Überforderte Bahnmitarbeiter und null Informationsfluss

Chaos im Regionalverkehr: Die reinste Odyssee

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Nix zu sehen: Die Anzeigentafel auf dem Jagstfelder-Bahnhof spiegelt das Bahn-Chaos exakt wider.

Der Schienenersatzverkehr funktioniert auch zwei Tage nach der Unwetterkatastrophe nicht.

Der Selbstversuch endet ernüchternd. Auf dem Bahnhof in Bad Friedrichshall-Jagstfeld. Mitten im Niemandsland. Normalerweise benötigt echo24.de-Mitarbeiterin Julia Fischer 30 Minuten mit der Stadtbahn von Heilbronn bis Gundelsheim. Aber was ist nach dem Unwetter vom Montagmorgen noch normal?

Es ist verständlich und umsichtig von der Deutschen Bahn (DB), dass sie die unterspülten Gleisanlagen gesperrt hat. Sicherheit geht einfach vor. Wie am Montag geschehen. Züge fahren aus Richtung Heilbronn bis Neckarsulm. Ab hier herrscht dann das Chaos - pardon - der Schienenersatzverkehr.

Um 13.21 Uhr besteigt Fischer die Stadtbahn Nord in der Heilbronner Innenstadt. Nahezu pünktlich und auch ohne große Vorkommnisse auf der Fahrt. Endstation: Neckarsulm Hauptbahnhof. Ab hier soll der Schienenersatzverkehr greifen. Tut er aber nicht!

Die Verwirrung beginnt bei der Suche nach dem richtigen Ausgang. Hinweisschilder? Lautsprecherdurchsagen? Fehlanzeige. Am "Ausgang Ost" ist eine Bushaltestelle zu erkennen. Allerdings auch am "Ausgang West". Die vermeintliche Rettung naht in Person zweier DB-Mitarbeiterinnen. "Können Sie mir sagen, wo der Schienenersatzverkehr in Richtung Gundelsheim startet?" Ungläubiges Staunen bei den Gefragten. Und eine - höflich ausgedrückt - wenig hilfreiche Antwort: "Wir sind doch nicht für Navigationsauskünfte zuständig."

Fifty-Fifty-Chance. Fischer entscheidet sich für Tor eins - den "Ausgang West". Weibliche Intuition? Kein Zonk, sondern der Hauptgewinn. Erste Glücksgefühle kommen auf. Die werden sogar noch gesteigert. Denn der hier wartende Busfahrer eines Fernreiseunternehmens ist besser informiert und vor allem freundlicher, als die DB-Damen mit ihren adretten Uniformen und ausdruckslosen Gesichtern. "Der Bus fährt hier ab!"

Die Heimat ist zum Greifen nah. Ächzend schließen die Türen des Busses, der auch schon bessere Tage erlebt hat und den Anschein vermittelt, einst die Opfer der Hamburger Flutkatastrophe in sichere Gefilde gebracht zu haben. Hinweisdurchsagen, wie es weitergeht, gibt es auf der Fahrt keine.

Nächster Halt: Bad Friedrichshall-Jagstfeld! Willkommen im absoluten Wahnsinn. Die Anzeige an den Bahnsteigen ist ausgefallen. "Einheimische" versuchen den hilflos umherirrenden "Ortsfremden" zu helfen, wo sie nur können. Die DB-Mitarbeiter hier sind freundlicher, bemüht, unwissend, aber ehrlich: "Wir wissen leider nicht viel. Wir können nur sagen, dass ein Schienenersatzverkehr eingerichtet wurde. Aber nicht wann und wo genau er abfährt."

Helenore Gamser aus Mosbach macht ihrem Unmut Luft: "Für die Situation kann keiner was, aber es ist unglaublich, wie wenige Informationen es gibt und dass hier wirklich niemand Bescheid weiß." Sabine Mecker legt noch einen drauf: "Hier weiß keiner, was der andere schwätzt!" Unaufhörlich tickt der Sekundenzeiger, während der Wartezeit. Auf wen oder was auch immer. Mittlerweile sind 90 Minuten seit Heilbronn vergangen. Vielleicht hätte man doch lieber vorher die Toilette aufsuchen sollen?

15:15 Uhr: Die Rettung naht. Ein "normaler" Linienbus kommt angefahren. Julia Fischer hat in der Zwischenzeit ihre Prüfung zur DB-Assistentin mit Bravour bestanden. Denn alle zwei Minuten fragt ein Passant, ob sie weiß, wie es von hier weitergeht. Natürlich weiß sie es nicht - Qualifikation erreicht. Als der Bus sich in Bewegung setzt, wischen sich manche Mitfahrer verschämt die Freudentränen aus dem Gesicht.  133 Minuten nach dem Start ist die finale Destination erreicht. Nie war Gundelsheim schöner. Alle, die es noch vor sich haben, sollten eines heute im Überfluss besitzen: Zeit!

Marc Thorwartl

Marc Thorwartl

Als Reporter bei den "Falken" immer auf Puckhöhe, auch auf regionalen Veranstaltungen mittendrin. Kolumne: "Eiskalt".

E-Mail:marc.thorwartl@echo24.de

Julia Fischer

Julia Fischer

Lifestyle, Essen und Trinken sind ihre Themen. Auch als Szene-Reporterin und bei lokalen Events mittendrin. Kolumne: "Angerichtet".

E-Mail:julia.fischer@echo24.de

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