Das Traditionsstück ist noch längst kein altes Eisen

"Götz"-Premiere: Intrigen, Kampf und Sex

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Kraftvoller Titelheld: Christopher Krieg als Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand.

Weg vom bloßen Text - und hin zum Wesentlichen: Die Premiere sorgt für Gänsehaut.

Keine leichte Aufgabe: Seit 1950 wird der "Götz von Berlichingen" jedes Jahr auf der Burg in Jagsthausen aufgeführt, dem Originalschauplatz. Das Traditionsstück so zu zeigen, dass es nicht altbekannt daherkommt, erfordert - neben starken Darstellern - auch jede Menge Mut des Regisseurs. Und den hat Jean-Claude Berutti, der die Inszenierung in dieser 67. Burgfestspielsaison verantwortet: Er löst sich vom bekannten Goethetext, zeigt die sexuellen Eskapaden der Intrigantin Adelheid von Walldorf völlig unverblümt und erweitert das fiese Spektrum um Lug und Trug gegenüber der Vorlage deutlich.

Und das heißt: Franz von Sickingen landet mit Adelheid im Bett, Weislingen isst das Todesurteil gegen Götz einfach auf und die Kämpfe bei Fackelschein im Burghof sorgen nicht nur für Gänsehaut, sondern sind richtig derb. Auch Götz selbst, den Christopher Krieg brillant als edlen, voranschreitenden Kraftkerl interpretiert, langt richtig hin.

Bilder zur "Götz"-Premiere in Jagsthausen

Berutti legt Wert auf Konkretes: Er hat die oft künstlichen Goethe-Dialoge in eine klare Sprache verpackt. Und das tut den Charakteren gut. Auf der einen Seite ist der Titelheld, dem Ehre und Freiheit über alles andere gehen. Auf der anderen der zerrissene Adelbert von Weislingen, ein Fähnchen im Wind, ein verlogener Politiker, der sich immer nach der aktuellen Strömung richtet. Mathieu Carrière spielt diesen Identitätskonflikt zwischen Selbstekel, schlechtem Gewissen und Egozentrik so intensiv, dass Weislingen zu einer vielschichtigeren Figur als Götz wird. Auch, weil die Fragen rund um Ehrverlust, Worttreue und Duckmäusertum bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Das Stück um den Helden mit der Metallhand zählt noch lange nicht zum alten Eisen.

Besuchen Sie in dieser Saison die Burgfestspiele in Jagsthausen?

Das sehen auch die Zuschauer nach der Premiere des "Götz" am Mittwoch so, mit dem die Festspielsaison mit ihren zehn Stücken in Jagsthausen eröffnet wurde. "Drei Viertel des Stücks hat es geregnet, aber die tollen Darsteller haben sich gar nichts anmerken lassen", sagt Ingerose Berner. "Die Inszenierung wird dem Stoff voll gerecht und ist dennoch sehr modern. Ich war so ins Stück vertieft, dass ich den Regen um mich herum ganz vergessen habe." Und Sigrid Wäsch meint: "Es ist toll, wie man dem 'Götz' immer wieder neue Facetten entlocken kann."

Daniel Hagmann

Daniel Hagmann

Als Reporter in der Region unterwegs. Hauptinteressen: Kunst, Kultur und Kokolores im echo24-Land. Kolumne: "Nachgehagt".

E-Mail:daniel.hagmann@echo24.de

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