Vor allem die psychische Brutalität ist auf dem Vormarsch

Mobbing und Gewalt: Jetzt sprechen die Lehrer

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Gewalt an Schulen kennt oft keine Grenzen mehr
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Auch in der Region gibt es Morddrohungen und Mobbingfälle, die schon zu Suizidversuchen geführt haben.

Batsch – und schon liegt der Junge am Boden. Schützend hält er die Hände vors Gesicht, doch es hilft nichts. Die Schüler treten weiter auf ihn ein, bis zur Bewusstlosigkeit. Und wer sich beim Schlagen raushält, der hilft nicht etwa, sondern lässt die Handykamera mitlaufen. Spektakuläre Bilder sorgen ja immer für Aufmerksamkeit.

Regelmäßig machen schockierende Fälle von Gewalt an Schulen die Runde. Ende September sorgte der Fall des 12-jährigen Eric in Euskirchen für Entsetzen, der wegen Spielkarten halb totgeschlagen wurde. Und auch Mobbingfälle scheinen sich zu häufen. Mitschüler und Lehrer werden heimlich gefilmt – und anschließend online bloßgestellt.

"Um das zu vermeiden, gibt es an unserer Schule ein Handyverbot", erzählt Lehrer Wilhelm Sedlaczek (alle Namen von der Redaktion geändert, aber bekannt). Er unterrichtet seit 15 Jahren an Grund- und Hauptschulen der Region. Morgens geht er mit einem Körbchen durch die Reihen, sammelt die Smartphones ein und verschließt sie in einem Tresor. Um 15.30 Uhr gibt’s die Geräte zurück. "Das klappt unproblematisch. Früher haben die Schüler noch heimlich unter der Bank mit dem Handy hantiert. Jetzt ist Ruhe", und die Schüler können sich besser konzentrieren. Dem heimlichen Filmen wird ein Riegel vorgeschoben.

Sollte jegliche Form von Gewalt an Schulen härter bestraft werden?

Extremfälle aus der Region, wie sie Grund- und Hauptschullehrerin Dietlinde Brömmer-Schneit schildert, kann aber auch ein solches Verbot nicht verhindern: "Ich kenne eine Neuntklässlerin, von der machten sehr freizügige Fotos die Runde. Die Schülerin wurde gemobbt und versuchte sogar, sich umzubringen." Selbst Videos von Gruppensex wurden verbreitet. Brömmer-Schneit: "Die Gewalt, die ich im Schulalltag erlebe, ist eher psychisch statt physisch."

Deshalb aber gleich die moderne Technik zu verteufeln, hält Sedlaczek für falsch: "Man kann nicht sagen, dass die Kinder aggressiver sind als früher." Wenn es vor 30 Jahren Smartphones gegeben hätte, wären dann solche Aufnahmen nicht entstanden? "Ich halte solche widerlichen Bilder eher für einen Auswuchs, aber nicht für die Ursache von Gewalt. Wer sich stundenlang am PC in virtuellen Welten herumtreibt, kommt mit der Realität nicht klar. Da muss man ansetzen." Für entscheidend hält Brömmer-Schneit die Erziehung: "Die Grundfrage ist doch: 'Wie habe ich gelernt, Konflikte zu lösen?'. So, wie ich das daheim gezeigt bekomme, mache ich es außer Haus."

Ein besonders extremes Beispiel hierzu hat Lehrer Kai-Uwe Mender in einer Grundschule der Region erlebt: "Ein türkisches Kind hat eine Lehrerin geschlagen und gebrüllt: 'Du bist eine Frau, du hast mir gar nichts zu sagen!' Die Wertevermittlung muss zuhause stattfinden. Wir Lehrer allein können das nicht leisten."

Brömmer-Schneit ist überzeugt: Die Schuld für Mobbing und Gewalt liegt nicht bei Facebook und Co. Auch wenn sie Fälle kennt, an denen Schüler untereinander Morddrohungen verschickt haben. "Das sind vielmehr neue Möglichkeiten, um mit alten Problemen wie zerrüttetes Umfeld, Hass auf sich selbst und unbegründete Wut auf andere umzugehen."

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