Stuttgarter Hells-Angels-Präsident Lutz Schelhorn im echo24.de-Interview

Rockerchef wehrt sich gegen pauschale Kriminalisierung

+
Rockerklubs wie die Hells Angels sind der Polizei ein Dorn im Auge.

Die Polizei warnt vor einer "Renaissance der Rocker". Lutz Schelhorn setzt sich im echo24.de-Gespräch zur Wehr.

Für die Polizei sind Rockerklubs wie die Hells Angels ein rotes Tuch. Nun gibt's sogar eine offizielle Warnung des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Zu Recht? Nein, findet Lutz Schelhorn, Präsident der Stuttgarter Hells Angels, im Interview mit echo24.de!

echo24.de: Pünktlich zu den Sommerferien warnt der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) vor zunehmender Gewalt in der Rockerszene. Zurecht oder eher ein laues Sommerlochthema?

Lutz Schelhorn: Der Bund Deutscher Kriminalbeamter vertritt nur einen kleinen Teil der Polizeibeamten. Komischerweise suggeriert er – wie auch andere Polizeigewerkschaften immer wieder –, er würde für die gesamte Polizei sprechen. Er will mit seinen Forderungen für seine Klientel im Gespräch bleiben. Die Themen sind immer dieselben: mehr Beamte, bessere Ausrüstung, Vorratsdatenspeicherung und weitere Befugnisse. Dafür sind medial gegenwärtige Rockergruppen ein vermeintlich geeignetes Argument. Die meisten Forderungen könnte man sich sparen, wenn man die Ressourcen der Polizei sachgerecht einsetzen und nicht im Kampf gegen angeblich so kriminelle Rocker verschwenden würde.

BDK-Vize Ulf Küch fordert hingegen, die Polizei müsse sich noch besser vernetzen...

Besser vernetzt als die Polizei beim Thema Rocker kann man nicht sein! Wenn Herr Küch dann auch noch bemerkt, "unser föderales System ist ein Handicap", sollte man hellhörig werden. Verwunderlich, dass kein Medium dies aufgreift. Normalerweise müsste diesem Herren ein Shitstorm entgegenblasen! Immerhin wendet er sich gegen unsere Verfassung.

Und wieder werden Verbote gefordert. Mal ehrlich: Tangiert Sie so etwas noch?

Lutz Schelhorn.

Einige Polizeigewerkschaftler und Politiker sind immer schnell mit der "Verbotskeule" zur Hand. Schon seit über zwei Jahrzehnten. Populistisches Säbelrasseln! Wenn es Erkenntnisse über die kriminellen Aktivitäten einer ganzen Gruppierung gibt, dann sollen diese ermittelt und zur Anklage gebracht werden. Und ein Gericht wird darüber Recht sprechen. Dieser Nachweis konnte aber nie erbracht werden. Verboten wurden nur einzelne und selbstständige Vereine. Und zwar über das Vereinsrecht. Und das hat mit Strafrecht wenig zu tun. Wir haben uns fast schon dran gewöhnt – werden es aber nie akzeptieren -, dass wir pauschal diskriminiert und kriminalisiert werden!

Fühlen Sie sich durch Rockergruppen bedroht?

Die Zahl der Motorradklubs steigt der Polizei zufolge - dank zahlreicher Neugründungen. Mit dem vielbeschworenen Rockermythos haben die meisten allerdings wenig am Hut.

Ersteres ist falsch! Die Zahl der Rockerklubs stagniert, ist eher rückläufig. Hier wird mit Zahlen jongliert, die jeder Grundlage entbehren. Im Strukturbericht zu "Outlaw Motorcycle Gangs" des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg wird von 683 Mitgliedern des Hells Angels MC berichtet. Nun: Ich kann genau feststellen, wie viele Mitglieder der Hells Angels MC hier in Baden-Württemberg hat. Es ist nicht einmal ein Drittel! Wenn das BKA jetzt von bundesweit 9.300 Rockern in 600 Chaptern spricht, dann ist das eine vorsätzlich falsche Information!

Warum?

Hier werden andere Vereinigungen wie Street Gangs, Türstehervereinigungen oder Box-Klubs mit eingerechnet. Diese Vereinigungen entstehen gerade überall. Sie haben ihre eigenen gesellschaftlichen Gründe, ihre eigene Ideologie und verfolgen andere Ziele. Mit Motorradfahren und der Ideologie eines Rockerklubs haben sie nichts gemeinsam. Dabei gibt es seitens des BKA eine genaue Sprachregelung. Dort ist genau definiert, was ein Rockerklub ist und wer ein Rocker ist. Um politische Ziele zu erreichen, wird diese hier nicht angewandt. Es wird suggeriert, "die Gefahr wird immer größer".

Bei den Hells Angels sind die Aufnahmeregeln sehr streng, die Aufnahmeprozesse langjährig - ein Vorteil bei der Rekrutierung neuer Mitglieder?

Wir rekrutieren keine Mitglieder! Wer zu uns kommt und zu uns passt, entscheidet sich für eine Lebenseinstellung. Und zwar für eine, die mit keinem Gesetz unserer Republik kollidiert! Die lange und intensive Probezeit gibt uns die erforderliche Zeit, jemanden gut kennenzulernen. Und dem Anwärter die Möglichkeit, sich ausführlich mit dem Klub und seinen eigenen Vorstellungen davon auseinanderzusetzen.

Reinhold Gall hatte sich als Innenminister den Kampf gegen Motorradklubs auf die Fahne geschrieben. So schien es zumindest. Hat sich unter seinem Nachfolger Thomas Strobl in dieser Richtung etwas verändert?

Herr Gall hat sich diesen "Kampf" wohl nicht auf die Fahne geschrieben. Er wurde falsch beraten und ist dem Druck seiner ehemaligen Länderministerkollegen letztendlich erlegen. Mit dem sogenannten Kuttenverbot haben sich die Innenminister vor dem BGH eine blutige Nase geholt. Das hätte eigentlich ein Anlass zum Nachdenken und Einlenken sein müssen. Ich hoffe, schon wegen der anstehenden Probleme in unserer Gesellschaft, dass das Thema Rocker zukünftig etwas differenzierter betrachtet wird. Es steht einem Rechtsstaat auch nicht an, eine ganze Subkultur pauschal zu kriminalisieren und zu diskriminieren! Hier möchte ich noch gerne auf das Buch "Jagd auf die Rocker" - erschienen im Huber-Verlag - hinweisen, dass ich zusammen mit zwei namhaften Journalisten geschrieben habe. Dieses Buch befasst sich auf fast 500 Seiten ausführlich und nachvollziehbar mit der Thematik.

Die größten Motorradklubs in Deutschland

Mehr zum Thema:

Experte fordert: Verbot krimineller Rockergruppen

Buch von Lutz Schelhorn: "Jagd auf die Rocker"

Olaf Kubasik

Olaf Kubasik

Seit 1999 beim echo – und fast ein Heilbronner Urgestein. Hat alle regionalen Themen im Blick. Kolumne: "Kubasiks Kosmos".

E-Mail:olaf.kubasik@echo24.de

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare