EU-Austritt des UK

Diese Folgen hat der Brexit für Deutschland und die EU

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Der Brexit und die Folgen. Angela Merkel (mit Großbritanniens Premierminister David Cameron) verhielt sich bislang auffällig ruhig in der Debatte.

München - Brexit und die Folgen: Was bedeutet der EU-Austritt von Großbritannien für Deutschland? Eine Analyse.

Update vom 13. Juli 2016: Heute übernimmt Theresa May von David Cameron. Wir berichten im News-Blog vom Regierungswechsel in Großbritannien.

Update vom 12. Juli 2016: Das ist die neue Premierministerin: Das müssen Sie über Theresa May wissen.

Update vom 28. Juni 2016: Die Briten wollen nicht mehr in der EU sein. Das hat das Volk in einem Referendum beschlossen. Allerdings ist ein Austritt nicht ohne Weiteres möglich. Am Dienstag treffen sich die EU-Mitgliedsstaaten, um über den Brexit zu debattieren. Alle Entwicklungen finden Sie in unserem EU-Gipfel-News-Blog.

Meldung

Die Briten haben abgestimmt, der Brexit ist beschlossen: 51,9 Prozent stimmten für den Austritt aus der Europäischen Union - das ist das offizielle Ergebnis des EU-Referendums. Nach dem Brexit-Beben diskutiert Europa und Großbritannien über das Ergebnis der Abstimmung. Über alle relevanten News, Reaktionen und Stimmen berichten wir in unserem News-Ticker.

Seit Monaten diskutierten Befürworter und Gegner in Großbritannien, welche Entscheidung besser für die Briten wäre. Kurz vor dem EU-Referendum lagen die Brexit-Befürworter in mehreren Umfragen vorne - und setzten sich am Ende durch. Premierminister David Cameron reagierte schnell: Am Freitagmorgen um 8.15 Uhr Ortszeit verkündete er vor 10 Downing Street, dass er sein Amt als Premierminister des United Kingdom aufgeben wird. Der große Brexit-Gewinner könnte nun Boris Johnson sein, der ehemalige Bürgermeister von London. Wird er Camerons Nachfolger?

Was ist der Brexit eigentlich? Wir beantworten die wichtigsten Fragen. Im Folgenden können Sie nachlesen, was der Austritt des UK für Deutschland bedeutet und was die Folgen sind.

Börse reagiert auf Brexit: Tiefschwarzer Freitag

Deutsche Unternehmen waren bereits nervös. Der Austritt der Briten hätte für die Wirtschaft gravierende Folgen: Mit fast 90 Milliarden Euro war Großbritannien laut Statistischem Bundesamt 2015 der drittwichtigste Exportmarkt. Über 30 Milliarden Euro betrug die Außenhandelsbilanz; über 2500 Unternehmen aus Deutschland haben eine Niederlassung im Vereinigten Königreich. Ihr Kapitalstock dort: etwa 130 Milliarden Euro, 400.000 Mitarbeiter. Die Börse reagiert direkt mit Panik auf das Brexit-Ergebnis: Es war ein tiefschwarzer Freitag. Pfund und Dax stürzten ins Tief.

Ein Nein zur EU bedeutet früher oder später den Austritt Großbritanniens aus dem europäischen Binnenmarkt. "Damit stehen auch in Deutschland Arbeitsplätze unter Vorbehalt", sagt Volker Treier, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Grund: die Abwertung des britischen Pfunds gegenüber dem Euro und eine höhere Inflation. Das wird die Preise für deutsche Produkte im Vereinigten Königreich erhöhen und den Absatz wohl senken.

Laut einer Studie des Kreditversicherers Euler Hermes würden deutsche Exporteure durch einen Brexit bis 2019 Einbußen in einer Größenordnung von 6,8 Milliarden Euro erleiden. Besonders stark betroffen könnte nun demnach die deutsche Automobilindustrie mit einem Minus bei den Exporten von zwei Milliarden Euro sein, im Chemiesektor werden es 1,1 Milliarden und bei den Maschinenbauern eine Milliarde Euro werden.

