Olympia 1936

Der Traum von Olympia“ - Hitlers große Farce als Dokudrama

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In die Heimat gelockt und dann doch ausgebootet: Gretel Bergmanns (Sandra von Ruffin) Träume von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen zerplatzen nur Wochen vor Beginn der Wettkämpfe.

München - Das ARD-Dokudrama „Der Traum von Olympia“ porträtiert zwei ganz unterschiedliche Opfer der Spiele von 1936 in Berlin.

An die Olympischen Spiele in Berlin hatten Wolfgang Fürstner und Gretel Bergmann große Erwartungen. Der linientreue Funktionär und die jüdische Hochspringerin – vom 1. bis 16. August 1936 wollten sie sich jeweils auf ihre Weise den „Traum von Olympia“ erfüllen. Das gleichnamige Dokudrama im Ersten erinnert heute um 21.45 Uhr an den großen Bluff Adolf Hitlers, das nationalsozialistische Deutschland als friedlichen, weltoffenen Staat zu präsentieren.

Rekordhalterin: Gretel Bergmann (*1914) galt als sichere Anwärterin auf eine olympische Medaille im Hochsprung.

Fürstner, gespielt von Simon Schwarz, NSDAP-Mitglied und Sportfunktionär, hat den Auftrag, vor den Toren Berlins das Olympische Dorf zu bauen. Der 1896 im damals deutschen Posen geborene Veteran des Ersten Weltkriegs hat Ende der Zwanzigerjahre die erste Sportvereinigung des Deutschen Offiziersbundes gegründet. Im Jahr 1934 bekommt er den Auftrag, die Aufsicht über das Olympische Dorf zu übernehmen. Als Kommandant des Dorfes erhofft sich Fürstner eine steile Karriere in der Wehrmacht.

Mit den mehr als 140 Häusern mitten in einer künstlich angelegten Seenlandschaft will sich das „Dritte Reich“ den Sportlern und Medien aus aller Welt als modernes Land zeigen. Neben dem „Reichssportfeld“ mit dem Olympiastadion gehört das Dorf zu den wichtigsten Projekten für die Spiele. Als Vorbild dient Los Angeles. Die amerikanische Metropole hat die Wettkämpfe 1932 mit großem Erfolg ausgerichtet.

Gretel Bergmann (Sandra von Ruffin, Tochter von Sängerin Vicky Leandros) aus Laupheim im heutigen Baden-Württemberg träumt von sportlichen Erfolgen bei den Olympischen Spielen. Sie hat zwar 1931 die 1,51 Meter überquert und damit den deutschen Rekord aufgestellt. Doch nach der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 werden jüdische Sportler systematisch aus den Vereinen verbannt.

Gretel Bergmann geht nach Großbritannien, wo sie weiter trainiert und ihre Leistungen verbessert. Sie spielt sogar mit dem Gedanken, für Großbritannien anzutreten. Die Nazis hören davon und signalisieren ihr, sie könne nach Deutschland zurückkehren. Weil sie Goldmedaillen und damit Renommee wittern, stellen die Funktionäre ihr einen Platz im Kader in Aussicht. Unverhohlen drohen sie zugleich mit Repressalien gegen ihre Familie. Bergmanns Biografie war Grundlage für den Film „Berlin 36“ mit Karoline Herfurth, der 2009 ins Kino kam. Im Jahr 2003 waren ihre Memoiren unter dem Titel „Ich war die große jüdische Hoffnung. Erinnerungen einer außergewöhnlichen Sportlerin“ erschienen. Sie sind eine der Grundlagen für die Zitate in diesem Film.

Karriereträume: Simon Schwarz als Sportfunktionär Wolfgang Fürstner.

Mit „Wochenschau“-Aufnahmen und Spielszenen zeichnen Autor Florian Huber und Regisseurin Mira Thiel die Wochen vor dem Start der Spiele nach. Von den gigantischen Bauten bis zu den Vergnügungstempeln in der Berliner Innenstadt – im Sommer des Jahres 1936 präsentiert sich Deutschlands Hauptstadt als weltoffene Metropole.

In der Ich-Form erzählt jeder der beiden Protagonisten im Wechsel von seinen Hoffnungen und Wünschen, die sie mit den Spielen verbinden. Doch nicht nur Bergmann, die auch von einigen ihrer Sportkameradinnen immer unverhohlener angefeindet wird, auch Fürstner gerät zunehmend unter Druck. Die Lage spitzt sich für ihn zu, als er dem Berliner Polizeichef Wolf-Heinrich Graf von Helldorf (Gotthard Lange) die Aufsicht über das Olympische Dorf verweigert. Das System, das Fürstner so vorbehaltlos unterstützt hat, beginnt sich gegen ihn zu wenden. Gretel Bergmann trainiert währenddessen, ohne sicher zu sein, ob die Nazis sie trotz ihrer jüdischen Herkunft doch noch nominieren werden. Ihr Vater Edwin Bergmann (Paul Faßnacht) bestärkt sie in der Hoffnung, die Zusage werde schon noch kommen.

Zwar muten die Filmmonologe etwas starr an. Und die Sprache klingt manchmal arg pädagogisch. Dafür können Huber und Thiel die Ereignisse ganz ohne die pompöse Ästhetik der Bilder von Leni Riefenstahl erzählen, die das Bild der Spiel bis heute prägt. Am Ende, das wird in diesem Film deutlich, entpuppt sich „Der Traum von Olympia“ als Alptraum und letztes Kapitel einer gigantischen Farce, drei Jahre, bevor Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselt.

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