Katastrophentourismus boomt

Nervige Gaffer! "Wir fühlen uns wie im Zoo!"

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Braunsbach wird von Gaffern heimgesucht.

Sie wollen es ganz genau wissen: Gaffer begeben sich auf Spurensuche in Braunsbach und stellen das ganze Dorfleben auf den Kopf.

Kaum ein Ort in Deutschland wurde von den Überschwemmungen und Unwettern so schwer getroffen wie Braunsbach. Wenige Wochen nach dem Unglück sind die Dorfbewohner noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Dabei sind sie aber nicht alleine. Erst waren es die vielen Helfer, jetzt sind es Gaffer!  

"Die meisten kommen am Wochenende, vor allem sonntags und nutzen ihren freien Tag, um sich ein Bild von der aktuellen Situation zu machen", sagt Gemeindekämmerer Christoph Roll.

Der Großteil der Braunsbacher findet das Nachfragen verständlich, eine Bewohnerin freut sich über die Anteilnahme der Gaffer. Allerdings gibt es auch eine Gruppe, die die Grenze des guten Geschmacks überschreitet.

Braunsbach: Noch Lichtjahre von der Normalität entfernt

Katastrophentouristen schwärmen vor allem am Sonntag nach Braunsbach aus und verbinden den Rundgang im Dorf mit einem schönen Ausflug – Kaffee trinken inklusive! Natürlich muss man die Zerstörung selbst sehen und das geht nur, wenn man sich die Häuser auch von innen anschaut. Von Privatsphäre für die Braunsbacher keine Spur. 

Gerade diese benötigen die Bürger der Gemeinde aber mehr denn je. Nach zehn Stunden Baulärm täglich sei der Sonntag der einzige Ruhetag, der bleibe, erklärt Roll.

Die Realität ist aber eine andere: aufdringliche Besucher auf Sightseeing-Tour. "Da kommt man sich schon manchmal vor wie im Zoo!", beschwert sich eine Anwohnerin gegenüber echo24.de. Außer der Zivilbevölkerung sind aber auch die Helfer vor Ort von den Gaffern betroffen. "Gestern stand ein Radfahrer 20 Minuten zum Glotzen da", berichtet Marko Tvrtkovich, der auf einer Baustelle arbeitet.

Braunsbach ist wirklich zu einer Sensation geworden! Einige Anwohner nehmen es mit Humor: "Da kann man schon mal auf die Idee kommen, dass man Eintrittsgelder verlangt."

So viel Regen: Die echo24.de-Region steht unter Wasser

Damit könnten die Braunsbacher in der Tat ihre Kassen auffüllen. Im Moment bedeutet die Völkerwanderung in das kleine Örtchen aber nur Ärger. Die Gaffer stören nicht nur die Ruhe, sie belasten auch noch den Verkehr.

Die Straßen sind überlastet und überwiegend nur für einspurigen Verkehr ausgelegt. Container stehen am Straßenrand und oft quetschen sich die Anwohner auf schmalen Gehwegen an Hauswänden vorbei. Wer glaubt da noch, dass man sich durch den Ort bewegen kann, wenn sonntags nochmal hunderte Gaffer mit ihren Autos anreisen?

Am vergangenen Sonntag war die Lage so schlimm, dass nur noch die Polizei helfen konnte. 180 Fahrzeuge wurden gecheckt. Das Problem an den Kontrollen ist nur, dass leider auch die Bewohner selbst Teil der Befragungen werden. "Ich wurde selbst auch schon von der Polizei kontrolliert, ob ich zum Gaffen komme", sagt eine Anwohnerin.

Würden Sie nach Braunsbach fahren, um die Schäden zu begutachten?

Die Gaffer sind nicht nur aufdringlich sondern auch ziemlich locker im Umgang mit der Straßenverkehrsordnung. "Anlieger frei" wird sehr großzügig interpretiert. Auch wenn man 20 Kilometer entfernt wohnt, gilt das natürlich. Kein Problem! 

Das Verkehrsaufkommen in Braunsbach erinnert daher derzeit eher an eine Großstadt, in der nichts vorwärts geht. Roll: "Die Gemeinde kann nur appellieren. Wir hoffen einfach auf das Verständnis und die Vernunft der Leute." 

Wenn sich die Sensationslustigen aber weiterhin nicht beirren lassen, müssen härtere Maßnahmen her. Dann könnte der Eintritt für Braunsbach bald wirklich teuer werden - in Form eines Bußgeldbescheids!   

Von Jasmin Stirn und Melanie Schmidt

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