie kann man nur soooooo sein. Was hat man bei euch in der Erziehung falsch gemacht!!! Was haben Russen mit der Politik eines einzelnen zu tun!!!“ Ein User fasst schmerzlos zusammen: „Einfach mit einem Satz auf der Homepage das eigene Geschäft für immer ruiniert...“

Dabei war das Restaurant noch am Sonntagabend zurückgerudert. Wenngleich der Ton – mindestens gegenüber Putin – ruppig blieb:

Putin vs. Ukraine An alle Unterstützer und Versteher Putins: Das ist keine Politik, das ist Mord! Wer dieses Statement nun als falsch oder verletzend für Putin empfindet, dem steht es frei, der Traube die Freundschaft zu kündigen und fortan fortzubleiben. Es war ein Fehler, die Kritik an Putin an der Nationalität festzumachen. Niemals wollte ich jemanden wegen seiner Nationalität beleidigen. Allerdings rechtfertigt das nicht, meine Familie und Mitarbeiter zu bedrohen.

Traube

Nutzer nehmen die „Traube“ aus Bietigheim in den Kommentaren regelrecht auseinander

Nicht immer geht’s in den Kommentarspalten sachlich zu „Nazi Verhalten“, schreibt ein Nutzer. „Ich würde lieber verhungern, als bei euch zu essen! Ihr wollt ein friedliches Europa durch Ausgrenzung? Durch 2 J. Corona geschwächt und das wird euch den Rest geben. Bye“, hinterlässt eine Frau.

Auch bei Google gibt’s nach der Reaktion der „Traube“ weiterhin Negativ-Statements ohne Ende. Der Zynismus nimmt hier noch ganz andere Dimensionen an: „Ich habe meinen russischen Pass in Stalingrad im Jahr 1942 verloren. Nun habe ich nur NSDAP Parteibuch, darf ich kommen?“ Ein anderer schreibt „hab gehört das Restaurant bietet Zeitreisen in die 30er-Jahre an nur mit Ariernachweis natürlich.“ Bei Google scheinen allerdings am Montagmorgen immer mehr Kommentare wieder zu verschwinden. Bis Montagmittag findet sich der gesamte Google-Eintrag des Restaurants aus Bietigheim nicht mehr.

Auf Nachfragen von echo24.de war von Seiten des Restaurants niemand zu erreichen oder zu einer Stellungnahme bereit. Sollte sich dies ändern, wird echo24.de natürlich darauf reagieren.

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