Manche lernen's nur über den Geldbeutel

Gaffen beim Unfall ist einfach nur widerlich

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Das Smartphone ist immer dabei - auch um bei Unfällen Gaffer-Bilder zu machen.

Sensationsgeil, aber vor allem nervig und respektlos. Unfallgaffern soll's bald härter an den Kragen gehen.

"Lasst mich durch, ich bin ein Schaulustiger." Was als T-Shirt-Spruch schon nicht wirklich witzig ist, wird in der Realität zum widerlichen Ärgernis. Schaulustige drängen sich an Unfallopfer heran, drehen mit ihren Smartphones Videos, machen Fotos von blutüberströmten Opfern und behindern die Helfer. Gerade am Wochenende wurde es in Hilgenroth in Rheinland-Pfalz besonders ekelhaft: Ein 52-jähriger Radfahrer war zusammengebrochen und starb kurz darauf. Und als ob das nicht tragisch genug wäre: Gaffer wollten die Reanimationsversuche so nah wie möglich miterleben. Dazu behinderten sie Polizisten und Rettungskräfte. Unglaublich: Anwohner beleidigten sogar die Helfer, weil diese den Namen des Verunglückten nicht bekannt machen wollten.

"Jeder hat heutzutage ein Smartphone dabei, Fotos und Videos sind da schnell gemacht", sagt Sebastian Schwarz von der Polizei Heilbronn. Sicher entstehe dadurch mehr fragwürdiges Bildmaterial als früher. Einen besonderen Anstieg in den vergangenen Monaten kann Schwarz in der Region aber nicht feststellen. Nervig ist aber jeder Gaffer. Schwarz: "Das ist respektlos gegenüber den Opfern, Helfer kommen nicht durch. Und wenn die Kollegen an der Unfallstelle die Schaulustigen abwimmeln und Anzeigen aufnehmen müssen, kommen sie kaum ihrer eigentlichen Arbeit nach."

Würden Sie Gaffern aktiv die Meinung geigen?

Klar, niemand möchte nach einem Unfall blutüberströmte Bilder von sich selbst in sozialen Netzwerken sehen. Schwarz glaubt aber, dass es bei den Gafferfotos weniger ums Bloßstellen der Opfer geht: "Da steht vielmehr die Selbstprofilierung im Vordergrund." Die Leute wollen zeigen, dass sie vor Ort waren, wo etwas passiert ist - und vielleicht sogar als erstes Bildmaterial vom Geschehen in Umlauf gebracht haben.

In Hilgenroth sprachen die Beamten Platzverweise aus. Der Bundesrat berät darüber, härtere Strafen zu verhängen, um die Opfer besser zu schützen. Geld- und sogar Haftstrafen stehen im Raum. Laut des bestehenden Paragrafen 201a ist das Anfertigen und Verbreiten von Aufnahmen hilfloser noch lebender Menschen verboten, Tote bleiben bislang außen vor. Die Behinderung von Rettungsarbeiten steht bisher nur in groben Fällen unter Strafe, zum Beispiel bei Gewaltanwendung. Störungen durch bloße Sensationsgier sind bisher nicht erfasst. Polizist Sebastian Schwarz begrüßt neue strafrechtliche Möglichkeiten: "Die helfen gegen Gaffer, da sie zur Abschreckung dienen. Oft hilft ein bloßes belehrendes Gespräch nicht. Manche lernen es eben nur, wenn's an den Geldbeutel geht."

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Daniel Hagmann

Daniel Hagmann

Als Reporter in der Region unterwegs. Hauptinteressen: Kunst, Kultur und Kokolores im echo24-Land. Kolumne: "Nachgehagt".

E-Mail:daniel.hagmann@echo24.de

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