Brexit: Dax erholt sich nur langsam

"Die Unruhe in der deutschen Wirtschaft ist dementsprechend hoch. Viele sind besorgt", sagt Treier. Laut einer Umfrage der Deutschen Außenhandelskammer in Großbritannien erwarten 80 Prozent ihrer knapp 700 Mitgliedsunternehmen negative Folgen eines Brexit für ihr Geschäft. Dagegen rechnen nur sechs Prozent mit positiven Effekten. Insgesamt wollen 61 Prozent ihre Investitionstätigkeit im Vereinigten Königreich nach einem Austritt verringern, sieben Prozent wollen sie erhöhen.

Bis zu drei Prozent könnte das Wachstum der deutschen Wirtschaft langfristig schrumpfen. Auch der Dax reagierte bereits, sank ab und erholte sich nur langsam.

Deutsche Börse könnte von Brexit profitieren - muss aber nicht

London gilt als Hauptstadt des europäischen Finanzwesens. Die Börse in Frankfurt am Main könnte diese Position nach einem Austritt der Briten übernehmen und zum Zentrum der europäischen Unternehmensfinanzierung werden. Ausgemacht ist das jedoch nicht, denn auch die Pariser oder Dubliner Börse kämen dafür in Frage. "Unterm Strich sind auch die Börsenbetreiber nicht für einen Brexit", ist sich Volkswirt Treier deswegen sicher.

Laut einer Bertelsmann-Studie könnte auch die chemische Industrie in Deutschland profitieren. Ein Ausschluss Großbritanniens aus dem europäischen Binnenmarkt würde demnach ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und ihr ein zusätzliches Wachstum von 0,5 bis 1 Prozent bescheren.

Der Brexit und die Euro-Zone

Ein Austritt Großbritanniens aus der EU birgt dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zufolge große Risiken für das Land und den Euro. "Großbritannien könnte der erste Dominostein sein", sagte Institutschef Marcel Fratzscher. Ähnliche Referenden in Euro-Ländern wie Italien und Frankreich würden aus seiner Sicht eine noch gefährlichere Unsicherheit bringen als ein Brexit.

Fratzscher warnt vor weiteren EU-Austritten: Dann hat man wieder einen Mechanismus, der letztlich Europa und auch Deutschland wieder in die Rezession führen kann, so wie in der globalen Finanzkrise 2008 und 2009", sagte Fratzscher. "Wir würden also auch in Deutschland dafür einen sehr hohen Preis zahlen."

"Meine größte Sorge gilt letztlich der Nachhaltigkeit des Euro", verwies Fratzscher auf mögliche Dominoeffekte. "Andere Länder könnten fragen: Wollen wir eigentlich auch noch in der EU bleiben? Schaut mal her, die Briten gehen raus. Sie kriegen sogar einen ganz guten Deal. Das wollen wir auch machen." Ein Referendum in Italien oder in Frankreich wäre auch ein Referendum über den Euro, betonte Fratzscher. Weitere Unsicherheit wäre die Folge."

Der DIW-Chef mahnte Reformen in der EU an, darunter die Vollendung der Bankenunion, eine Fiskalunion mit einem europäischen Finanzminister und eine stärkere politische Legitimierung der Gemeinschaft, etwa durch eine Direktwahl der Kommission und eine Stärkung des europäischen Parlaments.

Briten auf einer Stufe mit Bangladesch und Botsuana

Als Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO), zu der 162 Staaten zählen, würde Großbritannien von bereits bestehenden Handelserleichterungen gegenüber der EU und damit mit Deutschland profitieren. Generelle Zollfreiheit bei der Einfuhr von Waren bedeutet dies aber nicht, sondern nur für bestimmte Produktgruppen. Für die Briten würden damit dieselben Regeln wie für Bangladesch oder Botsuana gelten.

Umfassendere Erleichterungen beim Zugang zum europäischen Binnenmarkt brächte eine Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), zu dem neben den 28 EU-Mitgliedsstaaten Island, Norwegen und Liechtenstein zählen. Arbeitnehmer aus diesen Staaten können in jedem Mitgliedsland arbeiten, Waren und Dienstleistungen zollfrei über Grenzen hinweg angeboten und Kapital ohne Hindernisse über Grenzen hinweg transferiert werden. Doch Großbritannien müsste hohe Mitgliedsbeiträge entrichten, ohne Einfluss auf Entscheidungen in Brüssel nehmen zu können. Daneben sind auch separat ausgehandelte Abkommen denkbar. Das ist jedoch äußerst langwierig, wie sich bei der Schweiz mit ihren über 120 Einzel-Vereinbarungen mit der EU gezeigt hat.

Die Studie "Brexit: What does it mean for Europe?" ("Was bedeutet der Brexit für Europa?") rechnete bereits vor dem Entscheid Szenarien durch, nach denen Großbritannien nach erfolgtem EU-Austritt mit der EU umgehend ein Freihandelsabkommen abschlösse. In diesem Falle würden sich die Exporteinbußen für die deutsche Wirtschaft der Studie zufolge auf fünf Milliarden Euro belaufen. Dieses Szenario kommt jedoch nicht zustande, da David Cameron erst im Oktober abtreten will und erst der neue Premier die Verhandlungen mit der EU aufnehmen soll.

Deutschen leiden wohl am meisten

Möglicherweise leidet nun niemand so sehr unter einem Brexit wie die Deutschen. Denn allen heiligen Schwüren auf die deutsch-französische Freundschaft zum Trotz: Ohne London wird es innerhalb der EU künftig ziemlich einsam am Verhandlungstisch.

Ob Steuern, Finanzen oder Subventionen, ob Freihandel, Kartellrecht oder Digitalisierung - die Gemeinsamkeiten mit den Briten sind so groß wie mit kaum jemandem sonst. Ihr Pragmatismus wird in Berlin hoch gelobt. Und bei allen Differenzen - an denen es nun wirklich nicht fehlt - nennt man sich untereinander immer noch gern „Brüder im Geiste“.

Als einziges prominentes Mitglied der Bundesregierung wagte sich in den vergangenen Monaten Wolfgang Schäuble nach London. Anfang März war der Finanzminister bei der Jahrestagung der britischen Handelskammer zu Gast. Seine Antwort auf die Frage nach der Reaktion Deutschlands auf einen Brexit: „Wir würden weinen.“ Das UK entschied sich dennoch für den Austritt.

Brexit: Auch Europa ist jetzt anders

Die Briten haben sich für einen Abschied entschieden, Europa wird nun anders aussehen. Der Kontinent verliert seine (neben Frankreich) stärkste Militärmacht samt Atomwaffenarsenal, seine zweitgrößte Volkswirtschaft, das Land mit der drittgrößten Bevölkerung, die Finanzhauptstadt der Welt und einen von zwei Plätzen im UN-Sicherheitsrat. Deutschland gerät vielleicht - zu Recht oder nicht - noch mehr unter Verdacht, Europa beherrschen zu wollen.

Nach Brexit: Wie reagieren Schottland und Nordirland?

Eine weitere Frage, die nun interessant wird: Wie reagieren Schottland und Nordirland auf den Brexit? Sie stimmten für "Remain", also den Verbleib in der EU. Im Vorfeld war spekuliert worden, dass sich Schottland und Nordirland vom Vereinigten Königreich abgrenzen könnten und dann separat der Europäischen Union anschließen.

"Ein trauriger Tag für Europa": Weltweit reagierten Politiker auf den Brexit. Es könnte nun tatsächlich ungemütlich werden für die EU. Denn: Welche Staaten folgen Großbritannien, wer tritt als nächstes aus der Europäischen Union aus? Auch Horst Seehofer hat eine klare Meinung nach dem Brexit.

Eine Woche vor Brexit-Abstimmung: Labour-Abgeordnete Jo Cox wird getötet

Großbritannien stand bereits sieben Tage vor der wohl wichtigsten Abstimmung der letzten Jahre unter Schock: Jo Cox, Abgeordnete der sozialdemokratischen Labour-Partei und bekennende Brexit-Gegnerin, wurde in ihrem Wahlkreis getötet. Ein 52 Jahre alter Mann attackierte die zweifache Mutter mit einem Messer und einer Schusswaffe. Unbestätigten Meldungen zufolge soll er während des Angriffs "Britain first" gerufen haben.

Kurz nach der Tat wurde der offenbar geistig verwirrte Mann von der Polizei festgenommen. Führende Politiker auf der Insel und in ganz Europa zeigten sich schockiert über die Bluttat, an deren Folgen die 41 Jahre alte Parlamentarierin verstarb. Der Täter hatte laut seinem Bruder "eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen" und sei in Behandlung gewesen.

Vor der Abstimmung: Briten im Brexit-Fieber

Update vom 22. August 2016: Alle Informationen zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 04. September 2016 finden Sie hier.

afp, dpa, kf

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