Schauspieler Mathieu Carrière im echo24.de Exklusiv-Interview

Goethes "Götz" als Telenovela

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Mathieu Carrière spielt den Götz-Widersacher bei den Burgfestspielen Jagsthausen.

Der Hamburger ist ein Fan des Direkten: In der Sprache, im Handeln - und auf der Bühne.

"Tatort", "Dschungelcamp", "Alarm für Cobra 11", "Luther". Mathieu Carrière war schon in weit mehr als 100 Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. In dieser Saison steht er bei den Burgfestspielen in Jagsthausen im "Götz von Berlichingen" als Bösewicht Weislingen auf der Bühne. Mit echo24.de-Redakteur Daniel Hagmann sprach der 65-Jährige über Klassiker im "GZSZ"-Gewand, den Unterschied zwischen Bühne und Fernsehen sowie Goethes Unfähigkeit, Theaterstücke zu schreiben.

echo24.de:  Goethes "Götz" ist fast 250 Jahre alt. Warum lohnt es sich dennoch die mittlerweile 67. Inszenierung in Jagsthausen anzuschauen?
Mathieu Carrière: Ich bin großer Fan des diesjährigen Regisseurs Jean-Claude Berutti. Er hat weite Teile des Vorlagentexts gestrichen und die Inszenierung auf das Wesentliche reduziert. Es geht um die Macht der Begierde, Faustkämpfe und darum, vermeintliche Freunde mit einer Femme fatale im Bett zu erwischen. Kurz: Sex and Crime. Die Handlung ist eigentlich wie die einer modernen Telenovela.

Mathieu Carrière in Jagsthausen

echo24.de: Der Dichterfürst Goethe als Vorläufer von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und "Unter uns"?
Carrière: Natürlich ist die Sprache eine völlig andere. Aber so redete auch zu Goethes Zeiten niemand. Er hat für den 'Götz' sowas wie ein eigenes Mittelhochdeutsch erfunden. Unser Regisseur Berutti hat den Bühnentext in eine verständliche Sprache umgewandelt. Bei Goethe ist zu viel indirekt. Es wird viel berichtet und gestellt, statt wirklich gelebt. Berutti hat zu uns Schauspielern gesagt: 'Auf der Bühne berichtest du nicht davon, dass du träumst, sondern du träumst einfach!' Konkret und direkt. Goethe schrieb zwar tolle Gedichte und gute Romane, vom Theater verstand er aber nichts.

echo24.de: In Jagsthausen sind Sie in diesem Sommer in der Rolle von Götz' Widersacher Weislingen zu sehen. Was reizt Sie an dieser Figur?
Carrière: Während Götz zwar ein Raubritter ist, aber ein großes Herz und klare Werte hat, betreibt Weislingen Politik. Er schaut immer, was um ihn herum passiert und reagiert auf den Markt. Mir scheint auch, dass er ein homosexuelles Interesse an seinem Vorbild Götz mit seinen eigenen wechselnden Liebschaften kaschieren will, um nicht bestraft zu werden. Den daraus entstehenden Identitätskonflikt darzustellen, der bis zur affektiven Schizophrenie reicht, ist extrem reizvoll und macht großen Spaß. Erst recht mit der tollen Schauspielertruppe, die Berutti zusammengestellt hat.

Besuchen Sie in dieser Saison die Burgfestspiele in Jagsthausen?

echo24.de:  Sie sind vor allem als Film- und Fernsehschauspieler bekannt. Wo liegt der Unterschied zwischen Kamera und Bühne?
Carrière: Im Theater ist der Schauspieler nackt. Er ist mehr seinem Spiel überlassen und dem Publikum ausgeliefert, während durch die Kamera viel manipulierbar ist. Ich vergleiche das immer mit dem was passiert, wenn man als Verbrecher entlarvt ist: Vor der Kamera ist es wie beim Polizeiverhör und nicht ganz so zwingend, während das Spiel auf der Bühne wie ein Prozess ist, bei dem man der Justiz ausgeliefert ist und das Gericht überzeugen muss. Mit dem Unterschied, dass im Theater das Publikum die Jury ist.

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Daniel Hagmann

Daniel Hagmann

Als Reporter in der Region unterwegs. Hauptinteressen: Kunst, Kultur und Kokolores im echo24-Land. Kolumne: "Nachgehagt".

E-Mail:daniel.hagmann@echo24.de

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